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04.10.2021, Jamal Tuschick

Pathetisches Bedauern

Ein Mann setzt sich herab, um sich ... aufzuspielen. Pathetisch bedauert er seine geringe Anziehungskraft.

„Ihr Rock flatterte wie ein altes Geschirrtuch in der stehenden Luft der Gasse.“

So sortiert Ayami die Erscheinungen eines von Notlösungen regierten Alltags. 

Bae Suah, „Weiße Nacht“, Roman, aus dem Koreanischen von Sebastian Bring, Suhrkamp

Viel Hoffnung war nie. Stets bestimmte eine schwache Basis die Verhältnisse. Aber jetzt bricht der soziale Boden unter der Ex-Schauspielerin und Gelegenheitskellnerin Ayami.

Aus der Ankündigung

Die 28-jährige Ayami ist Assistentin im einzigen Hörtheater von Seoul, nun wird es für immer geschlossen. Ohne eine Vorstellung davon zu haben, wie ihr Leben künftig aussehen soll, streift sie bis spät in die Nacht mit dem Theaterdirektor durch die Straßen der Stadt, sie suchen nach einer gemeinsamen verschollenen Freundin und sprechen über Lyrik, Teilzeitjobs und die Vergeblichkeit von Liebe.

„In meinem Leben habe ich immer nur ausgetretene Pfade beschritten.“

Ayamis Ex-Chefin behauptet das. Eines Abends macht er seine ehemalige Angestellte zur Geisel seines Offenbarungsdrucks. Er setzt sich herab, um sich aufzuspielen. Pathetisch bedauert er seine geringe Anziehungskraft. In einem Mix aus wohlerzogener Bescheidenheit und unergründlicher Ratlosigkeit sieht Ayami darüber hinweg.

Weiter aus der Ankündigung

Am nächsten Tag verdingt sie sich als Dolmetscherin eines gerade angereisten Krimiautors, sie sprechen über Literatur, Fotografie und die Vergeblichkeit, in den Norden zu reisen. Und während die Sommerhitze Seoul in einen Tempel betäubender Mattigkeit verwandelt, hält allmählich die Vergangenheit Einzug und lässt die Grenzen zwischen Wirklichkeit und Traum zerfließen.

Weiße Nacht ist ein flirrender Fiebertraum, in dem wir in eine Welt eintauchen, die unter dem Sichtbaren liegt. Eine Welt, in der mehrere Versionen unserer selbst gleichzeitig existieren und die von Schönheit und Güte und Abgründigem bewohnt ist.

Bae Suah, geboren 1965 in Seoul, studierte Chemie und schrieb versehentlich ihre erste Kurzgeschichte, als sie das 10-Fingersystem am Computer lernte. Heute gilt sie als die originellste Stimme der koreanischen Gegenwartsliteratur. Sie hat u.a. Kafka, W.G. Sebald und Christian Kracht ins Koreanische übersetzt und hat zahlreiche Romane und Erzählungsbände veröffentlicht. Weiße Nacht ist ihr erster Roman auf Deutsch. Bae Suah lebt in Seoul und Berlin.