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20.12.2021, Jamal Tuschick

Sozialkritische Westernanalyse

Mein Vater, ein Herold der Ostermarschbewegung, drehte alles um. Seine sozialkritischen Westernanalysen ließen John Wayne alt aussehen. 

Amerikakritik, so wie sie mir an der Wiege gesungen wurde. Gesehen vor zwei Tagen im Lübecker Sankt-Annen-Museum. Jørgen Buch, „Black & White“, 1977 © Jamal Tuschick

Klippschule des Humanen

Die rutschenden Erbstücke an den Fingern meiner Oma brachten mich auf die Kinderidee, dass Ringe mit der Zeit größer werden. Ich neigte zu verdrehtem Denken. Zum Beispiel glaubte ich, dass es in Deutschland einen Wilden Westen gegeben hatte, mit Cowboys und First Nation People (FN), die aber anders genannt wurden. An Stelle der FN traten German:innen. Später wirkte sich Alfred Brehm aus. Der Thüringer Weltmann deutete die freie Wildbahn als Klippschule des Humanen. Brehm erschien die Kreatur zurückgeblieben. Ihn freute, wenn ein Tier bis in den Abgrund der Belehrbarkeit zu menschlichen Maßstäben aufschloss. „Dem Känguru ist selbst ein Schaf intellektuell weit überlegen.“ Die notorische „Feigheit“ des Kängurus verdross Brehm, der in Kairo mit einer Hyäne an der Leine spazieren ging. Nach Brehm prägte mich Jerry Lee Lewis, meine Mutter nahm mich mit zu einem Konzert. Sie war in der Morgenröte des Rock´n´Roll sweet little sixteen gewesen, als das Handbuch für handelsübliches Rocker:innenverhalten der Welt gerade zugestellt wurde. (Was für eine schöne Aufgabe: Im Erstmaligkeitseifer auf der Bühne Klaviere in Brand zu setzen und das nicht insgeheim für kalten Kaffee halten zu müssen.) Jerry Lee war sweet little sixteen schon zu alt. Wäre es nach seiner Mutter gegangen, hätte er, down in Louisiana, das Wort des Herrn verkündet wie jeder Priester. Bekanntlich kam es anders, es kamen – und zwar, um noch einmal Chuck Berry ins Spiel zu bringen, in „Memphis, Tennessee“, „Whole lotta shakin’ Goin’ on“ und „Great Balls Of Fire“ … „Kiss me baby mmh feels good, hold me baby/ well I want to love you like a lover should/ you´re fine so kind I would tell this world/ that you´re mine mine mine mine”.

Nach dem Konzert war ich erwachsen und reif für die Schmiere. Mein Vater (ein SPD-Mann aus der Zeit vor dem Bad Godesberger Programm) schätzte Rudolf Rolfs, den „Schmiere“-Gründer, als Herausforderer der Adenauer-Restauration und Wegbereiter der Brandt-Republik („Mehr Demokratie wagen“). Fuhr die Familie nach Frankfurt am Main, ging sie stets in „das schlechteste Theater der Welt“. Da lernte ich, dass eine Farce ein Fisch ist, der als Kotelett serviert wird. Ein großzügig abgewogenes halbes Jahrhundert nach dem ersten Bühnenschrei von Jerry Lee behauptete mein Vater, Willy Brandt sei seiner eigenen Ostpolitik nicht gewachsen gewesen. Mein Vater kann mich heute noch überraschen.

Mein Leben zog an, als ich mit siebzehn die einmalige Erlaubnis kriegte, eine Reportage über den Zirkus in der DDR zu schreiben. Ich war akkreditiert wie ein Diplomat. Zuerst besuchte ich den Staatszirkus, vormals VEB Zentral-Zirkus. Der Stammsitz war in Dahlwitz-Hoppegarten, neben der Rennbahn. Man ließ mich mit einem Litauer Spezialisten für Perche-Äquilibristik reden. Er rasselte furchtbar. Seine Aussprache deutscher Wörter erinnerte an Keuchhusten. Sein Wahlspruch lautete: „Von Königsberg bis Nimmersatt, wo das Deutsche Reich sein Ende hat.“ Richtig wäre gewesen: „Einst ein Ende hatte.“ „Vorboten einer Gewitternacht“ heißt auf litauisch „Koueööaimdus“.

