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02.10.2021, Jamal Tuschick

Siedlungskind

Sie weiß nicht, was es bedeutet, Kind in einem positiven Sinn zu sein - beachtet und behütet. Und doch unterscheidet sich Doris äußerlich kaum von anderen Kindern. Sie wächst in einer Siedlung im Schatten von Stahlwerken auf. Das Malocher:innenmilieu von Mannesmann und Thyssen bestimmt die örtlichen Verkehrsformen. „Ein richtiger Mann“ sorgt unter herausfordernden Bedingungen für die Steigerung des Bruttosozialprodukts. Doris‘ Vater passt als Angestellter nicht ins vollblutproletarische Schema. Er steht auf der anderen Seite, um da nicht gut wegzukommen. Er ist nicht Fisch und nicht Fleisch. Herr Wind klemmt zwischen den Klassen.

Doris Wind, „Eine unfassbare Sehnsucht“, Autobiografische Erzählung, Christel Göttert Verlag, 17,-

Die Autorin erinnert einen zurückhaltenden Mann, der seine jähzornige Frau auszugleichen versucht, wenn auch nur in einem beschaulichen Rahmen. Er verhindert keine Tracht Prügel, die Doris von ihrer Mutter bezieht. Er bewahrt das Kind nicht vor alltäglichen Erniedrigungen und schon gar nicht vor der schlimmsten Pein.  

Im Grunde erschöpft sich seine Rolle in einer Leerstelle. Für Doris gibt es den vergewaltigenden Großvater, die schreckliche Mutter und einen wirkungslosen Vater, der den Schutz der Tochter verweigert. 

Die große Angst

Doris Wind erzählt auch eine Erfolgsgeschichte. Die Geschichte einer Traumatisierten, die sich am Analyse-Schopf aus dem Missbrauchssumpf zieht. Mit Bildern des Gelingens tapeziert sie die Wände eines Gefängnisses, aus dem sie nicht herauskommt. Sie sitzt in der Falle, allem Trutz zum Trotz. Manche Missbrauchsfolgen sind irreversibel. Diese Erscheinungen der Gewalt zwingen Missbrauchte, ihr Leben auf einer brüchigen Basis zu führen. 

„Die böse Hexe meiner Kindheit hieß mein Großvater.“

Zuflucht Sprache

Den ersten Ausweg bietet die Sprache. Er führt in Wörterräume, die Zuflucht gewähren. Die Debütantin avanciert auf dem schmalen Brett der hilflosen Selbstrettung als Dichterin von Versen und Dramen. Sie erlebt Anerkennung und Förderung außer der Reihe, doch die Not der Vergewaltigten bleibt unsichtbar in einem toten Winkel des sozialen Rangierens.  

Die Autorin markiert die „Nichtmerker und Wegguckerinnen“ nur abstrakt. Man ahnt eine alte Fassungslosigkeit. Auch formal changiert die Anklage im Prozesshaften. Deutlich wird das nie endende Erstaunen, in einer offenen Gesellschaft, vor den Augen der Nachbar:innen seelisch massakriert und körperlich beschädigt worden zu sein, ohne dass ein Sheriff der Gerechtigkeit dem Terror je Einhalt gebot. 

Familiäres Zerstörungswerk

Sie geht gern schwimmen, morgens vor der Arbeit. Ihre beruflichen Aufgaben bewältigt sie „kompetent und präsent“. Doppelkopf spielt sie mit Leidenschaft. Bei den Erkundungen jener Verletzungen, die ihr Leben überschatten, gewann Doris eine Dimension des Begreifens von plastischer Plausibilität. Eine Traumatherapie führte sie zu der Einsicht: Ihre Schlafstörungen sind Folgen verbrecherischer Störungen. Als unlöschbare Signale eines familiären Zerstörungswerks, gewähren sie der Traumatisierten keine durchgreifende Ruhe.  

Die Störungen des kindlichen Schlafs quittiert die von einem vergewaltigenden Großvater Verstörte mit lebenslangen Schlafstörungen.

Wie erzählt man den Schmerz aus ursprünglich namenlosen Erfahrungen, die in der unerträglichen Kindergewissheit kulminieren, kein Vertrauen in jene setzen zu dürfen, denen man anvertraut ist?

Als Autorin baut Doris Wind auf Unmittelbarkeit. Sie macht ihre Leser:innen zu Zeug:innen von Prozessen im Spektrum zwischen Bewältigung und Scheitern. Sie exitiert in einem Regime der Zweifel und der Verzweiflung. Gleichzeitig gelingen ihr soziale Stunts. Als beinah Vierzigjähre schafft sie sich eine berufliche Basis als Gas-und Wasserinstallateurin. In einem Ausbildungsmarathon qualifiziert sie sich zur Energieberaterin und Fachkraft für Solartechnik. 

In Doris vereint sich Power mit Panik. Sie setzt auf Chancen der Neuroplastizität, affiziert von den neurobiologischen Aussichten auf epigenetisches Wachstum bis zum Schluss.

Aus der Ankündigung

An die ersten zehn Jahre ihrer Kindheit kann Doris Wind sich lange nicht erinnern. Plötzlich auftretende Panikattacken und Angststörungen massivster Art zwingen die junge Frau mit Anfang 20 dazu, sich mit ihrer Vergangenheit auseinanderzusetzen. In einer Art bruchstückhaft zusammengesetztem Vexierbild zeigt "Eine unfassbare Sehnsucht" eine sehr persönliche Auseinandersetzung mit einer Kindheit und Jugend, die durch sexualisierte, psychische und physische Gewalt geprägt und fast zerstört wurde. Was sie rettet, ist die Hilfe von TherapeutInnen und Freundschaften - und das Schreiben. Sie findet die richtige Sprache, um das auszudrücken, was ihr auf der Seele brennt. Auf mehreren Erzählebenen transportiert sie eine vorsichtige Botschaft: Überleben ist möglich - mehr noch: auch Glücklichsein.

Doris Wind, geb. 1962, ist im Ruhrgebiet aufgewachsen und lebt heute in Bremen. Ihren Berufseinstieg konnte sie erst spät angehen, denn viele Jahre ihres Lebens musste sie der Traumatherapie widmen. Doch was sie ihr Leben lang begleitete, was ihr half zu überleben, ist das Schreiben. "Eine unfassbare Sehnsucht" ist nun ihr erstes veröffentlichtes Werk, in dem sie ihr Können zeigt, autobiografisches Erzählen mit lyrischer Prosa und Gedichten zu verweben.