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2021-12-05 09:31:54, Jamal Tuschick

Die Töchter dieser Mietskasernenkolonie tanzen den Slip Jig im katholischen Kirchenkeller ...

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Slip Jig im Kirchenkeller

Am Anfang geht es zu wie in „Gangs of New York“ hundert Jahre später. Eileen macht Hausaufgaben am Hof ihres Vaters. Der Hof ist ein Wirtshaus voller Iren und der prächtigste von allen ist Big Mike Tumulty. Der Mann ist „ein Mythos“. „Seine Fäuste waren so groß wie Babyköpfe und sein Rumpf war wie die Bierfässer, die er sich links und rechts unter die Arme klemmte.“

Klingt nach Obelix. Eileens Vater könnte sagen, was Amsterdam Vallon Mitte des 19. Jahrhunderts in „Gangs of New York“ sagte: „If yo get all of us together, we ain‘t got a gang, we got an army.“

Die Töchter dieser Mietskasernenkolonie tanzen den Slip Jig im katholischen Kirchenkeller, Väter regeln ihre Angelegenheiten nach alter Väter Sitte. Big Mike richtet und schlichtet in der Kneipe, geformt von Grundsätzen und körperlicher Arbeit: „Für einen Mann ist ein Nebenverdienst Pflicht. Geld ist zum Ausgeben da.“

Er spricht von sich in der 3. Person: „Big Mike leiht sich nie einen Penny von einem anderen Mann ... In seinem schweren Schritt liegt Häuptlingsstolz.“

Matthew Thomas, „Wir sind nicht wir“, Roman, Berlin Verlag, 893 Seiten, 24.99 Euro

Seine Frau putzt „die Fabrikbüros und Toiletten bei Bulova, … um Punkt sechs (stellt sie) das Essen auf den Tisch“. Von mir aus könnte das immer so weiter gehen als proletarisch furnierte Einwanderungsgeschichte, aber Matthew Thomas steigt in seinem Debüt zügig auf die Zinnen des gehobenen Mittelstandes und seiner Langeweile. Eileen, Jg. 1941, ist die Protagonistin des Aufstiegs. Sie wächst als Einzelkind auf, ihre Mutter hat zwölf Geschwister. Es gibt einen Untermieter in der Wohnung und eine Hochbahnstrecke vor den Fenstern. 1965 macht Eileen „ihren Master in Pflegedienstleitung an der New York University.“

Als hätte sie es gewusst. Der Mann, den sie als zweiten Motor des Aufstiegswillens in ihrem Leben einbaut, verliert sein Gedächtnis. Tatsächlich gilt des Autors Ehrgeiz der vernickelten Darstellung einer Demenzerkrankung am Beispiel von Ed. Doch erscheint Ed erst einmal als blendende Partie, er stammt aus einer eingesessenen Familie und folgt seinen Neigungen gewissenhaft. Die erste gemeinsame Wohnung vibriert in Eileens Wahrnehmung wie ein Sprungbrett. Sie tritt konservativ auf, das gehört vielmehr zu ihrem Schick als zu den Überzeugungen. Sie setzt maximale Erwartungen in Ed, Eileen schreibt ihm einen Stil vor. Sie wird Mutter von Connell.

Hirnspezialist Ed untersucht die Wirkungen psychotroper Pharmaka auf neurale Prozesse. Er beschäftigt sich mit Maulbrütern, er verbringt jede Woche sechs Tage im Labor. Ed lehrt so ernsthaft wie er forscht. Seine Frau will sich vergrößern, sie sucht das häusliche Glück im Winkel eines besseren Vororts. Ed gibt widerwillig die Nähe zur Herkunft ab, Matthew Thomas erzählt ganz genau, wie eine Schere aufgeht und die Interessengegensätze manifest werden. Nach ungefähr zweihundert Seiten kommt die Krankheit ins Spiel, sie tarnt sich als Spleen und skurriles Verhalten. Ed kapselt sich ab, er isoliert sich mit Kopfhörern. Sein Sohn wiederholt ihn in der Weltflüchtigkeit. Connell ist der geborene Außenseiter und ein Chronist des väterlichen Krankheitsverlaufs. Immer wieder treffen sich die beiden an Punkten ihres Unvermögens … eines unwahrscheinlichen Mangels beliebiger Eigenschaften. Sie sind Sonderlinge von einem Stamm. Eileen erzwingt den Umzug in ein repräsentatives Haus, längst trägt sie die Last der Familienerhaltung. Für ihren Mann erfüllt sich das den Titel motivierende Motto des Romans: „Wir sind nicht wir, wenn die Natur … die Seele zwingt, zu leiden mit dem Körper“ (König Lear).