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22.10.2021, Jamal Tuschick

„Keine Privatschule und keine der großartigen britischen Universitäten hatte diese revolutionären Jungs hervorgebracht, sondern eine zerbombte Hafenstadt im Norden.“ Hanif Kureishi

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Paul McCartney - Er wünschte sich Yoko Ono zurückhaltender © Apple Corps

Angenehme Randerscheinung

Yoko Ono wirkt als erweiternder Faktor durchgreifend und nachhaltig auf das Bandgefüge. Paul McCartney kritisiert den beherzten Zugriff. Als Freundin eines Beatles käme Yoko nach dem traditionellen Komment nur eine Sprechpuppenrolle im Rahmen eines angenehmen Randgeschehens zu.

Paul wünscht sich Yoko zurückhaltender. Er träumt von einer obsoleten Konstellation und beschwört den alten Geist. So weit, so vorhersehbar. Niemandem sollte man jene Spannungen erklären müssen, die um das Jahr 1970 die Beatles zerrissen. Yoko erscheint selbstverständlich als Idol und aktivistisches Rollenvorbild. Meinungsstark und vorsätzlich interventionistisch mischt sie die Geniegruppe auf, indem sie ihre Position selbstermächtigt definiert. Empowerment, dein Name sei Yoko.

Das bestätigen die Abschriften des Produktionsgeplauders in der Endphase Liverpooler Gemeinsamkeiten. Yoko sprengt so mühelos wie öffentlich die Grenzen eines Schmuckstücks aus Fleisch und Tuch. 

In der retrospektiven Betrachtung kaum weniger interessant ist der konservative Gestus, der Pauls schwachen Versuch, die überkommenen Verhältnisse aus dem Schlund der Zeit zu zerren, begleitet. Da spricht ein Kumpel, der wieder zurück in die Kumpelkiste will; in einen Raum, den es nicht mehr gibt. Bis Neunundsechzig ging viel aufs Haus. Man trank und überließ die Zeche der Weltrevolution. So ein aus dem maroden Nachkriegsengland ins Jetset-Paradies katapultierter Paul profitierte enorm von abgebauten Barrieren. Eine linkshändige Verfügungsgewalt ergab sich aus der familiären Nähe aller mit dem gesellschaftlichen Aufbruch markant Identifizierter. Ob Black Panther oder Black Beauty oder Black Bluesgenius beispielsweise: das lag alles auf einer Linie der Erreichbarkeit, genauso wie die C-line auf dem Luxusklosett irgendeines Musikmoguls. Yoko verkörperte einfach nur die andere Seite der Gleichung. Das musste Paul erst mal kapieren. 

„The Beatles: Get Back“ (Deutsche Ausgabe), illustriert von Ethan A. Russell, herausgegeben von John Harris, mit Beiträgen von Hanif Kureishi und Peter Jackson, übersetzt von Conny Lösch, Droemer Knaur, 44,-

Epochale Erkennungsmelodien

Die Beatles sind nicht bloß ins kulturelle Weltgedächtnis eingegangen, sondern, so wie Goethe und Shakespeare, zum Verbindungsstück zwischen Vergangenheit und Zukunft geworden, zu einer Matrix und eben auch zu einem Darm für den Brei aus dem Fleischwolf der Zeit. Sie schwammen nicht auf einer Welle. Sie waren die Welle ihrer Ära. 

Underrated - George Harrison beschwor die Harmonie in 'The Band', mit der Bob Dylan tourte. George kollaborierte mit Bob. Die beiden begegneten sich auf Augenhöhe, schwer angetan voneinander, während Paul und John einen Suprematieanspruch formulierten, der in George wachsende Widerstände auslöste. © Apple Corps

Magiebeschwörungsmonotonie

Die Geistesblitzilluminationen der Band überschreiten kaum je das Niveau nordenglischen Vorstadt-Voodoos. Um den Debattenkern drehen sich Ideen für eine Metaebene, die eine übergeordnete Perspektive auf das bloße Produktionsgeschehen erlaubt. Den Weltstarstatus untermauert ein vom Alltag poröser Originalitätssockel. Die Megamusiker sind auch nur oft unausgeschlafene Leute; ratlos mitunter von der mageren Ausbeute ihres Humors und überraschend reduziert, wie Ringo Starr, der nicht im Ausland auftreten will, weil ihm da das Essen nicht schmeckt. 

