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03.08.2021, Jamal Tuschick

#DailyStorytelling

© Jamal Tuschick

Die Montagnards von West Virginia

Für die Appalachen-Montagnards ergeben sich (in der Mittelstandsperspektive) deviante Muster, für die es weder weiße noch Schwarze Referenzen gibt

In der Hillbillyhochburg Rulmubis am Blackbird Knob Trail im Monongahela National Forest nahe Davis (Tucker County, West Virginia) herrscht eine Atmosphäre wie in "Deliverance" 

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Für einen alkoholhaltigen Tropfen Anerkennung täuscht Rōlamaupasa Dagaghagorts Interesse an Tätowierungen, Autos, Vorderschaftrepetierer, Hightec-Reusen und Baseball vor; je nachdem, was die Kumpanei mit den Freds, Jims oder Clarks, die ihrer Mutter gerade gefallen, verlangt. Die Frau führt das Leben der Trailerparknomad:innen. Ständig muss die Tochter sich neu einfinden und anpassen. Rōlamaupasa wehrt sich gegen Zumutungen, indem sie als Heimat verwirft, was die Mutter in ihrem eigenen Protest dafür nimmt. Unumstößliche Zugehörigkeit behauptet Rōlamaupasa allein zum Mountainmilieu der Großeltern in der Hillbillyhochburg Rulmubis am Blackbird Knob Trail im Monongahela National Forest nahe Davis, Tucker County, West Virginia. In der Wahrnehmung der Heranwachsenden sind Oma und Opa hagestolze Leute, unerschütterlich, bedürfnislos, hilfs- und gewaltbereit auf explosive Weise. Auf ihrem Territorium herrscht das Gesetz von No-Trespassing.

To keep out strangers - Darum dreht sich vieles direkt an einer weltweit beworbenen, in ihrer Schönheit kaum zu übertreffenden, im History-Style auf Chingachgook-im-Lederstrumpf getrimmten Wanderstrecke. Ständig laufen wohlhabende Städter:innen an zersiebten Wracks vorbei, die als Verwahrlosungsmarken von der bedrohlichen Anwesenheit halsstarriger Rednecks künden. 

In den Familienerzählungen erscheint die Bruchbude der Dagaghagorts' als Festung. In der omaopalen Obhut gewinnt Rōlamaupasa eine Identität aus Bruchstücken und Klischees rund um Bergbau- und Sägewerkstristesse, Legenden von baumstarken Rückepferden, legendäre Familienfehden und weiße Armut in den Appalachen. Blutige Arbeitskämpfe wurden in der Gegend ausgetragen. “State troops were dispatched twice in the 1880s and again in 1907 – after the assassination of an U.S. Commissioner on the courthouse steps – to restore order.” Wikipedia.

Bewusst verzichtet Rōlamaupasa auf die weite Welt ihrer trebesüchtigen Mutter. Viel lieber will sie in Rulmubis randlos dazu gehören. Sie verherrlicht eine Armee prekär-autarker Großtanten als Garantinnen biblischer Rechtsbegriffe und Bewahrerinnen konföderierter Traditionen. Die taffen Tattergreisinnen ersetzen im Verein mit der alle überstrahlenden Oma Glanapatetner den inexistenten Vater, der auch für die Mutter kaum mehr bedeutete als jeder andere Fred, Jim oder Clark.

Rōlamaupasa beschwört den Schmelz und Zauber einer Landschaft, die jede urbane Offroaderin hinreißt, die Eingesessenen aber schon lange nicht mehr den Stolz solventer Selbstständigkeit erleben lässt. Die Nachkommen von Schott:innen, Ir:innen, Italiener:inn und Pol:innen irren wie Reservatsfiguren mit Firstnationprofilen durch ihr Habitat. Auf jeder Lichtung rostet Autoschrott. Die einst auf ihre Unabhängigkeit bedachten, wohlfahrtsabholden Hinterwäldler:innen versinken einvernehmlich in Lethargie. Methamphetamin verseucht Rulmubis. Tatik Glanapatetner  vermutet die Schuld für den Niedergang nicht jenseits der Eigenverantwortung. Sie interpretiert die Verwerfungen nicht als Folgen staatlicher Vernachlässigung vor sich hin rostender Regionen und desaströser Rahmenbedingungen. Nach den Ahnenbegriffen gibt es kein Recht auf Hilfe. Tatik Glanapatetner singt das Lied vom selbstgeschmiedeten Glück im Moll einer Küchensoziologie, die lediglich vorgibt, dem Verständnis für Verlierer:innen Argumente zu liefern. Sie und ihr Mann hatten sich in den Sechzigerjahren den Torturen der Flexibilität ausgesetzt und waren in den Norden gezogen. Zwar erreichten sie da finanziell die Margen des Mittelstandes, doch scheiterten sie mit ihrem phantasmagorisch-eruptiven Lebensstil an städtischen Normen. Sie gingen durch die dreifaltige Hölle Ausgrenzung, Alkoholismus und häusliche Gewalt. Die Dresche bezog Opa. Zweimal schoss Glanapatetner auf den Gatten. Das Opfer hütete sich, der Schützin mit einer Anzeige krumm zu kommen. Endlich kehrte das Paar nach Rulmubis zurück. Bald widmete es sich dem Nachwuchs seiner im permanenten Ehekrach taub gewordenen Kinder. 

Soziolog:innen wähnen arme Weiße vom Schlag einer Tatik Glanapatetner im Abseits jedweder politischer Repräsentanz. Ihre reaktionäre Grundierung entbehrt der Vernunft. Abgehängt seit Generationen: ergeben sich für sie (in der Mittelstandsperspektive) deviante Muster, für die es keine weißen, aber auch keine Schwarzen Referenzen gibt.