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20.08.2021, Jamal Tuschick

Klaus Mann schildert sich „als Biene Maja mit Bencedrin-Flügelchen“ (Originalschreibweise). Er klatscht und tratscht auf hohem Niveau. Die ganze Emigration geht im Entre-nous einer Westentaschenvisitation durch. Die Protagonist:innen des Exils sind quasi alles untergegebene Tanten und Onkel des literarischen Großfürstensprosses. Angeblich gibt Big Shot Leon (Feuchtwanger) „taktlose Interviews“ in der Hinterzimmergemütlichkeit des Hotel St. Moritz.

Genie der genauen Gemeinheit

Klaus Mann nennt Grete Litzmann ein „übertünchtes Grab“

Klaus Mann muss sich vor keinem Gegner/keiner Gegnerin in seiner hervorragenden Familie verstecken. Als Begabung ersten Ranges schüttelt er lauter Asse aus dem Ärmel. 

Klaus Mann ist ein Genie der genauen Gemeinheit. 

„Ich war auch immer kritiklos, wenn es um die Grete Litzmann ging, weil ihre Wangen so schön violett verwest nach unten hingen.“

Ich zitiere aus Klaus Mann, „Briefe“, herausgegeben von Friedrich Albrecht, Aufbau Verlag

Natürlich kann er auch anders. Klaus Mann verzaubert, wen er seiner Verzauberungskünste für Wert erachtet. Ich nenne Bruno Frank. Klaus Mann erkennt auf Ebenbürtigkeit. Folglich verzichtet er auf den herablassenden Duktus, mit dem er Geringere traktiert. 

Sich selbst schildert er Bruno Frank „als Biene Maja mit Bencedrin-Flügelchen“ (Originalschreibweise). Er klatscht und tratscht auf hohem Niveau. Die ganze Emigration geht im Entre-nous einer Westentaschenvisitation durch. Die Protagonist:innen des Exils sind quasi alles untergegebene Tanten und Onkel des literarischen Großfürstensprosses. Angeblich gibt Big Shot Leon (Feuchtwanger) „taktlose Interviews“ in der Hinterzimmergemütlichkeit des Hotel St. Moritz.

“The Hotel St. Moritz was a luxury hotel located at 50 Central Park South, on the east side of Sixth Avenue, in New York City.” Quelle

Feuchtwangers „romantischen“ Fluchtgeschichten „bedeuten eine arge Erschwerung für … jene, die noch … in der Hölle sind“, befindet der Eliteexilant. 

Essayistischer Shot

Ein Klaus Mann unserer Tage wäre Aktivist ohne Ach und Krach. In seiner Korrespondenz antizipiert er das aktuelle Agitationsvokabular. Gern haut er den Leuten was vor den Kopf, um sich dann selbst vor den Kopf gestoßen zu fühlen, sobald die Blessierten indigniert reagieren. Ein Beispiel für den rüden Stil liefert ein Brief an Manuel Gasser aus dem Jahr 1934. 

Klaus Mann empört sich. Er wirft Gasser vor, dass jener für die „Weltwoche“ schreibt. Der Zuchtmeister nennt den Adressaten „leichtsinnig und politisch ahnungslos“. Das ist die Peitsche. Es folgt das Begabtenbonbon.

„Du hättest es verdient, in eine bessere Sache zu rutschen.“

Klaus Mann verdonnert den Gerügten:

„Gib dir Mühe, meine Gereiztheit zu verstehen ... und meine (harsche) Reaktion natürlich (zu) finden.“ 

Ephebische Intensität

In einem Brief an den aus Kattowitz gebürtigen Juristen und Kritiker Franz Goldstein (1898 - 1982) unterscheidet Klaus Mann hierarchisch lyrische von gedanklicher Schönheit zum Nachteil der glücklichen Fügung und des gelungenen Wortes. Der Exilant reagiert am 15.05. 1936 in Sanary-sur-Mer auf ein Buch, dessen Erscheinen ihm eine Goldstein-Besprechung meldete. Er revanchiert sich mit einer privaten Rezension von hoher Warte.

Klaus Mann behauptet einen umfassenden Vorsprung. Er betont einen Abstand, um gleichzeitig weit ausholend die behauptete Ferne mit feuilletonistischer Fülle zu dementieren.

Klaus Mann widerspricht sich. Er verdeckt eine Kränkung. Offenbar wähnt er sich in Reichweite einer Anmaßung, die er Gert René Podbielski (1914 - 1989) unterstellt. Um dessen „Kindheit des Herzens“ geht es nicht nur. Klaus Mann bezichtigt Podbielski, einen zu hohen Rang zu beanspruchen.  

Wie disst man auf hohem Niveau? So!

Podbielski dürfe sich mit keiner(m) Großen vergleichen. Sein Ton sei nicht neu; der Stil „gepflegt, oft hübsch“. Gelegentlich gleite die Manier (der Strich) direkt ab in die Gosse der „Geschmacklosigkeit“. Das Ganze ergäbe sich „sehr eklektisch“ und zusammengeschrieben. Klaus Mann ruft die „ephebische Intensität (und) das verspielte Pathos“ ins Feld. 

So wie Podbielski im Jetzt einer harten Zeit habe man als Begabte(r) 1925 geschrieben.  

„So darf man es nicht machen“, schreibt Klaus Mann. Man darf nicht wegen Hitler.

Klaus Mann schmälert Podbielski auf vielen Wegen und so auch im Wege der Kontaktschuld. Der Geschmähte publiziere „im Verlag Mussolinis“.

Klaus Mann gibt zu, verstimmt zu sein. Es ist nicht schwer, sich seine Lage klarzumachen. Er und die anderen Zuständigen verbergen sich in Verhauen der inneren und räumlich expansiven Emigration, während Mittelmäßige im entspannten Wettbewerb unter sich die aktuellen Genies ausloben.

Klaus Mann schreibt sich in Rage. Bald ist die Rede nur noch von einem „Produkt“, das die „Aufnahmewilligkeit“ des Rezensenten auf eine harte Probe stellt.