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04.12.2021, Jamal Tuschick

Lob - Lob - Lob

Lieber Herr Tuschick,

toll, vielen Dank!

Herzliche Grüße sendet

Frauke Müller

Presse- und Öffentlichkeitsarbeit Sachbuch | Publicity Nonfiction

Penguin|C. Bertelsmann|Deutsche Verlags-Anstalt|Pantheon|Siedler

Nairobi unter dem Honigmond

Kolonialgeschichte von innen. Tom Buk-Swientys Blixen-Biografie gibt einmal noch dem weißen Kolonialgefühl Raum. Man kann das Buch nicht lesen, ohne mit Erstaunen festzustellen, wie fest die imperiale Afrika-Sehnsucht im kulturellen Gedächtnis ankert. Generationen wurden nicht zuletzt mit Abenteuergeschichten auf die Ausfüllung der Herrenmenschenrolle vorbereitet. Man reagierte erfrischt auf die Schilderungen einer überwältigenden Natur voller steinzeitlicher Einschüsse, die einem Zeitkapselerlebnisse im Wohnzimmer verschaffen konnten.  

*

Sie sieht Löwen in die Augen und schläft unter dem Kreuz des Südens. Vor allem jedoch baut Karen Blixen mit ihrem Mann eine Kaffeeplantage im nairobischen Hochland auf. Das landwirtschaftliche Unternehmen basiert auf keiner Tradition. Alles steht auf Anfang. Nairobi war ursprünglich lediglich eine versumpfte Zeltlager-Etappe am Saum des britischen Protektorats Uganda. Das Camp gewann Bedeutung im Zuge eines Eisenbahnbaus durch das Hoheitsgebiet der Massai und Kikuyu. 1899 entstand da der Hauptsitz von Uganda Railways, von Kritiker:innen Lunatic Line genannt.

Nairobi ist Hauptstadt von Britisch-Ostafrika und Zentrum des Jagdtourismus, als Karen sich akklimatisiert und Afrika zu lieben beginnt. 

Als sei es ein Stück von Ibsen

Als die frisch vermählte Baronin Blixen Nairobi kennenlernt, leben da „knapp vierhundert Weiße, zweitausend Inder und circa viertausend Afrikaner“. Nicht weniger als tausend Einheimische begrüßen das skandinavische Aristokratenpaar auf ihrer eben erworbenen Kaffeefarm MBagathi im nairobischen Umland. Karen Blixen registriert lauter „splitternackte Männer“. Sie folgen den neuen Herrschaften „mit dröhnendem Gesang“. Im engsten Kreis des Plantagenhaushalts agieren expatriierte Schweden. Erschlagen von der Baufälligkeit des Anwesens, kehren die Flitterwöchner zurück nach Nairobi  und quartieren sich standesgemäß im Norfolk Hotel ein. Sie verbringen da ihre Hochzeitsnacht.  

„Das Fairmont The Norfolk ist seit 1904 ein beliebtes Wahrzeichen und spielt eine zentrale Rolle im historischen Erbe Kenias, insbesondere während der Zeit, als sich Nairobi rund um das Hotel zu einer modernen Stadt entwickelte.“ Quelle  

Tom Buk-Swienty, „Die Löwin. Tania Blixen in Afrika“, Biografie, aus dem Dänischen von Ulrich Sonnenberg, Penguin Verlag, 32,-

Zur familiären Vorgeschichte

Am Ende eines Opernabends erhängt sich der Vater.

Gegeben wurde Verdis Aida. Während der Vorstellung war Wilhelm Dinesen (man kannte den noch nicht einmal fünfzigjährigen Schriftsteller und Politiker als Hauptmann Dinesen im ganzen Land) „bester Laune gewesen.“

Den Kindern sagt man die Wahrheit nicht. Die zehnjährige Karen lässt sich abspeisen. Im Weiteren empfängt sie ihre Prägung in einem protestantisch-hochgestimmten, in jeder Hinsicht engagierten Matriarchat, in dem neben der Mutter, eine Großmutter und eine Tante die Hauptrollen spielen. Die Mutter behauptet von sich, aus Stahl gemacht zu sein. Der Alltag vollzieht sich in gediegenen Verhältnissen auf einem Hof in Rungsted. Zu den ewigen Berühmtheiten vor Ort zählen drei Dinesens.  

