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09.11.2021, Jamal Tuschick

Symbolfoto © Jamal Tuschick

Psychologische Kalk-Ablagerungen

Premiumprimat - „Sex ist ein stabiles System egoistischer Formen, die um die Sonne der Eitelkeit kreisen.“ Pola Oloixarac

Im Rahmen eines Initiationsgeschehens versetzt das Volk der Orokaiva auf Neuguinea den Nachwuchs in Angst und Schrecken. Maskierte treiben Kinder mit Lanzen „ins Zentrum der Angstrituale“. Sie erzwingen die Erfahrung, Beute zu sein. Die „esoterischen Torturen“ stellen den Auftakt umfangreicher Belehrungen dar. Am Ende erhalten die Geschulten ihre Zugangsberechtigung zur Jagdgemeinschaft. Die Familien- und Hausstandgründung erfolgt im nächsten Schritt. 

Ich zitiere aus Pola Oloixarac' „Wilde Theorien“, Wagenbach, 251 Seiten, 22,-   

Im Akut des Romangeschehens geht es auch um Partizipationskulte in fortgeschrittenen Gesellschaften. Die Akteure kreieren wilde Theorien. Sie verfallen auf solche Einsichten:

„Sex ist ein stabiles System egoistischer Formen, die um die Sonne der Eitelkeit kreisen.“

Oloixarac' Akteure Kamtchowsky und Pablo fragen sich:

Was steckt in den ältesten Kammern des Bewusstseins? Wo beginnt das Gedächtnis der Menschheit?

Will man den Anfang mit einem Wort benennen, dann ist Angst das Wort. Kamtchowsky bringt es auf den Punkt:

Auf den Spuren der Erinnerung erleiden wir immer noch das Grauen des avancierten „Primaten, der im Übergang zum Menschen ... zur Beute von Raubtieren“ wird. Der Premiumprimat bleibt animalischen Prozessen ausgeliefert, obwohl er darüber hinaus gewachsen ist.  

Die Angst der Ahnen liefert uns Hauptbegriffe. 

„Nachdem die Menschen über Millionen von Jahren ein minderwertiges Element auf der Speisekarte von Raubtieren und daher ständig auf der Flucht gewesen waren, nutzen sie ... Waffen zum ersten Schlag gegen die Macht der Bestien.“

Das Ich kommt mit dem Speer. Bewegung & Bewusstsein sind zwei Seiten einer Medaille. Der Speer wird zum Ich. Im entfesselten Wir erzeugt der moderne Mensch die Überlegenheit der Bestie. Doch zwingt ihn ein unbeugsamer Egoismus immer wieder auf den Abtritt der Vereinzelung.

„Die Verben des Kriegers (jagen, erlegen, kämpfen) sind das Vorspiel für sexuelle Beziehungen“, referiert Kamtchowsky. Sie fungiert als erzählende Heldin und bezieht sich auf eine Instanz. Die Koryphäe wusste:

„Alle Formen des Verständnisses sind psychologische Kalk-Ablagerungen der ersten Begegnung mit wilden Tieren.“

Bewusstsein und Beute

Auch Feinberg/Mallatt entwickelten eine Theorie, nach der das Bewusstsein eine Funktion der Jagd ist.

Das Bewusstsein kam ins Spiel, „damit die ersten Raubtiere ihre Beute erlegen und die ersten Beutetiere ihnen entkommen konnten“.

“About 520 to 560 million years ago, they explain, the great Cambrian explosion of animal diversity produced the first complex brains, which were accompanied by the first appearance of consciousness; simple reflexive behaviors evolved into a unified inner world of subjective experiences. From this they deduce that all vertebrates are and have always been conscious—not just humans and other mammals, but also every fish, reptile, amphibian, and bird.” Quelle