Die Beatles kennen das Rezept ihrer Magie nicht. Die Magie stellt sich einfach ein, aber wie und wann, das verbirgt sich vor jeder Offenbarung. Die Aufzeichnungen dokumentieren eine Magiebeschwörungsmonotonie. 

Die Gesprächsverläufe zeigen einmal mehr, dass Epochenereignisse nicht selten aus gewöhnlichen Rahmen fallen. Musikalische Sternstunden gab es schließlich schon in Pauls Kinderzimmer, wo er und John, Schule schwänzend, Welthits wie Love Me Do und Too Bad About Sorrows schrieben.  

Immer wieder thematisieren die Beatles ein von Streit aufgeheiztes Betriebsklima. Es gibt produktive Spannungen unter erbitterten Freunden. The Fabulous Four at work: dazu gehören Kleinlichkeiten in einer Titanenesse;  Tsunamis in Wassergläsern; Kernschmelzen, Supernovas und Pointen-Rohrkrepierer. 

In einer Szene beschwört George Harrison die Harmonie in The Band, mit der Bob Dylan tourt. George kollaboriert mit Bob. Die beiden begegnen sich auf Augenhöhe, schwer angetan voneinander, während Paul und John einen Suprematieanspruch formulieren, der in George wachsende Widerstände auslöst.  

Aus der Pressemitteilung

Die Beatles sind zurück: Das erste offizielle Buch der Beatles seit 20 Jahren  

50 Jahre nach Let It Be ist es an der Zeit, die wahre Geschichte zu erzählen: Die Dokumentation der legendären Sessions in Text und Bild erscheint jetzt mit „The Beatles: Get Back“ als aufwändiger Bildband. Worauf alle Fans seit 20 Jahren warten: Das musikalische Weltereignis des Jahres! Dieses großformatige und hochqualitativ ausgestattete Buch begleitet die Beatles bei ihren Studio-Sessions im Januar 1969, bei denen das letzte, legendäre Album Let It Be entstand. Mit bislang unveröffentlichten Fotos, Transkripten ihrer Gespräche und Stills aus den remasterten Filmaufnahmen, die damals gemacht wurden, lässt es uns die jungen John, Paul, Ringo und George so nah und lebendig erleben, wie selten zuvor. Und so werden aus den Legenden wieder vier einfache Jungs, die miteinander Spaß haben, ihrer Kreativität freien Lauf lassen und dabei doch Geschichte schreiben. Das Buch ist der durch die Band autorisierte und in ihren eigenen Worten verfasste Bericht über die Entstehung des 1970 erschienenen Albums Let It Be. Er vereint die Transkripte der Gespräche aus über 120 Stunden Original-Tonaufnahmen mit außergewöhnlich intimen Fotografien der Sessions von Ethan A. Russell und Linda McCartney und ausgewählten Standbildern aus 55 Stunden restauriertem Filmmaterial. Mit einem Vorwort von Peter Jackson und einer Einleitung von Hanif Kureishi, die Transkripte wurden zusammengestellt von John Harris. Ein echtes internationales Ereignis und ein Must-Have für alle Beatles-Fans!

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„The Beatles: Get Back“ ist die Geschichte von John Lennon, Paul McCartney, George Harrison und Ringo Starr, während sie ihre erste Live-Show seit über zwei Jahren planen. Die Dokumentation zeigt – zum ersten Mal in seiner Gesamtheit – den letzten Live-Auftritt von The Beatles als Gruppe, das unvergessliche Konzert auf dem Dach der Londoner Savile Row sowie weitere Songs und klassische Kompositionen der letzten beiden Alben der Band, Abbey Road und Let It Be.

