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10.09.2021, Jamal Tuschick

„Wie viele Erinnerungen haben zwischen zwei Herzschlägen Platz?“  

Ralf Rothmann vor Jahren bei einer Lesung in Pankow © Jamal Tuschick

Konspirativer Segen

Wir lieben die Dichter und heiraten Ärzte. Das behauptet eine beinah lyrische Stimme in einer Geschichte von Ralf Rothmann. Da lese ich auch das schöne Wort vom „zärtlichen Zynismus“.

Wir lieben die Hasardeure, die Wilden und schlanken Stürme, um uns nach den heftigsten Enttäuschungen mit der Teakholzsolidität von alt geborenen Notaren und alles überblickenden Medizinmännern zu versichern. Deren Tamtam ermüdet dann den Nachwuchs. In dieser Einsicht verweben sich die Stimmungen der Erzählung mit der trauten Buchcafé-Atmosphäre in einer Stadt an der Grenze zwischen Mecklenburg und Pommern. Am Nebentisch planen alte Schulfreundinnen ein Fest. Sie besprechen das tägliche Brot der Verluste. Dies und das ist längst nicht mehr, was es so lange einst war. Die alten Protestantinnen kennen sich viel länger, als ihre gemeinsame Jugendweihe zurückliegt. Ich stelle mir vor, wie sie in einem Speakeasy der evangelischen Kirche einen konspirativen Segen entgegennahmen. 

Zärtlicher Zynismus

Ein Augenblick wie ein Schnappschuss von früher, als die Zeit das Dokument vom Ereignis trennte. Die Entwicklung der Fotos erfolgte im Labor. Markenbewusste wählten Kodak.

Nicht, dass das Bild erfröre, obwohl es einfach wäre, es so zu sagen. Es ist zu warm für eine Kältemetapher. Mühelos könnte ich mich um die Erfassung des Spitzenwertes der Szene drücken und Ihnen einfach vorenthalten, was Sie eh nicht besser wissen. Der Fehler ließe sich nicht nachweisen. Ich vermeide ihn trotzdem zugunsten einer äußerst flüchtigen Wahrheit.  

„Wir im Schilf“ heißt die erste Geschichte. Sie handelt von dem einen Schritt bis ans Ende der Welt. 

Ralf Rothmann, „Hotel der Schlaflosen“, Erzählungen, Suhrkamp, 22,-

Ich las die Geschichte gestern im Café einer Buchhandlung in Ribnitz-Damgarten. Es herrschte eine Atmosphäre wie im letzten Jahrtausend in einer westdeutschen Kleinstadt. Seit drei Stunden war ich weg von Berlin. Nun holte mich die Stadt wieder ein, da Rothmann ihr eine Rolle gegeben hatte.   

Emilia steigt in einen abgetakelten Mercedes. Das suspekte Taxi fährt ein arabischer Einwanderer mit viel Gold im Mund. Er erkennt die berühmte Musikerin und macht ihr ein Kompliment von zweifelhafter Güte. Vermutlich erlaubt das soziale Gefälle Emilia den Gnadenakt einer wohlwollenden Aufnahme. Vielleicht beruhigt sie aber auch nur die robuste Performance des Migranten am Steuer.  

Emilia registriert Valeurs der Potsdamer Straße. Eine Fehlermeldung irritiert die Feinhörige.

„Irgendetwas schleifte unter dem Bodenblech oder im Radkasten“, erzählt der alte Handwerker Rothmann, der bekanntlich etwas Richtiges gelernt hat und deshalb mit Chassis nicht bloß ein Wort verbindet.

„In der Neuen Nationalgalerie, dem durchsonnten Glaskubus, wurde eine große Cy-Twombly-Ausstellung gezeigt.“

Emilia identifiziert die Leerstelle des aufgeräumten Bierhimmels. Ich sage Ihnen nicht, was da jetzt verkauft wird. 

„Mit Bierhimmel und Café Jenseits hat die Oranienstraße in Kreuzberg zwei Institutionen des Nachtlebens verloren. Der Verlust ist eine Begleiterscheinung der rasanten Aufwertung des Kiezes.“ Quelle 

Emilia gerät in die Umgebung ihrer Kindheit und Jugend. Sie hatte das Glück, Iggy Pop in der Intimität jenes Berliner Milieus, das mit den bedeutenden Brit:innen und Amerikaner:innen abhing, verbunden gewesen zu sein. 

„Esther, eine Fotografin, war mit James Osterberg zusammen gewesen, Iggy Pop, und manchmal hockte der kleine Mann mit hochgezogenen Knien wie eingetopft in sein übergroßes Ego auf einem ihrer Küchenstühle und schniefte ihnen das Koks weg.“

Emilia rutscht aus einer desolaten, von einer tödlichen Diagnose markierten Gegenwart in die Ära ihrer frontstädtischen Konzerterlebnisse. Iggy Pop trat im Metropol auf und sang Calling Sister Midnight.

Eingebetteter Medieninhalt

Im nächsten Durchgang ließen die wilden jungen Frauen die wilden jungen Männer ziehen und gründeten ihre Hausstände mit den Gesellschaftsfähigen, die büffelten, während die Krassen burnten. Eine Freundin sprach das in altkluger Voraussicht an, gerade als ein äußerster Punkt des juvenilen Nonkonformismus erreicht war.

Wir werden unseren Sturm und Drang nicht heiraten. 

Der „zärtliche Zynismus (kam für Emilia) zu spät.“  

Aus der Ankündigung

»Fear is a man’s best friend« lautet das Motto von Ralf Rothmanns neuem Erzählungsband Hotel der Schlaflosen, und tatsächlich ist es oft die Angst, die seinen Figuren aus der Not hilft. Der alternde Dozent, dem während einer Autopanne in der mexikanischen Wüste die Logik der Liebe aufgeht, die Geigerin, die eine finale Diagnose erhält, oder das Kind im Treppenflur, das seine Prügelstrafe erwartet – sie alle erfahren Angst auch als spiegelverkehrte Hoffnung. Und sogar in der erschütternden Titelgeschichte, dem Gespräch des Schriftstellers Isaak Babel mit Wassili Blochin, seinem Moskauer Henker, für den eine Pistolenkugel die letzte und höchste Wahrheit ist, lässt uns der Autor teilhaben an der Einsicht, dass es eine höhere gibt.

Zum Autor

Ralf Rothmann wurde am 10. Mai 1953 in Schleswig geboren und wuchs im Ruhrgebiet auf. Nach der Volksschule (und einem kurzen Besuch der Handelsschule) machte er eine Maurerlehre, arbeitete mehrere Jahre auf dem Bau und danach in verschiedenen Berufen (unter anderem als Drucker, Krankenpfleger und Koch). Er lebt seit 1976 in Berlin.