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23.11.2021, Jamal Tuschick

Nihilistische Aufklärung

Während eine Besatzung „in der Themsemündung auf den Tidenhub“ wartet, verfällt der Seemann Marlow in Erzähltrance. Johann Hinrich Claussen stellt die Szene so dar in einem in Sinn und Form publizierten Aufsatz mit der Titel-Unterzeile „Joseph Conrads nihilistische Aufklärung“.

„Bewegungslos und stumm hocken die ... (Zuhörer) im Nebel.“

Sie erliegen schließlich einem Sog, der sie gewissermaßen unter Wasser zieht. Sie ertrinken, ohne zu sterben. Marlow sagt viele kluge Dinge. Im „kulturellen Fortschritt“ erkennt er, so Claussen, „eine Maskierung der Gier“. Aber der Satz, der die Erzählung unsterblich macht, lautet:

„Ich habe das Grauen gesehen.“ 

“I saw on that ivory face the expression of sombre pride, of ruthless power, of craven terror - of an intense and hopeless despair. [...] He cried in a whisper at some image, at some vision - he cried out twice, a cry that was no more than a breath: “’The horror! The horror!’”

Eingebetteter Medieninhalt

Hauke Goos, „Schöner Schreiben. 50 Glanzlichter der deutschen Sprache von Adorno bis Vaterunser“, ein Spiegelbuch in der DVA, 207 Seiten, 18,-

Den gleichen Drive hat Allen Ginsbergs Poem-Perle (aus Howl): “I saw the best minds of my generation destroyed by madness, starving hysterical naked.”

In Jean-Pierre Melvilles „Eiskaltem Engel“ aus dem Jahr 1967 steht vor allem der Bushidobibelspruch: „Es gibt keine größere Einsamkeit als die eines Samurai, außer vielleicht die eines Tigers im Dschungel.“ Zwei Jahre später unterstellt der Regisseur seinem Résistance-Drama „Armee im Schatten“ ein Fazit von Georges Courteline: „Mauvais souvenirs soyez pourtant les bienvenus. Vous etes ma jeunesse lointaine.“

*

Goos belegt zuerst mit einem Zitat aus dem „Engel“ seine Faszination für das illuminierte Wort, den Buchstabenzauber, Silbenfetisch, die magische Destillation, das petit objet trouvé. Der von Alain Delon verkörperte eiskalte Killer Jef Costello behauptet in einer Szene aus dem Souterrain des Geschehens: „Ich verliere nie ... niemals wirklich.“ Indirekt formuliert Costello so seine Arbeitsmoral. Sie koinzidiert mit Marlon Brandos Horrorrede: Sie haben das Recht mich zu töten, aber nicht das Recht, mich zu verurteilen. “Even the jungle wanted him dead, and that's who he really took his orders from anyway.”

Die meisten Menschen können so frei nicht atmen. Ich möchte deshalb noch einmal auf Claussen zurückkommen, der indirekt erklärt, warum wir von einem Satz angehoben werden können, während ganze Romane weiter nichts bewirken, als Langeweile. Claussen erkennt eine beinah antinomische Disposition in der Figur des Marlow. Auf seiner Retrospektive lastet keine Tragik. Doch entwertet der Mangel an tieferer Bedeutung den erinnerten Enthusiasmus nicht. Claussen spricht von „illusionsloser Nostalgie“. 

„Marlow klärt die juvenile Euphorie über ihre prinzipielle Nichtigkeit auf und reißt alle harmonisierenden Verschleierungen weg, so dass am Ende nur das Faktum nackter Vergänglichkeit bleibt.“

Aus der Ankündigung

Seit vielen Jahren sammelt Hauke Goos in seiner beliebten SPIEGEL-Kolumne »Schöner schreiben« Glanzstücke der deutschen Sprache: Sätze aus Romanen, Auszüge aus Briefen oder Passagen aus Reden, die zeigen, was Sprache leisten kann – nicht nur Inhalte zu übermitteln, sondern dabei auch originell, elegant und kraftvoll zu klingen. Die 50 schönsten dieser Fundstücke erscheinen nun erstmals in einem Buch. Klassiker finden sich darunter, aber auch moderne Sprachartisten: Büchner und Kafka, Rosa Luxemburg, Sigmund Freud und Wolfgang Herrndorf, die Bibel, Joseph Roth und Benjamin von Stuckrad-Barre. Jedes einzelne eine Einladung, einen Autor, ein Werk oder eine Schreibschule kennenzulernen und die Magie der deutschen Sprache zu entdecken.

»Der ›Spiegel‹-Kolumnist feiert Glanzstücke deutscher Sprache [...]. Und zwar so schön, dass er in sein eigenes Buch gehörte.« FOCUS (13. November 2021)

Hauke Goos, Jahrgang 1966, arbeitete nach dem Geschichtsstudium zunächst für das SAT.1-Magazin »Akte«, ehe er 1999 zum Magazin SPIEGELreporter kam. Seit 2001 schreibt er für das Reportagenressort des SPIEGEL. Er lebt in Hamburg.