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19.10.2021, Jamal Tuschick

Samira El Ouassil, Friedemann Karig © Nils Schwarz

Eindimensionale Universalität

Von jeher erzählen Menschen sich eine Geschichte, in der vor dem Glück die Gefahr kommt. Die eindimensionale Universalität verknüpft den (die Normalität aushebelnden) Schock auf dem Weg der Bewährung (aka einer Initiation) mit der Katharsis. 

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„Mythen sind geronnene kollektive Erfahrungen“, sagt Heiner Müller. Er beruft sich auf Ovid, der in seinen „Metamorphosen“ die Weltentstehung nach antikem Verständnis beschreibt. In dieser Auffassung transformiert sich das Göttliche im Organischen. Götter beseelen Pflanzen, ihr Atem verwandelt jeden Hain in einen Tempel. 

Samira El Ouassil und Friedemann Karig variieren Müller, wenn sie „Fiktionen mit einem verschütteten authentischen Kern“ ansprechen. Sie stellen ihren Betrachtungen den Begriff Monomythos voran. 

„... beschreibt eine einzelne konsistente Erzählung, die in ubiquitärer Weise und Ausprägungen ihren Ausdruck findet. Die von Joseph Campbell analysierten Strukturen des Monomythos ...“ Wikipedia

Inciting Incident

Die Autorinnen (ich folge einer Gender-Strategie im Buch) rekapitulieren Stadien der Heldinnenreise. In der ersten Phase lässt „eine leise Sehnsucht nach Veränderung“ die meisten Akteure Morgenluft wittern. Sie erhalten einen Ruf, den inciting incident. Ihm folgt der von Angst und Zweifeln verzögerte Aufbruch. Das Weitere erleichtert die Mentorin. 

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Die Heldin lebt von den Potentialen ihrer Hauptgegenspielerin, die sie spiegelt und oft auch in größeren Spiegeln klein aussehen lässt. Die Autorinnen bemerken, dass potente Antagonisten das Gute fundamental erschüttern können. Das Böse schwingt sich auf und erscheint dominant, bis es im letzten Augenblick überwunden wird.  

Die Konkurrenzlosigkeit des Schemas verleiht dem Binsenstrauß in all seinen Präsentationsformen etwas Monarchisches. 

Märchen & Mythen

Die Autorinnen erkennen die Nähe klassisch erzählter Märchen zum Schöpfungsmythos. Offenbar trösten wir uns schon sehr lange mit einem Erlösungstext, der dem Tod widerspricht. Auferstehung und Ewigkeit bleiben in lauter Travestien stabile Größen.

Emergenzexzess

„Geschichten sind natürliche Abenteuerspielplätze der Gedanken.“ Samira El Ouassil, Friedemann Karig

Wer sich vor jeder logischen Verirrung und allem Aberglauben gefeit fühlt, soll sich einmal vorstellen, so empfehlen es ihm die Autorinnen, wie er sich als Bewohnerin der australischen Steppe vor 37.000 Jahren vorkäme, angesichts des Emergenzexzesses einer „vulkanischen Formation“, die sich selbst aus dem Boden stampft, und „bald darauf beginnt, Feuer und Lava zu spucken“. Siehe Mount Eccles aka Budj Bim

Es geht um Kontingenzbewältigung. Die frühen Australier:innen reagierten auf die Eruption mit einer Geschichte, die von Riesen erzählt.

Samira El Ouassil, Friedemann Karig, „Erzählende Affen“, Ullstein, 520 Seiten, 25,-

“The Oldest Story Ever Told”

“A tribe in South Australia tells the creation myth of Budj Bim, a god who took the form of a volcano. His teeth became lava that spat from his mouth and flowed to the sea, creating the land that has sustained the tribe since the beginning of time.” Quelle

Wir geben Gene und Informationen weiter. Der strikte Nexus veranlasste Richard Dawkins zu der Wortschöpfung Mem. Meme sind Treiberinnen der sozialen Evolution. El Ouassil und Karig erwähnen die Funktion von Geschichten als „prähistorischem Social Content“. Stories boten Schlüssel zum Erfolg, da sie das Überleben des Erzählenden in einer menschenfeindlichen Umgebung zur Voraussetzung hatten. 

„Tote Affen können keine Geschichten erzählen.“ 

Monomythos

„Wir sind, soweit wir wissen, die einzige Kreatur, die sich ihrer eigenen Endlichkeit grundsätzlich bewusst ist.“ 

Wir erzählen uns Geschichten, um die Angst vor dem Tod zu bannen. Erzählend spekulieren wir auf ein Überleben unserer physischen Limitierungen. Die Autorinnen erkennen einen Konservierungsvorgang. Sie zitieren Hans Blumenberg, der in Arbeit am Mythos den exorzistischen Augenblick jeder Geschichte als Austreibungsmoment auf dem weiten Feld zwischen Zeit und Angst exponiert. 

