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18.11.2021, Jamal Tuschick

© Jamal Tuschick

Heiner Müller in seinen eigenen Worten

„Der Hildesheimer hat gesagt, daß er es für sinnlos hält, heute noch zu schreiben … (da es keine Nachwelt mehr gibt.) Das ist etwas ganz Defätistisches. Wenn ich eine Arbeit mache, dann mache ich sie doch, weil ich diese Arbeit gern mache, weil ich sie so gut machen will wie ich kann. Da ist es doch uninteressant, ob das fertige Produkt morgen in einem Museum steht oder wie eine Flaschenpost im Atlantik treibt.“

In der Flaschenpost steckt der Auftrag, Selbstermächtigung und Neubeschriftung. Müller vergleicht die eigene Gattung mit den Silberfischen in seinem Badezimmer. Das könnte Dittsche (Nachgucken, ob es den vor Mitte der Neunziger schon gab!) nicht besser: „Aber manchmal, morgens, wenn ich ins Bad komme, hat sich wieder einer die Wanne hochgearbeitet. Den spül ich dann weg; drei Tage später ist wieder einer da, wahrscheinlich nicht derselbe, die leben ja irgendwie kollektiver. Für den Silberfisch ist das, was sich da abspielt, Geschichte. Aus hinreichend astronomischer Entfernung ist unsere Geschichte auch nichts anderes als der Versuch, an den Rand der Badewanne zu gelangen. Was die Silberfische nie schaffen, solange die Wohnung bewohnt ist.

Bleibt die Frage, wer wohnt gegen uns?

Das ist die Sinnfrage. Dieser Drang nach oben ist in uns drin. Wie bei den Silberfischen. Dabei haben sie es doch gut in den Leitungen. Was treibt sie aus der Wanne? Überdruß am Alltag, Lust auf Abenteuer, Grenzüberschreitung? Lust auf Schuld und Sühne?“

Ostberlin 1980

„Gegen Hitler zu sein, hieß über Stalin schweigen.“ 

Inge brachte das Zitat an. Wir waren in der Wohnung einer Bekannten, die Bekannte war verreist. So wurde mir das erklärt, dass ich mich nicht wunderte, wenn Inge in der Immanuelkirchstraße eine Wohnungstür aufschloss und alle Pflanzen aussahen wie gerade gegossen. Wir begingen unsere kleinen Zimmerfluchten aus der Welt, im Übrigen redeten wir über den nie überwundenen Faschismus in der Bundesrepublik. Die Immanuelkirchstraße splitterte in der Winsstraße. Da schoss Wind wie auf einer Eisbahn zum Alexanderplatz. Die Straße war Kanal und Korridor für einen lebenswichtigen Luftaustausch.

Inge korrigierte meine Aussprache. Bei Thomas Brasch und Winsstraße lag ich falsch mit meinen Betonungen. Das schien Inge intensiv zu stören.

Bevor eine Vertrauensblase platzt, durchläuft jeder eine Phase, in der er sich selbst widerspricht. Er bekämpft den eigenen Verstand und Instinkt. Er will ganz einfach nicht die Brustwärme des Vertrauens auf einem Abtritt des Misstrauens verlieren. Er will nicht auskühlen. Inzwischen ahnte ich zumindest, wie tschekistisch-professionell Inge war. Wir hatten ein Wochenende in der Tschechoslowakei verbracht und waren mit Malév Hungarian Airlines von Schönefeld nach Budapest geflogen. Ich glaube, das war Stasi-Standard in der Deluxe-Version. Wenn ich Inge von der Fahne zu gehen drohte, kam sie mit Heiner Müller an oder sie machte mich zum Helden in einem Roman, der von einer Familie handelte, die Inge mit mir gründen wollte. Ihre Ehe stellte sie als Zweck- und mehr noch als Zwangsgemeinschaft dar. Das entschärfte die Kinderlosigkeit des Paars in einem Land, in dem eine Frau mit Dreiundzwanzig Spätgebärende war.

Inge bat mich, ihr beim Schreiben zu helfen. Ich gewöhnte ihr Schachtelsätze ab, angefeuert von ihrer (vorgeblichen?) Bewunderung für meinen mühelosen Stil. Inges Halbschwester war aus einem „Irrtum“ ihrer Mutter hervorgegangen. Die Mutter strich den Irrtum aus ihrem Leben, da saß er noch vor seinem Terrarium in einer Remise ihrer Eltern. Er störte im aufkommenden Frieden und wusste das auch. Er hörte den Bierkutscher auf das letzte Pferd im Ort einschlagen. Ohne ein Wort der Verwünschung schlug der Kutscher das Pferd. Jeden Morgen wurde einer vom Baum geschnitten, bei dem man das nicht gedacht hätte.

