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17.10.2021, Jamal Tuschick

„Houellebecq verführt einen mit dem Klang und lockt einen mit seinen Gedanken in die Falle.“ André Velter

Aschenbecher-Existenzialismus

André Velter erkennt in Houellebecq „einen Außerirdischen“. Er verschätzt sich gründlich, als er auf der Basis der ersten Begegnung zu der Überzeugung gelangt, dem Debütanten fehlten zum Erfolg Voraussetzungen. Velter übersieht das Stehvermögen und die Entschlossenheit eines Ingenieurs/Informatikers* in den Labyrinthen der Lyrik. Houellebecq empfiehlt sich mit einem Gestus totaler Anti-Theatralik. Er tritt hölzern in Erscheinung. Ich finde, er hat auch etwas von einem Pinocchio. Ungerührt vergibt er die Chancen geschulter Stimmen und bühnenerfahrener Präsentationen bei der Vermittlung seines Frühwerks. Routiniers des Kulturbetriebs irritiert Houellebecq mit seinen herausfordernd minimalistischen Darbietungsvorstellungen. 

*„1978 beendete (Houellebecq) das Studium als diplomierter Landwirtschaftsingenieur.“ Wikipedia

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Velter moderierte von 1987 bis 2008 die France Culture-Sendung Poésie sur Parole.

„Dans Poésie sur Parole, la présence de la poésie d'aujourd'hui avec les poètes du monde entier, les traducteurs, les comédiens, parfois les chanteurs, comme dans une vaste chambre d'échos.“ Quelle

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Houellebecq exekutiert ein literarisches Programm. Er agiert strategischer und strukturierter als es seine aschenbecherexistenzialistische Erscheinung glauben macht. Houellebecqs Analyse von Remy de Gourmonts Gedichten offenbart den Entwurf des Analytikers.

„Gourmonts tiefergehende Kritik aber zielt auf jene Lyrik ab, die nichts weiter als eine Prosaerzählung ist, bei der man alle zwölf Silben eine neue Zeile beginnt.“

„Der Vers ist ein Wort“ im Sinn einer Einheit, einer „Sinneinheit“.

„(Es) scheint, als wäre die poetische Technik ebenso persönlich geworden wie die Lyrik selbst, die es nicht wenig ist. Die Dichter haben endlich begriffen, ob die anderen es nun zugeben oder nicht: Sie müssen sich ihr Instrument selbst fertigen oder sich den Anstrich geben, es zu tun.“

Gourmont bilanziert das 1912. Houellebecq beschriftet mit dem Fazit seinen Banner in den 1980er Jahren.  

Michel Houellebecq © Philippe Matsas/Flammarion

Poetischer Instinkt

Michel Houellebecq feiert die Lyrik als „reine Intuition des Augenblicks“. Sie verschmelze mit dem Wesenskern der Dinge. Die Intelligenz alliiere auf phantastischen Wegen mit dem poetischen Instinkt.

Der Dichter wendet sich gegen die Idee vom narrativen Gedicht. Auf „der Phonetik basierende Argumente“ erklärt er für zulässig. Das erfährt frau/man im Zusammenhang mit einer Erkundung des Werks von Remy de Gourmont, den Houellebecq als Liebhaber formaler Erklärungen glücklich, ja beseelt heranzieht. 

Die Autoaristokratisierung prahlt als Generaltitel des Subtextes: Wir, die wir es uns leisten können, formalen Fragen Raum zu geben

Agathe Novak-Lechevalier (Hg.), „Michel Houellebecq“, aus dem Französischen von Esther Hansen, Stephan Kleiner, Christian Kolb, Silke Pfeiffer, Jörg Pinnow, Julia Schoch und Bernd Wilczek, Dumont, 44,-

Erschlaffter Weltgeist

Wer den Katholizismus auf die erotische Probe oder die erotische Probe auf das Fundament der Kirche stellt, der, das erkennt Houellebecq früh, „wird natürlich von der Entweihung versucht. Remy de Gourmont gab sich ihr gelegentlich hin. Und die Gedichte der Oraisons mauvaises, in denen er den lasziven Leib der schamlosen Frau und den gemarterten Leib Christi gemeinsam betrachtet, hinterlassen den unangenehmen Eindruck einer geglückten Gotteslästerung.“

Michel Houellebecq versteht Liebe „als vollständigen Sieg über die Intelligenz“. Man müsse ihr erliegen und dürfe nichts zurückhalten. Bei den literarischen Aufschlüssen der Liebe verspricht er sich wenig vom Essay und alles vom Gedicht.