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„Man kann wohl sagen, dass Let It Be das Ende der Beatles markiert. So zumindest lautet der Mythos. Die Wahrheit ist das nicht. Die wahre Geschichte von Let It Be lag die vergangenen 50 Jahre lang gut verschlossen in den Tresoren der Apple Corps.” Peter Jackson

Beitragende zu „The Beatles: Get Back”

The Beatles sind die erfolgreichste Band der Musikgeschichte. Von 1962 bis 1970 veröffentlichten John Lennon, Paul McCartney, George Harrison und Ringo Starr als Band dreizehn Alben sowie fünf Filme und beherrschten die Charts weltweit. Mit ihrer Welttournee 1966 erzeugten sie erstmals das Massenphänomen ausufernden Fantums, das als Beatlemania in die Geschichte einging. Sie gelten als Wegbereiter der modernen Popmusik und revolutionierten in der Zusammenarbeit mit ihrem Produzenten George Martin Prozesse des Studio-Recordings. Ihr umfassender Einfluss auf die Musik, Mode, Populärkultur und Gesellschaft der 1960er blieb einzigartig und hält bis heute an.

Peter Jackson ist ein oscarprämierter Regisseur, Produzent und Drehbuchautor. Zu seinen Filmen zählen die Trilogien zum Herr der Ringe und zum Hobbit sowie die für einen BAFTA nominierte Dokumentation über den Ersten Weltkrieg They Shall Not Grow Old. Er ist Regisseur und Co-Produzent des neuen Dokumentarfilms The Beatles: Get Back über die 1969er-Aufnahme-Sessions der Band, für den er auf 55 Stunden bislang unveröffentlichtes Material zurückgreifen konnte.

Hanif Kureishi ist der Autor von „Der Buddha aus der Vorstadt“, wofür er mit dem Whitebread Prize für den besten Debütroman ausgezeichnet wurde, von Das schwarze Album, Rastlose Nähe, Das letzte Wort, The Nothing und What Happened? Für seine Vorlage zum Film My Beautiful Laundrette erhielt er eine Oscar-Nominierung für das beste Drehbuch. Kureshi wurde ausgezeichnet mit dem Chevalier de l’Ordre des Arts et des Lettres sowie dem PEN Pinter Prize und ist Commander of the Order of the British Empire. Seine Werke wurden weltweit in 36 Sprachen übersetzt.

John Harris schreibt für den Guardian und das Mojo magazine über Politik, Kultur und Musik. Zu seinen Büchern zählen The Last Party über die Kultur der 1990er und das ultimative Buch zu Pink Floyd's The Dark Side of the Moon. Einer seiner Essays erschien im Begleitbuch der 2018 veröffentlichten Jubiläumsedition des White Album der Beatles.

Ethan A. Russell ist ein mehrfach für den Grammy® nominierter Fotograf, Regisseur und Autor von vier Büchern. Er ist der einzige Fotograf, dessen Aufnahmen auf den Covern der Alben von den Beatles, den Rolling Stones und The Who zu sehen sind. 1968 lebte der junger Amerikaner mit seiner Nikon Kamera in London und träumte davon, Schriftsteller zu werden. Nachdem er die Rolling Stones während Rock and Roll Circus im Dezember 1968 fotografiert hatte, wurde er von den Beatles eingeladen, die Get Back Sessions im Frühjahr 1969 festzuhalten und seine Fotos erschienen auf dem Cover von Let It Be. In den folgenden Jahren begleitete er mit seinen Fotografien das Who-is-Who der Rock’n’Roll-Geschichte.

Linda McCartney begann ihre vier Jahrzehnte umspannende Karriere als Fotografin und Chronistin der musikalischen Revolution der 1960er. 1967 wurde sie als amerikanische Fotografin des Jahres ausgezeichnet und schoss 1968 als erste Frau das Cover für eine Ausgabe des Rolling Stone. Linda fotografierte die Beatles von 1967 bis 1969 regelmäßig, auch während der Get Back Sessions, und heiratete Paul im März 1969. In ihrem fotografischen Werk widmete sie sich daraufhin in Richtung der Gesellschaftskritik, häuslicher Sujets und der Natur. Ihre Bilder wurden in über 70 Städten ausgestellt und sind Teil der Sammlungen des Victoria & Albert Museum sowie der National Portrait Gallery in London.