Aus dem Off der Vergangenheit - In der Gegenwart von 1945

„Das ist eine andere Zeit“, sagte Inges Mutter ungeduldig am Küchentisch. Sie strich die Decke glatt. Immerhin noch eine Decke auf dem Tisch.
„Sie werden dir nie vergessen.“
„Denk an das Mädchen.“
„Der Doktor Diepholz hat sich doch auch,“ sagte sie. „Und wenn man bedenkt, wie zimperlich der war.“

„Herrgott, wann kriecht du zum Stall, dich am Dachstuhl endlich aufzuhängen.“
„Du lässt nichts zu wünschen übrig für mich. Die Russen werden sich auch an dich, die Lütten und Alten halten“, sagte der Irrtum.
„Sie werden sich um uns gar nicht groß kümmern“, erklärte Inges Mutter kategorisch. „Wir werden ohne einen Unterschied für sie sein, grau wie Asche. Ein Sklavenvolk aus Weibern und Greisen und Kindern in Schande.“

Die Frau war dann so freundlich, dem Irrtum eine Schlinge zu knüpfen auf dem Heuboden der Schwiegereltern. Er hatte eingeheiratet und wie die Made im Speck gelebt und jetzt war seine Zeit abgelaufen.
„Nun tut ihm nichts mehr weh“, sagte Inges Großmutter. Die Russen wollten Wein, sie holten Geschirr aus den Häusern und registrierten die Verlierer auf dem Marktplatz. Sie hielten ihre Pferde im Schloss. Nach den ersten Aufregungen rieten die Sieger der Bevölkerung, die Kirche im Dorf nicht länger zu beachten.

Mit bloßen Händen räumte Inges Mutter Schutt, eine deutsche Aufsicht im Nacken. Die Männer auf den Baustellen waren gebildete Leute. Zwangsverpflichtete Nationalsozialisten. Lehrer, Architekten, Richter. Sie kriegten Schwerstarbeiterzulage und hatten Gerät. Die Losung der Kommunisten lautete: besser leben. Das war ein Witz.

Puppen auf den Feldern, auf einer Wiese klumpten sich Schlangen zur Paarung. Es gab einen Fleischsoll: abzugeben an den Staat, der immer noch Zone hieß. Die Bauern murrten und verschanzten sich.

Diese Ehe war ein Irrtum“, sagte Inges Mutter fünf Jahre später, nun wohnhaft in der Thälmannsiedlung. Die Postanschrift lautete Lehnitz/Nordbahn. Eine Briefmarke kostete 15 Pfennig.

Mit bloßen Händen geräumt, dankbar für Brot. Jetzt war aber der 24. Februar 1950. Inges Mutter schwebte mit einer Anfrage des Ministeriums für Volksbildung (Hauptabt. Kunst und Literatur, gez. Schöningh, Berlin W1, Wilhelmstraße 68, Tel. 420018) in das Büro ihres Chefs. Der Chef hieß Rudi Engel, er stellte den Direktor der in Gründung begriffenen Akademie der Künste am Robert Koch-Platz dar.
Engel, ein verdienter Mann, hing in den Seilen einer harten Nacht mit den sowjetischen Waffenbrüdern. Wer nicht mithielt, wurde erschossen.
„Lies vor, Genossin“, verlangte er.

Inge las: Betr. Geburtstag Thomas Mann
Ich bitte um Mitteilung, ob anlässlich des 75. Geburtstages von Thomas Mann am 6.6.50 bereits feste Vorstellungen bestehen, wie und in welcher Form eine Ehrung für Thomas Mann erfolgen soll. Ich bitte um Bescheid, um dem Minister über diese Angelegenheit berichten zu können.

„Das klären wir“, verkündete Engel. Er griff in eine Lade seines Schreibtischs.
„Du auch?“ fragte er. „Ach, was frage ich. Die Partei hat immer recht.“
Inges Mutter entlastete Engel, wo sie konnte. Sie schenkte ein und zündete ihrem Chef eine Zigarette an, Westqualität vom Schwarzmarkt. Sie zeugte Inge (das behaupte ich jetzt einfach mal so) mit Engel, dann bat der Chef zum Diktat.

An Herrn Johannes R. Becher, Kulturbund, Berlin W8, Jägerstraße 1
Betr.: Geburtstag Heinrich und Thomas Mann

Wie Ihnen sicher bekannt ist, ist am 27.3.1950 der 79. Geburtstag von Heinrich Mann und am 6. Juni der 75. Geburtstag von Thomas Mann. Da aller Voraussicht nach die Akademie am 24. März gegründet wird, muß sicherlich zum 27.3. in irgend einer Form der Geburtstag von Heinrich Mann begangen werden.

Der 75. Geburtstag von Thomas Mann ist schon der runden Jahreszahl wegen Reichssache und Republik relevant.

Mit sozialistischem Gruß und festem Händedruck

Rudi Engel