„Es bleibt eine Verständnislücke, die nur die Lyrik schließen kann.“

Houellebecq zerlegt das „symbolistische Gerümpel“ eines Verlaines oder eben eines Gourmonts, der sich zwischen der triumphal-klerikalen Gipsattitüde „Ich will nur noch meine Mutter Maria lieben“ und profaner Erregung wild gebärdete. Gleichzeitig verteidigt Houellebecq Verlaine gegen seine Angriffe. Der Nachkommende kennt den Blechgehalt der eigenen Kritik.  

„Die Beziehung zwischen Katholizismus und Erotik war noch nie einfach, und bei Gourmont haben diese Themen nichts Aufgesetztes oder Artifizielles.“

Wenn Houellebecq von einem Kollegen behauptet, jener habe „in dieser komplizierten, erstickenden priesterlichen Atmosphäre, in der sich Gott ebenso wie die Frau im Zwielicht nähert“ … wohl gefühlt, dann spricht er über sich. Er stimmt der lyrischen Einsicht zu, dass „Gott ohne die Frau nicht unendlich“ wäre.

Houellebecq äußert sich so im Rahmen von Vorformulierungen, Skizzen und lyrischen Erkundungen. Er sitzt keineswegs fest im Literatursattel. Doch beweist sein Blick eine Originalität, die das Offensichtliche nicht ignoriert. Der Katholizismus drängte die Französische Revolution zurück. Fast das ganze 19. Jahrhundert herrschte Restauration in Frankreich. Das christliche Mahlwerk zerrieb Großartigkeiten des Ideentheaters und überließ dem mediokren Pfaffen im Schatten eines Operettenkaisers die große Bühne.

Der erschlaffte Weltgeist setzte sich eine Schlafmütze auf. 

Der ganze Houellebecq

„Auszug aus der monumentalen Geschichte der nördlichen Zivilisationen“ entsteht Ende der 1970er Jahre in einer studentischen Kernschmelze. Houellebecq verfasst das uferlose Prosagedicht im Dunstkreis von AgroParisTech. „Obskure Astrologen ... durchwandern ... die Verslandschaft“. Man findet die lyrische Walze ziemlich am Anfang einer Kollektion, die von Yann Diener in Charlie Hebdo so charakterisiert wurde:

„Dieses Cahier de l’Herne erfasst die ganze Aktualität und Komplexität des literarischen und politischen Phänomens, das Houellebecqs Werk darstellt.“  

Zu Wort kommen Leute, die Houellebecq in der Novizentracht eines kaum passionierten, aber anschluss- und abschlussfähigen Studenten kannten, so wie Pierre Lamalattie, der den heimlichen Urheber von Kolossalpoesie als unkomplizierten Kommilitonen erlebt. 

„Michel war weder durch seine Familie noch durch persönliche Vorlieben zur Agrarwissenschaft gedrängt worden. Er hatte sich schlicht mechanisch eingeschrieben. Die Kurse ... waren wenig aufsehenerregend, ... ich erinnere mich vor allem an riesige Pissoirs im neobyzantinischen Stil“. 

Das Bild steht einem sofort vor Augen: ein stets gleich gekleideter, unauffällig gutaussehender Houellebecq, entspannt befasst mit der Dechiffrierung von Pissrinnenornamenten. Houellebecq erscheint keineswegs als Ausbund der Zerrissenheit. Nichts deutet die Verwüstung an, die wir sehen. 

