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24.08.2021, Jamal Tuschick

„Herrgott sind die Leute kleinbürgerlich. Wenn die Universität nicht wäre, würde ich besser tun, meine Hütte im Urwald aufzuschlagen.“ Ré Soupault 1951 über die Baseler Bürger:innen.

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Baseler Mansardenexistenz

Jahrzehnte führt sie ein Leben zwischen Avantgarde und Jetset. Geschult am Funktionsschick des Bauhauses, schöpft sie Mode im Stil der Neuen Sachlichkeit, während sie im räumlichen und geistigen Zentrum des surrealistischen Klimax verschiedene Rollen spielt. Ré Soupault (1901 - 1996) zieht in der Grandiosität ihrer erweiterten Jugend epochale Gestalter:innen an. In Paris verbindet sie sich mit Phillipe Soupault. Wäre der Renault-Erbe weniger distinguiert und stattdessen more competitive, würde André Breton seine Vorrechte weniger selbstgewiss beanspruchen. Der II. Weltkrieg reißt Ré Soupault von ihren Ankern. Bis weit in die 1950er Jahre hinein führt sie die Mansardenexistenz einer Entwurzelten, ohne ihren Mann, der erotisch außerhalb der Ehe Fuß fasst; auch wenn er sich ab und zu besinnt und seine Zuneigung per Post in Karat angibt. 

„Philippe hat mir den entzückendsten Halsschmuck geschickt, und ich frage mich, wann ich einmal Gelegenheit haben werde, ihn zu tragen.“

Ré Soupault – »Es war höchste Zeit …« Eine Avantgardekünstlerin in Basel 1948 bis 1958, Ausstellungskatalog, herausgegeben von Manfred Metzner und Martina Kuoni, Verlag Das Wunderhorn, 176 Seiten, 22,-

Zehn Jahre verbringt Ré Soupault in Basel als Versprengte; abgelöst von allen Vorkriegsselbstverständlichkeiten, dabei bodenpommerisch und unverzagt. Tatsächlich muss sie für sich selbst aufkommen. Geld verdient sie mit Übersetzungen für die Büchergilde Gutenberg. Hauptsächlich beschäftigt sie das Werk von Romain Rolland, dessen Witwe den Weg des Nachlasses in die Öffentlichkeit mit den Pollern ihrer Einwände pflastert.

Erst 1953 gelingt der Verarmten die Überwindung der Untermiete als Daseinsform. Sie bezieht eine Wohnung am Nadelberg. Die Verbesserung weitet sie. In den neuen Verhältnissen übersetzt Ré Soupault Comte de Lautréamonts (Isidore Ducasses) Gesänge des Maldoror ohne Auftrag. Den auszehrenden Akt nennt sie „die wichtigste Leistung ihres Lebens“. Die Gothic-Punkpoesie voller „syntaktischer Akrobatik“ erzeugt im Rahmen einer prekären Isolation und in den Stimmungen alemannisch-altstädtischer Einfalt zweifellos furiose Nachbilder. Lautréamont wollte als Schocker erlebt werden: „Natürlich habe ich die Register ein wenig übertrieben gezogen, um etwas Neues im Sinne einer erhabenen Literatur zu erschaffen, die die Verzweiflung nur besingt, um den Leser zu bedrücken.“

Aus dem Katalog

Bublitz, Kolberg, Bauhaus Weimar, Berlin, Paris, Tunesien, Algerien, Nord-Mittel-Südamerika, New York, Basel, Paris – das sind nur einige Stationen in Ré Soupaults (geb. Meta Erna Niemeyer, 1901–1996) Leben.

Ré Soupault kehrte 1948 aus den USA mittellos nach Europa zurück. Sie hatte von der Schweizer Büchergilde, die am 15. Mai 1933 in Zürich gegründet worden war, den Auftrag bekommen, Romain Rollands Kriegstagebücher ins Deutsche zu übersetzen. Bis 1958 lebte sie in Basel. Sie hat dort ihre Freund*innen Lisa Tetzner, Kurt Held, Suzanne Perrottet, Paul Geheeb, Walter Mehring, ihren Bauhaus-Meister Johannes Itten, Lucia Moholy und viele andere wiedergesehen.  In ihrer Basler Zeit wurde sie zur Übersetzerin, Schriftstellerin und Herausgeberin von Märchensammlungen. Sie übersetzte aus dem Französischen u. a. Lautréamonts Die Gesänge des Maldoror, Werke von Tristan Tzara sowie Philippe Soupault und studierte von 1951–1957 Philosophie bei Karl Jaspers. Parallel dazu begann sie mit dem Schreiben von Radio-Essays, die in schweizerischen und deutschen Rundfunkanstalten (u. a. Radio Basel, Radio Zürich, SWR, HR, BR, Süddeutscher Rundfunk, Radio Bremen, Freier Sender Berlin) bis in die 1980er Jahre gesendet wurden.
Die Ausstellung folgt den zentralen Bereichen von Ré Soupaults Leben und Schaffen. Der Schwerpunkt liegt dabei auf den 10 Jahren, die sie in Basel verbracht hat. Anhand von Manuskripten, Briefen, Tagebucheinträgen, Radiobeiträgen, Filmen und Fotografien entsteht so ein eindrucksvolles Bild ihres künstlerischen Schaffens in diesem Lebensabschnitt.
Mit Beiträgen von Martina KuoniSabine KubliManfred MetznerRoger Wirz.

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Ré Soupault, geboren 1901 als Erna Niemeyer in Pommern, arbeitete bereits während ihres Studiums 1921-1925 am Bauhaus in Weimar mit dem Avantgardisten Eggeling an dessen Experimentalfilm »Diagonal-Symphonie«. Über ihren Mann, dem Dadaisten und Filmkünstler Hans Richter lernte sie u.a. Man Ray und Sergeij Eisenstein kennen. Sie ging 1929 nach Paris, wo sie ihr erstes eigenes Modestudio »Ré Sport« einrichtete. Im Kreis der Pariser künstlerischen Avantgarde traf sie Phillipe Soupault. Mit ihm unternahm sie ab Mitte der dreißiger Jahre zahlreiche Reisen durch Europa und Amerika, wo sie seine Reportagen fotografisch begleitete. Seit 1946 wieder in Europa, arbeitete sie als Übersetzerin (u.a. André Breton, Philippe Soupault) und Rundfunkautorin. Sie starb 1996 in Paris.

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Manfred Metzner lebt als Verleger und Rechtsanwalt in Heidelberg. Er ist Herausgeber der Philippe-Soupault-Werkausgabe und des Werks von Ré Soupault.

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Martina Kuoni arbeitete über 20 Jahre in der Verlagsbranche in Publikums- und Fachverlagen. 2004 gründete sie Literaturspur – eine Agentur für Literaturspaziergänge in der ganzen Schweiz. Sie lebt in Basel und arbeitet freischaffend als Veranstalterin, Moderatorin und Literaturvermittlerin.