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19.08.2021, Jamal Tuschick

„Wer sich nicht engagiert, wird engagiert.“ Heiner Müller

„Man nimmt die Konfrontation nicht da an, wo sie einem angeboten wird.“ HM

Soziale Kommandohöhen

Adorno sagt: „Die Komplexion von handfestem Plot … und destillierbarer Idee (trägt) Sartre den großen Erfolg zu und (macht) ihn, ganz gewiss gegen seinen integren Willen, der Kulturindustrie akzeptabel.“ Sartre suggeriere, „dass auf den sozialen Kommandohöhen noch Leben sei“. Er verwebe „den Schleier der Personalisierung“ mit der Geschichte zur Beruhigung seines Publikums. 

Adorno sagt

Adorno redet leichthin über Sartre (hinweg), den er wohl für einen Verbündeten hält, aber für einen, den man nicht beim Abendessen dabei haben will. Der Franzose ist dem Embonpoint-Aktivisten* zu speckig, zu einfältig, zu populär. 

*Einst forderten Studierende den Meister auf, die Kritische Theorie in eine Kritische Praxis zu überführen. Adorno verwies auf seinen Bauch. Er sprach vom Embonpoint. Ein gesetzter Mann reiht sich nicht ein. Der hakt sich nicht unter und schreit nicht rum.  

Theodor W. Adorno, „Noten zur Literatur, herausgegeben von Rolf Tiedemann, Suhrkamp

Die Unterhakerei und das ridiküle Mit-der-Jugend-herumhüpfen wirft er Sartre subtil vor.

„Manche seiner Parolen könnten von seinen Todfeinden nachgeplappert werden. Dass es um Entscheidung an sich gehe … im faschistischen Italien hat Gentiles absoluter Dynamismus auch philosophisch Verwandtes verkündet.“

Adorno lobt Brecht, der sein theatralisches Personal der Sphäre illusionärer Irritationen von Identität und Individualität entzieht und auf der Bühne in einer Presse sozialer Prozesse reduziert, bis von der „absoluten Souveränität des Subjekts“ nichts mehr übrigbleibt.

Natürlich kriegt auch Brecht sein Fett weg.

„Die Lächerlichkeit, der Ui überantwortet wird“, spekuliert auf jene vom impotenten Distinktionshochmut erheischten, schon insofern matten Heiterkeitserfolge, die man erzielt, wenn man Hitler einen Anstreicher nennt, wobei „das Wort Anstreicher ... aufs bürgerliche Klassenbewusstsein peinlich spekuliert“.

Das ist ein Beispiel für den übersehenen Balken im eigenen Auge. Dass Hitler die bürgerlichen Barrieren vor einem Staatsamt überwinden konnte, verengt den Deutungsraum.

Unfähigkeit oder Folgerichtigkeit

Hitler sprengte den bürgerlichen Rahmen nicht. Adorno bringt ein amerikanisches Sprichwort an, um Brechts erzieherische Effizienz im Kampf gegen Hitler zu bestimmen: preaching to the saved. 

Das Zweckmäßigkeitsgehabe gehört zum Ornament des Lehrstücks. Brecht bleibt in der Form stecken, sagt Adorno. Im Lehrstückcharakter steckt ein Instrument der Abwehr institutioneller Kritik. Brecht weiß, dass er nicht mit Hitler abrechnen muss. Er tarnt sich und verschleiert, dass „ihm das Theater wichtiger als jede Veränderung der Welt ist“.

Aus der Ankündigung

Die »Noten zur Literatur« enthalten — im emphatischen Sinne —Essays. Sie setzen neue Standards der literarischen Kritik und Deutung. Sie geben — z. B. mit den Arbeiten über Hölderlin, Eichendorff, Heine, Balzac, Proust, Valéry — Modelle für ein reflektiertes Verhältnis zur geistigen Vergangenheit und liefern auch Modelle für ein produktives Verhältnis zum Ästhetischen, das immer auch ein Gesellschaftliches ist, etwa mit den Arbeiten über »Lyrik und Gesellschaft«, über »Engagement«, über Becketts »Endspiel«. Alle diese materialen Studien sind nicht nur Vorarbeiten, sondern praktisch Bausteine zu Adornos großer »Ästhetischer Theorie«. Im vierten Teil des Bandes werden diejenigen Aufsätze zusammengefaßt, die Adorno selbst für einen Band »Noten zur Literatur« IV vorgesehen hatte. Der Anhang enthält weitere literarische Aufsätze, die nicht in die »Noten zur Literatur« eingegangen sind.

Zum Autor

Theodor W. Adorno wurde am 11. September 1903 in Frankfurt am Main geboren und starb am 06. August 1969 während eines Ferienaufenthalts in Visp/Wallis an den Folgen eines Herzinfarkts. Von 1921 bis 1923 studierte er in Frankfurt Philosophie, Soziologie, Psychologie und Musikwissenschaft und promovierte 1924 über Die Transzendenz des Dinglichen und Noematischen in Husserls Phänomenologie. Bereits während seiner Schulzeit schloss er Freundschaft mit Siegfried Kracauer und während seines Studiums mit Max Horkheimer und Walter Benjamin. Mit ihnen zählt Adorno zu den wichtigsten Vertretern der »Frankfurter Schule«, die aus dem Institut für Sozialforschung an der Johann Wolfgang Goethe-Universität in Frankfurt hervorging. Sämtliche Werke Adornos sind im Suhrkamp Verlag erschienen.