Karen und ihr jüngerer Bruder Tommy © Rungstedlundsammlung der Königlichen Bibliothek (KB), Kopenhagen, RSKB

Eine reiche Braut

Ich glaube, mein Haus war eine Art Zufluchtsstätte für Reisende und Kranke und für die Schwarzen das Zentrum hinsichtlich eines friendly spirit.“ Tania Blixen an ihre Mutter, Ngong, am 17. März 1931

“I am going to prove to you all that (Africa) is a white man's country.“ Lord Delamere

Nicht der Vater trägt als Patriarch das Familienzepter. Chef im Generationenring ist Adolph Wilhelm Dinesen (1807 - 1876) ein „Artilleriemajor, Kommandeur der Batterie Dinesen während der Schleswig-Holsteinischen Erhebung 1848 - 51 und freiwilliger Artilleriehauptmann im französischen Heer in Algerien 1837“. Karen Christentze Dinesens Großvater überstrahlt das Gros des Klans. Auch der jüngere Bruder Tommy kämpft in fremden Reihen.  

„Eines hat (Karen) Blixen mit ihrem Bruder gemein, der sich auf britischer Seite am Großen Krieg ... freiwillig beteiligte und für seinen Einsatz ... mit dem Victoriakreuz, dem höchsten Tapferkeitsorden des Empire, ausgezeichnet wurde: Sie hat überhaupt keine Angst vor dem Tod.“

1913 fährt sie als Braut mit einer Mitgift im Gegenwert von 3,4 Millionen Euro auf einem deutschen Dampfer von Neapel nach Mombasa. An Bord wirkt sie auffällig „in ihrer Verlorenheit. Sie nimmt einen gewissen Raum ein, obwohl ihre Gestalt eher schmächtig ist. ... Graf Carl Gustaf Lewenhaupt, beschreibt sie in seinem Reisetagebuch als ‚arm, einsam und seit Italien malariakrank‘“. 

Das eklatante Missverhältnis zwischen den sozialen Tatsachen und der Erscheinung könnte mit einem modischen Malade-Begriff verbunden sein. Karen federt auf einer Wippe wechselnder Absichten und Vorlieben. In ihrer Gesellschaft reisen ein Baron Goldschmidt-Rothschild, der Abenteurer und Arzt Maximilian Zupitza und Wilhelm von Schweden, der ein Buch über seine afrikanischen Erlebnisse schreiben wird: Wild African Animals I Have Known. Eine Freundschaft zu Paul von Lettow-Vorbeck nimmt ihren Anfang im Rahmen der I.-Klasse-Belustigungen. 

„In der Kolonie Deutsch-Südwestafrika nahm (Lettow-Vorbeck) zwischen 1904 und 1906 als Erster Adjutant im Stab des Kommandeurs der Schutztruppe Lothar von Trotha und als Kompaniechef am Völkermord an den Herero und Nama teil.“ Wikipedia. 

Der Akteur in einem völkermörderischen Feldzug gibt den reserviert-zuvorkommenden Ritter pommerischer Provenienz.

Am Bestimmungsort heiratet Karen einen Cousin zweiten Grades, Baron Bror Frederik von Blixen-Finecke (1886 - 1946). Ernest Hemingway schreibt über den schwedischen Aristokraten:

„Der Baron war kein Mann, den man vergisst.“

“Bror was the toughest, most durable white hunter ever to snicker at the fanfare of safari or to shoot a charging buffalo between the eyes while debating whether his sundown drink would be gin or whiskey.” Beryl Markham

Hemingway nahm nicht zuletzt an Blixen Maß für den Helden in Das kurze glückliche Leben von Francis Macomber.

„1934 reiste (der Schriftsteller) zu einer Safari nach Kenia, die von den Großwildjägern Baron Bror von Blixen-Finecke und Philip Percival  (The Dean of Hunters) geleitet wurde. Es gilt als gesichert, dass Blixen-Finecke und Philip Percival gemeinsam die Vorlage für die Figur des Robert Wilson bildeten.“ Quelle 

Eine weitere Galionsfigur dieses Genres ist Charles Markham. Mit ihm botanisiert Blixen für das British Museum of Natural History. Die Männer durchqueren die Sahara von Kano nach Algier in sechzehn Tagen mit einem Lastwagen. Sie führen personell herausragende Safaris, so mit Edward Prince of Wales und Theodore Roosevelt. Eine weitere Schlüsselfigur unter den heavy few der Superscouts ist Karens Liebhaber Denys Finch Hatton.   