Süchtig sind wir nach Erklärungen, heißt es weiter. „Die Sehnsucht nach Gründen (sei) so stark, dass Kausalität für uns selbst dort gegeben sein muss, wo wir sie nicht logisch herstellen können.“ Wir organisieren unsere Weltauffassung nach den Spielregeln der Kontingenzbewältigung. 

Die Autorinnen finden dafür ein schönes Beispiel, das für sich genommen eben auch eine gute Geschichte abgibt. 

Cargokult

Während des Zweiten Weltkrieges regnete es in einem steinzeitlichen Weltwinkel modernes Manna. In den Genuss der Wohltaten kamen Melanesier:innen, indem sie (für im Dschungel campierende Einheiten bestimmte) US-Armee-Abwurfgüter im ursprünglichsten Jäger & Sammler-Stil einsackten. Sie deuteten den Segen aus der Luft magisch und kombinierten die Sendungen mit ihrem Ahnenkult. Für sie lag eine Verbindung der Geschenke mit ihren Vorfahren auf der Hand. Die GI`s hielten sie für Inkarnierte. „Sie suchten eine korrespondierende Ebene; Anschluss und Aufschluss. Sie schnitzten Kopfhörer aus Holz ... und ahmten die Landungssignale der Lotsen nach.“ 

Sie entwarfen Flugzeugmodelle aus Stroh; der „Analogiezauber“ sollte weitere Wunder bewirken. Ihr Realitätsbegriff gestattete phantastische Annahmen. Sie konstruierten eine Kausalität bar jeder Wirklichkeit. Die Autorinnen weisen vor der Kulisse des Cargokultes auf die Schwachstellen des zivilisationserfahrenen gesunden Menschenverstandes hin.  

Aus der Ankündigung

Mythen, Lügen, Utopien - wie Geschichten unser Leben bestimmen

Eine starke Geschichte kann die Welt retten – oder sie zerstören. Sie kann Wahlen entscheiden, Menschenleben retten, aber auch Kriege auslösen und Ungerechtigkeit zementieren. Samira El Ouassil und Friedemann Karig verfolgen diese ambivalente Wirkungsmacht anhand wichtiger Narrative von der Antike bis zur Gegenwart. Und sie zeigen, welche Erzählungen uns heute gefährden und warum wir neue benötigen. Wie gelingt es, den Klimawandel so zu erzählen, dass er zum Handeln drängt? Aus welchen Überlegenheitsmythen entstehen Rassismus und Antisemitismus? Mit welchen Storys manipulierte Trump seine Anhänger, und weshalb verfangen die Lügen der Querdenker und Verschwörungsideologen? Was erzählen wir seit jeher über uns selbst ‒ als Deutsche, als Europäer, als Humanist*innen, über unsere Republik? Gibt es Alternativen dazu? Wie könnte eine wirkungsmächtige neuen Erzählung der Aufklärung aussehen? Geschichten sind ein maßgeblicher Teil unserer Sozialisation. Sie durchdringen Politik, Medien und Kultur, lehren uns, unterhalten uns, verführen uns, beeinflussen unsere Wirklichkeitswahrnehmung - vom griechischen Drama bis zur Netflix-Serie.

Zur Autorin

Samira El Ouassil, geboren 1984 in München, ist eine deutsche Autorin, Schauspielerin, Musikerin und Politikerin (Partei für Arbeit, Rechtsstaat, Tierschutz, Elitenförderung und basisdemokratische Initiative). Seit September 2018 schreibt sie für das Onlineportal "Übermedien" die Kolumne "Wochenschau". Seit 2019 moderiert sie zusammen mit Christiane Stenger den philosophischen Audible-Podcast "Sag niemals Nietzsche". Seit 2020 schreibt sie eine Online-Kolumne beim "Spiegel". Zusammen mit Friedemann Karig moderiert sie seit 2020 den Podcast "Piratensender Powerplay". El Ouassil ist Sängerin der Band Kummer und Mitglied im Verein Mensa.

Zum Autor

Friedemann Karig, geboren 1982, studierte Medienwissenschaften, Politik, Soziologie und VWL und schreibt unter anderem für die "Süddeutsche Zeitung", das "SZ-Magazin", "Die Zeit" und "jetzt". Er moderierte das für den Grimme-Preis nominierte Format „Jäger & Sammler“ von „funk“, dem jungen Online-Angebot von ARD und ZDF. "Dschungel" war sein literarisches Debüt, zuvor erschien 2017 sein Buch „Wie wir lieben. Vom Ende der Monogamie“. Karig lebt in Berlin und München.