Das Erschaudern der Epidermis

„Haben Sie keine Angst vor dem Glück; es existiert nicht.“

Mit diesem Satz kommt Houellebecq in die literarische Arena. Daran erinnert Jérôme Leroy. Der Schriftsteller reagierte als Kritiker auf Houellebecqs Debüt. Er memoriert einen kämpferischen Einstieg. Lebendig bleiben, sei „eine moderne Fassung von Rilkes ... Briefe an einen jungen Dichter (und im Weiteren) eine Kriegserklärung ab die Welt und zugleich eine Liebeserklärung an die Poesie“.   

Der junge Dichter offenbart ein körperliches Unbehagen, das ihn begleitet. Er listet Phänomene/Symptome eines idiosynkratischen Programms auf. Er arbeitet sich an der Differenz zwischen Liebe und Verlangen ab. Er zitiert Spinoza. Er entschlüsselt die Niedergeschlagenheit als einen Zustand der Unterversorgung. Houellebecqs Analysen sind zupackend; so wenn er den Gegensatz zwischen starkem Verlangen und schwacher Befriedigung für den Leser erfüllend deutet. 

Er äußert sich zu den Werken von Kolleg:innen. Im Fall von Remy de Gourmont entzündet sich eine so ein- wie erleuchtende Arabeske an dem Detail, dass Gourmont in seinen Dreißigern von einer Krankheit verunstaltet wurde, die die Schönheit seiner Gedichte paradox wirken ließ. Der Rezensent erklärt, Gourmont habe weiter einnehmende „erdverbunden-ätherische, sinnlich-empfindsame Gedichte (geschrieben). Das Erschaudern der Epidermis ist darin sehr präsent“; obwohl ihm nun, so die Suggestion, ob der Entstellung seiner Person, die Zugangsberechtigung zu dem Erfahrungsraum fehle. Darin steckt die abergläubische Vorstellung, dass nur Vorzüglichkeit Vorzügliches hervorbringt.

Aus der Ankündigung - Das Buch, an dem kein Houellebecq-Fan vorbeikommt

Für die einen faszinierend, für die anderen unerträglich – das Werk von und die Person Michel Houellebecq stellen unsere gewohnten Sichtweisen infrage und verunsichern uns.

Man kann Houellebecq nicht festlegen: Er ist Romancier, Lyriker, Essayist, Dramatiker. Und er dehnt das Feld der Literatur aus: auf das Kino, die Musik und die bildende Kunst. Mit seinen Texten inspiriert er Künstler aller Art.
Der vorliegende Band erschien im französischen Original als ›Cahier de l‘Herne‹, einer bekannten Reihe von Textsammlungen zu berühmten Autorinnen und Autoren. Es ist eine besondere Auszeichnung, wenn einem Schriftsteller schon zu Lebzeiten ein solches Cahier gewidmet wird. Michel Houellebecq zählt zu dem Kreis der Auserwählten.

Das von Agathe Novak-Lechevalier, einer ausgewiesenen Kennerin des Werks von Houellebecq, herausgegebene Cahier enthält unveröffentlichte Texte des Autors; Gespräche mit literarischen Größen wie Bret Easton Ellis; Beiträge von Freunden wie Frédéric Beigbeder und Bernard Maris, von Schriftstellerkolleginnen und -kollegen wie Yasmina Reza und Salman Rushdie, von Philosophen, Musikern, Journalisten und Journalistinnen.

Alle Texte versuchen das Phänomen Houellebecq zu fassen und zu erklären, spiegeln die Komplexität seines Denkens und die Aktualität seines literarischen Werkes wider.
Ein Muss für jeden, der diesem Schriftsteller, einem der wichtigsten unserer Gegenwart, auf die Spur kommen will.

Zur Autorin

Agathe Novak-Lechevalier hat eine Assistenzprofessur an der Universität Paris X Nanterre inne. Sie ist die Chefredakteurin des ›Magasin des XIXe sciècle‹. Neben Michel Houellebecq zählen die Werke von Honoré de Balzac und Stendhal zu ihren Forschungsgebieten.