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17.08.2021, Jamal Tuschick

Zwei Paare im gemeinsamen Urlaub auf Sizilien. Alle laufen schon lange in den Hamsterrädern ihrer Ehen als einigermaßen zufriedene Paare. Alle wissen, dass sie dankbar sein sollten für ein Leben auf der Sonnenseite des Globalen Nordens. Eva und Stefan leben mit ihren Kindern „in einem Haus in Kleinmachnow am südlichen Rand von Berlin“. Ludwig und Sibylle wohnen hauptstädtischer. 

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Eva und Stefan verfügen über zwei Einkommen. Sie ziehen drei Kinder auf und fühlen sich alles in allem angenommen und angekommen im eigenen Leben. Das Gelingen überwiegt. Doch am Saum des Gelingens klebt die Unzufriedenheit.

Die Autorin gibt einer aufbaggernden und aufgebaggerten Persönlichkeit den Hauptraum im Roman. Eva regt sich schnell auf, etwa im Duell mit Ludwig, einem leitenden Onkologen, der mit Sibylle, die in Neukölln eine allgemeinmedizinische Praxis betreibt, im Verhältnis zu Stefan und Eva das erfolgreichere Gespann bildet.  

Same same but different. Man hat ein Gespräch mit dem befreundeten Survivor-Team. Es reicht, um gemeinsam zu verreisen und den Gatten des Anderen zu begehren. Doch das Mehr an Spielraum der einen vermindert die Gelassenheit der anderen.

Nach dem Sex, es war einmal wieder nichts Besonderes, schläft Ludwig sofort ein, während seine Frau geistert. Sibylle schleicht sich in die Küche ihres Ferienquartiers. Sie denkt an Evas feinfühligen Mann. Oh Wunder, Stefan wartet in der Küche und wird auch gleich poetisch, wie zum Ausgleich für Ludwigs schwunglose Routine.

„Die Zypressen schützen das Haus gar nicht vor dem Wind“, melodramatisiert Stefan, bevor er in der Rolle des Fürsorglichen aufgeht. Sibylle betrachtet „seine muskulösen feinnervigen Hände“. Sie erhöht ihn und setzt sich herab. Es vollzieht sich ein klischeehafter Reigen in der Regie einer unoriginellen Realität. Sibylle sucht den Seelenswing mit dem Musischen, nach der Nummer mit ihrem Pragmatiker. Nur, geheiratet hat sie einen Ludwig und eben keinen Stefan.  

Tanja Langer, „Kleine Geschichte von der Frau, die nicht treu sein konnte“, Roman, Mitteldeutscher Verlag, 18,-

Gefühlsfaulheit

Die nächtliche Tagung zieht sich hin. Dann ist man wieder in Deutschland. Bonjour tristesse, aber Hallo. Eva sieht ihren Mann mit anderen Augen als die schwärmende Sibylle. Ist Stefans Geduld (ihrem eskapistischen Liebesleben gegenüber) nicht in Wahrheit bloß Gefühlsfaulheit? fragt sie sich in einer undurchsichtigen Gemengelage zwischen Karl, einer Nebenkonstanten, und dem „außerordentlich intelligenten und ehrgeizigen Zeitungsschreiber Martin Wildeman“, mit dem sie Eruptionen erlebt, so wie in keiner ihrer stabilen Beziehungen.

Martin bietet Eva „Aufregung, der reinen Chemie, der Erschütterung ... all die sorgsam erarbeitete Nähe (zu Stefan)! All die Mühen, sich zu verstehen! Sie (zerbröseln) in einem solchen Moment der Erregung“.

Eva fühlt sich so stark zu Martin hingezogen, dass sie ihm seine Zurückhaltung beinah nicht verzeiht. Er will nicht einfach so alles stehen und liegen lassen und mit ihr durchbrennen. 

Regelmäßiges Liebesdurcheinander

Ein „regelmäßiges (Liebes-)Durcheinander“ konstituiert Evas Leben. Zum Ausgleich beweist die quirlige Akteurin Organisationsgeschick. Doch geben die Sicherungen zum Schutz einer emotional Unsteten schließlich nach. Mit dieser Aussicht auf eine Talfahrt beginnt der Roman.

In der Handlungsgegenwart ist die beinah Vierzigjährige mit dem Klarinettisten Stefan verheiratet. Die Ehe entfaltet keine durchgreifende Bindungskraft.

„Eva wäre (Stefan) gern treu gewesen“, heißt es lapidar. Ihr kommt immer etwas dazwischen. Die Sprunghaftigkeit treibt Eva in den Aberglauben. Sie lacht über die fadenscheinigen Beweisführungen esoterischer Weisheiten.  

Von ihrer Freundin Nora lässt sich Eva die Karten legen. Die Frauen bemühen sich sehr umeinander. In diesem Verhältnis herrscht die Kontinuität, die in anderen Beziehungen verpasst wird.

Nora arbeitet als Sexberaterin, Eva in einem Auktionshaus.

Tanja Langer verknüpft die Krise ihrer Heldin mit einem unter Druck geratenen Europa. Orkane fegen über den Kontinent. Der Ätna flucht. Flüsse treten über ihre Ufer und reißen Dörfer ab, während Evas Lebensschiff krängt.

Vor der dramatischen Großwetterlage verlangen Evas Kinder Lucie, David und Sina Nudeln. Ihr Begehren gehört zum Urlaubsalltag in Agrigent.

Eva resümiert den Lauf der Welt und bemerkt doch vor allem die Emanationen ihrer schwindenden Jugend.   

Aus der Ankündigung

Was ist das eigentlich, mein Leben? 

Eva ist fast vierzig, Eva hat drei Kinder, Eva hat einen Mann und Eva geht immer wieder fremd. Und als sie vor dem Bild »Die Frau in drei Stadien« des Malers Edvard Munch steht, fährt ihr auch noch der Schreck ihrer eigenen Endlichkeit in die Glieder. Fortan – steht alles kopf: Wie geht das heute, Liebe und Eifersucht und das Leben mit Freunden, und wie soll man das überhaupt alles hinkriegen? Der tragikomische Roman entführt nach Sizilien und Norwegen, in den Orchestergraben einer Oper und den Alltag einer working mom. Tanja Langer erzählt in einer lebhaften, frischen Sprache, humorvoll und ernst, eingängig und komplex über alles, was uns manchmal im Leben zu fehlen scheint.