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02.09.2021, Jamal Tuschick

„Diesseitig bin ich gar nicht fassbar. Denn ich wohne grad so gut bei den Toten, wie bei den Ungeborenen. Etwas näher dem Herzen der Schöpfung als üblich. Und noch lange nicht nahe genug.“ Paul Klee

© Jamal Tuschick

Erzählende Malerei

Paul Klee war der literarischste Maler seiner Zeit und außerdem ein Maler für Schriftsteller:innen. Sein Œuvre versöhnt Luzidität mit Somnambulismus. Es entspricht einer großen Narration und gibt dem Tagtraum eine eigene Bedeutung.

Ich stehe vor Klees Bildern in der Nationalgalerie und erkenne mich wie in Spiegeln. Die Sendung dieser Kunst wurde mir mitgegeben. Von ihr bin ich vor einem halben Jahrhundert ausgegangen. Sie zeigte mir jenen Weg, den ich durchs Leben genommen habe. Am Anfang meiner persönlichen Dämmerung leuchtet noch einmal alles auf. Ich brauche die Bilder nicht mehr als Selbstvergewisserungsmaschinen. Ich lasse einfach los. 

Paul Klee, Abfahrt der Schiffe, 1927 © Jamal Tuschick

„Die Phantasie (der Künstlerin) ist keine creatio ex nihilo.“ Sie schöpft aus der „empirischen Realität“.  

Adorno erklärt Paul Klee zum Ideal der engagierten Literatur

„Glücksfeindlichkeit und Asketentum“ mit Verweis auf Luther, das sei die „deutsche Erbsünde“. Ihr Personal will keine ästhetische Autonomie. Lieber befährt sie „den Unterstrom des knechtisch Heteronomen“.

In seiner Abrechnung mit der engagierten Literatur kommt Adorno zu bemerkenswerten Schlüssen. Er verzichtet auf Sartre und Brecht als Galionsfiguren der politischen Prosaproduzent:innen, rühmt Kafka und Beckett, um schließlich in Paul Klee das Ideal der engagierten Literatur zu erkennen.

Paul Klee gehört in die Diskussion, da sein Werk literarische Wurzeln nachweist „und ebenso wenig wäre, wenn es diese nicht gäbe, wie wenn es sie nicht aufgezehrt hätte.“ Klees Angelus novus stammt aus der Karikaturenkiste. Klee schickt Wilhelm II. auf den Hohnstrich und nennt den Möchtegern-Attila einen „unmenschlichen Eisenfresser“. Sein „Maschinenengel trägt von Karikatur und Engagement kein offenes Emblem mehr“. Er ist, nach einem Wort von Walter Benjamin, „der Engel, der nicht gibt, sondern nimmt“.