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28.07.2021, Jamal Tuschick

© Jamal Tuschick

Die Ehe als Geschäftsmodell

“Anything you benefit from directly cannot be delegated.” Gefunden auf Instagram

Sie werden schnell erwachsen, die nordenglisch-aramäischen* Ghettograzien Þyrnirós Krasavitsa und Frumoasa Adormită.

*„Die Aramäer sind eine ... Völkergruppe, die seit der ausgehenden Bronzezeit in der Levante und in Mesopotamien Königreiche, siehe Aram (Damaskus), Arpad (Aleppo) und Hamath (Hama), gründeten, die später meist unter die Herrschaft des neuassyrischen Reiches gerieten.“ Wikipedia

In ihrem Viertel verlängert die Coalminer Brotherhood (CB) im Verein mit der Armut Traditionslinien. In einem Regime gelockerter Leibeigenschaft bestimmen Verbrecher:innendynastien Bezirksbiografien. Es scheint kein Entkommen zu geben, jedenfalls nicht für die Tochter eines Verstrickten. Frumoasas Vater zählt zu den nützlichen Idioten, den Laufburschen und Schmierestehern lokaler Größen.

Kaendahan Adormită dienen einer verkommenen Selbsthilfeorganisation im letzten Glied. Die CB kann sich jederzeit als karitative Organisation präsentieren. Sie stellt die Bürgermeister:innen in ihrem Territorium ohne Ausnahme. In ihren Netzen verfängt sich alles: das Profitable genauso wie der Bodensatz. Selbst die kältefesten, früh aufstehenden  Austräger:innen der Reklameblätter (richtige Zeitungen gibt es nicht mehr) sind Tributpflichtige der CB. 

Kaendahans Tochter erscheint in der Logik des Systems als Beifang des in Zinsknechtschaft gefangenen Vaters. Während man der außerordentlich Begabten die Förderung verweigert, darf die allenfalls durchschnittliche Þyrnirós mit Aussicht auf eine höhere Schulbildung lernen. Frumoasa revanchiert sich mit gnadenlosen Milieuschilderungen in ihren geheimen Aufzeichnungen. Siebzehnjährig heiratet sie. Die Eheschließung macht ihre Unterwerfung aktenkundig und verurteilt sie zu einem Leben im Zustand der Unterforderung. Nemurerumo Rinobijo, ein dauergebräunter, volltätowierter Sportstudiobetreiber mit rentablen Verbindungen zu einer herrschenden Familie, nimmt sie in Besitz. Er hintergeht und erniedrigt sie nach steinzeitlichen Kräften, um sich in Frumoasas Aura doch bloß zu erschöpfen. Frumoasa zieht sich den Vorwurf der Schwangerschaftsverweigerung (Hexerei) zu. Sie ergibt sich allenfalls zum Schein und bemächtigt sich der Pfründe in Reichweite. Sie beschenkt ihre Verbündeten. Für Þyrnirós macht sie bei jeder Gelegenheit die Räuberinnenleiter. Sie besorgt der Begünstigten alles Mögliche. Þyrnirós erledigt ihre Hausaufgaben zwischen Tür und Angel.

Es gibt keinen Himmel für ihre Höhenflüge. Für beide Mädchen geht es stets nur um den Abstand zum Dreck. Frumoasa vergrößert ihn (zunächst) mit ihrer Strahlkraft und Skrupellosigkeit. Þyrnirós expandiert im Schlepptau einer permanenten Eskalation mit biederem Fleiß.

Frumoasa schildert sich selbst Szenen wie zur Verifikation von Didier Eribons Thesen in Rückkehr nach Reims. Aufstieg bedeutet Abschied von der Herkunft und Nicht-Ankunft im Zielhafen. Man verödet auf halber Strecke, steril geworden im brutalen Dazwischen, oder um es mit Feridun Zaimoglu zu sagen: Den Trash kannst du dir nimmer aus der Visage wischen. Man könnte auch Hannibal Lecter als Spezialisten da zitieren, wo er den Ehrgeiz von Agent Starling als allergische Reaktion auf die Umgebung ihrer Kindheit verspottet. Siehe Das Schweigen der Lämmer.

Frumoasa ruft den Preis auf, den Þyrnirós für die Überwindung ihrer Klasse bezahlt. Frumoasa gibt die eigene Kraft der anderen ein. Die Befreiung der Schwächeren ist ein Gemeinschaftswerk. Þyrnirós gelingt das Abitur, ein Studium in London und ein Roman, den es ohne Frumoasas Aufzeichnungen nicht gäbe.

Vorderhand erscheinen die Frauen wie die zwei Seiten einer Medaille. Das täuscht. Þyrnirós ist lediglich ein Abklatsch der Eruption Frumoasa; eine in der Verbürgerlichung noch einmal verkleinerte Schmalspurausgabe.