Nach den Maßstäben der Epoche bleibt Karen Christentze Dinesen lange unverheiratet. Die achtundzwanzigjährige Braut reist schließlich als gleichermaßen gute und späte Partie zu ihrer Hochzeit nach Afrika.

Karens Standesdünkel schimmern durch einige Charakterisierungen im Arrondierungsmilieu. Ihr Bräutigam und Cousin Baron Bror Frederik von Blixen-Finecke (1886 - 1946) entspricht als Spross von „zwei altnoblen Familien“ den Erwartungen.

“His family background was two old noble families.” Quelle

Dass er nichts an den Füßen hat, scheint Karens Kernfamilie nicht zu kratzen. Man stattet die Braut mit einem Vermögen als Mitgift aus.

Dem in Karens Augen hochsympathischen Massenmörder Paul von Lettow-Vorbeck hält die Verehrerin eine grandios-norddeutsche Herkunft zugute.  

Karen bleibt den Begriffen ihrer Zeit verhaftet. Ihre Weltbetrachtung erfolgt auf einer konservativen Folie. Auf ihrer Reise in ein neues Leben an der Seite eines herausragenden Mannes im kenianischen Hochland erleichtert es sie ungemein, dass der Verlobte vorausschauend einen Diener der Braut entgegensendet. Nun reüssiert Karen mit einem kleinen Gefolge. Das Gesinde komplettiert ein gesetztes Hausmädchen, das von Karen auf hoher See angeworben wurde. Deshalb folgen der Nobilitierten immerhin zwei Dienstschatten. Karen konkurrriert an Deck unter anderem mit einem Prinzen und einem Grafen, die bis zur Abstumpfung daran gewöhnt sind, jeden Wunsch umgehend erfüllt zu bekommen. 

Noch ein Wort zu Blixen:

“He hated the trivialities of repetition. Whether in love or work. He was not cut out for the quiet life at home, nor to stick to only one woman. His immense vitality and energy required constant challenges for his mind and courage.” Quelle

Aus der Ankündigung

Die dramatische Geschichte von Tania Blixen, die als erste Frau eine Kaffeeplantage betreibt und mit dem Memoir »Jenseits von Afrika« Weltruhm erlangt

Tom Buk-Swienty zeichnet das vielschichtige Bild einer Frau, die mit wahrer Leidenschaft ihren Traum lebt, im kolonialen Kenia mit der Karen Coffee Company das erste weiblich geführte afrikanische Großunternehmen gründet, als wahre »Löwin«, wie sie bald genannt wird, Dürren, Krankheiten und Kriegen trotzt und dann, nach Dänemark zurückgekehrt, zu einer der bedeutendsten Schriftstellerinnen des 20. Jahrhunderts avanciert. Die wahre und höchst abenteuerliche Lebensgeschichte von Tania Blixen, deren mit Meryl Streep in der Hauptrolle verfilmtes Memoir »Jenseits von Afrika« ein Weltbestseller als Buch wie als Film wurde, ist zugleich die erste große Biografie seit Jahrzehnten.

Zum Autor

Tom Buk-Swienty, 1966 in Eutin geboren und im dänischen Sønderborg aufgewachsen, war nach seinem Studium der Geschichte zehn Jahre lang USA-Korrespondent der Wochenzeitung Weekendavisen. Er ist heute freier Autor und Dokumentarfilmer und veröffentlicht seit 2006 Sachbücher, die vielfach ausgezeichnet wurden. Ein Schwerpunkt seines Werks gilt der deutsch-dänischen Geschichte (u.a. »Schlachtbank Düppel«, 2015), ein weiterer der Familie Dinesen/Blixen, der er schon vier Bücher gewidmet hat (u.a. »Feuer und Blut. Hauptmann Dinesen«, 2014). »Die Löwin« ist die erste große Biografie Tania Blixens seit knapp vier Jahrzehnten, wurde in Dänemark zum Nr.-1-Bestseller und wird derzeit als Biopic verfilmt.