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01.11.2021, Jamal Tuschick

1966 fielen der Kulturrevolution fünfhundert Klaviere im Konservatorium von Shanghai zum Opfer. Der als Volkserhebung inszenierte Staatsterror zwang Direktor He Lüting (1903 – 1999) auf die Streckbank. Man unterwarf den „bourgeoisen“ Komponisten öffentlich der Folter, um ihn zur Selbstkritik zu ermutigen. Lüting widerstand. Schließlich wurde er in sein Amt zurückgerufen.

He Lüting 贺绿汀 Song of the Guerrillas (1939)

Eingebetteter Medieninhalt

Gesummte Fragmente

Madeleine Thien erzählt eine wahre Geschichte auf den Umwegen der Fiktionalisierung. Ein Degradierter spielt nachts Schallplatten ab und summt Fragmente von Liedern, die nur noch mündlich und illegal überliefert werden. Seine Tochter, eine Computerkoryphäe, demonstriert Jahrzehnte später auf dem Pekinger Platz des Himmlischen Friedens und flüchtet nach dem „Zwischenfall vom 4. Juni (1989)“, so die offizielle Sprachregelung, nach Vancouver. Da begegnet AI-Ming dem Kind Marie. In diesem Verhältnis wird sie zur unterweisenden Person.

Madeleine Thien, „Sag nicht, wir hätten gar nichts“, Roman, auf Deutsch von Anette Grube, btb, 12,-

Thien lässt eine Reihe Hochbegabter in familienförmigen Kolonnen aufmarschieren. Ihre Erzählerin ist die sino-kanadische Mathematikerin Jiang Li-Ling, genannt Marie. Im Alter von zehn wurde sie von einem Doppelschlag des Schicksals getroffen. Ihr Vater, ein dissidenter Pianist, verließ sie und brachte sich dann um. Nun ist sie dreißig und versteht noch immer nicht, was damals geschah. Ein Reiz des Romans ergibt sich aus dem Abstand der Erzählerin zu den Gegenständen der Erzählung. Marie orientiert sich an Charles Dickens – und Godfrey Harold Hardy. Der Zahlentheoretiker sagte einmal: „Ich habe in meinem Leben nie etwas Nützliches getan.“ Thien zitiert ihn mit der Charakterisierung, die Mathematik sei „das Strengste und Unnahbarste“ im kosmischen Angebot. Hardy sprach so über Schönheit.

Maries anglo-kanadische Prägung imprägniert sie. Das chinesische Kriegs- und Revolutionsgeschehen erscheint im Spiegel der zerbrochenen Biografien ihrer Altvorderen phantasmagorisch. Die Metaphorik krampft. Der „abgeschlagene Kopf eines Soldatenjungen auf dem Stadttor“ wird seltsam zum Sinnbild der Einsamkeit.

Die Schlechten setzen die an Babylon heranreichenden Zivilisationserfahrungen in den chinesischen Apparaten gegen die „Reaktionäre“ in Paarungen von organisatorischer Effizienz und Sadismus barbarisch ein. Die Guten sind mit der Bewahrung geistiger Konterbande beschäftigt. Der Treibstoff aller Traditionen und jedes Fortschritts wird unter dem Schorf (in den Fleischstein) geschlagener Wunden in Sicherheit gehalten. Partituren und andere Aufzeichnungen bleiben wie Schätze verborgen, während Maos Garden „rechtsabweichende“ Intellektuelle malträtieren. „Sag nicht, wir hätten gar nichts“ liest sich wie eine Fundamentalkritik an Versuchen, die Kulturrevolution als einen Zukunftsmotor der Vergangenheit ins Museum zu stellen.

Aus der Ankündigung

Ein preisgekrönter Roman über China von den 1940ern bis heute, über zwei eng verbundene Musikerfamilien und ihr Schicksal. Die herzzerreißenden Lebensgeschichten der Musiker, ihrer Freunde, Familien und Geliebten, die in den Strudel der Politik geraten, in das Auf und Ab von Revolution, Gewalt und Unterdrückung, führen zu der universellsten und zugleich privatesten aller Fragen: Wie kann der Mensch sich selbst treu bleiben, lieben und kreativ sein, wenn er sich verstellen und verstecken muss, weil er um sein Leben fürchtet?

Madeleine Thien wurde 1974 in Vancouver, British Columbia, geboren. Ihre Eltern stammen aus Malaysia und China und emigrierten in den 1960ern nach Kanada. Sie hat mehrere Romane und Erzählungen veröffentlicht, ihr Werk ist in 25 Sprachen übersetzt. Für ihren Roman »Flüchtige Seelen« wurde Thien 2015 mit dem LiBeraturpreis von Litprom ausgezeichnet. »Sag nicht, wir hätten gar nichts« kam 2016 auf die Shortlist des Man Booker Prize und wurde ausgezeichnet mit dem Governor General's Literary Award und dem Scotiabank Giller Prize, den höchsten Literaturpreisen Kanadas. Madeleine Thien lebt in Montreal.