Es gab einen Dompteur aus Basse-Pointe auf Martinique, er hätte Heiner Müller als Sasportas („Die Heimat der Sklaven ist der Aufstand … und am Galgen werde ich wissen, dass meine Komplicen die ... aller Rassen sind“) gefallen.

Die Artisten „arbeiteten“ ihre Darbietungen und verdienten gut dabei. Zirkus ist an sich Gewerbe. Das deckte sich jedoch nicht mit den Staatsverlautbarungen. In der DDR zählte der Zirkus zur Kunst (volksnahe Kulturleistung). In der Friedrichstraße war eine Artistenschule, Mittagessen gab es in der Gerichtskantine (Klosterstraße).

„Die Frage der Grenzen in Europa ist unwiderruflich entschieden“.

Das hörte ich immer wieder. Ich reiste nach Wismar, die Ostsee-Zeitung rief zum Einwecken auf. Fünfhundert Gramm Pfirsiche der Handelsklasse A1 kosteten 1.15 MDN und waren „erhältlich in allen Obst- und Gemüse-Verkaufsstellen des sozialistischen Handels“. Für den folgenden Winter wurde ein Wittigstahler Dauerbrandofen angeboten. „Ihr diskreter Drogist“ sendete „kostenlos Prospekte für Schutzmittel“.

Der anti-imperialistische Schutzwall wirkte wie ein Embargo. Als Freund der DDR schob ich die Mauer gedanklich bei Seite. Ich traf selbständige Artisten. Sie rissen bis zu vier Veranstaltungen am Tag ab und reisten mit ihren eigenen Beschallungsanlagen an. Das Hochseil wurde mit einem „Luxemburger“ gespannt. Das Gerät gehorchte dem Flaschenzugprinzip mit einer Umlenkrolle und entwickelte eine Zugkraft von zwanzig Tonnen.

Termine verabredeten diese Unternehmer mit den Konzert- und Gastspieldirektionen der Bezirke. Buchhaltung spielte keine Rolle. An den Staat gingen zwanzig Prozent Honorarsteuer, die führte der Veranstalter ab.

Ich las Zeitungen, um mir ein Bild zu machen. Die „Norddeutschen Neuesten Nachrichten“, ein in Rostock verlegtes Periodikum der National-Demokratischen Partei Deutschlands, entdeckte ihrer Leserschaft Urlaubsziele im Kaukasus - auf zu den Doppelgipfeln des Elbrus. Ein Obermaat stellte im Blatt fest: „Durch das Bestehen unserer Armee und durch ihre feste Waffenbrüderschaft mit den Armeen des Warschauer Paktes werden den Kriegsbrandstiftern Zügel angelegt und der Frieden in Europa gesichert.“ Auf der Kinderseite stand das Irrtümer-Gedicht von Peter Hacks: „Und sie wandeln von dem Platze – Ohne Zwischenfall nach Haus, - Rechts, nach Weißensee, die Katze, - Links nach Lichtenberg, die Maus.“

Die Regierungsspitze meldete Anzahl der „Provokationen gegen unsere Staatsgrenze seit dem 13. August 1961“.

In Leipzig war Herbstkleinmesse. Ich erinnere mich an einen zum Bersten gut aufgelegten Fleischberg in seinem Wurstwagen. Die DDR gefiel mir stündlich besser mit ihrer Schwarzweißfernseher-Atmosphäre, während auf der westlichen Mauerseite Lew Kopelew und Alexander Solschenizyn den Abgrundszenarien des Kalten Krieges traumhafte Bilder aus einer ewigen Winterwelt wie am Fließband lieferten.

Die Sturmspitze meiner Delegation verhakte sich in der Eloquenz einer Delegierten. Obwohl sie kaum zwanzig war, hörte Olga sich an wie ein in einsamer Verwitterung ächzendes Hoftor. Sie überraschte mich mit der Behauptung: „Im Unterschied zu den kolonnenweise denkenden und fühlenden Europäern sind die Russen völlig unfähig zum Leben im Kollektiv.“

Olga erzählt von Hauslesungen in Leningrad. Fast täglich fänden solche Veranstaltungen statt, als Verabredungen einer zweiten, voroffiziellen Literatur plus Gelage, quasi in der Tradition von Anna Andrejewna Achmatowa und Ossip Emiljewitsch Mandelstam. Eine im Grunde bildungsbürgerliche Opposition säße vor der Tür zum kommunistischen Establishment.

Ich konnte mit lyrischer Staatsferne wenig anfangen, Olga indoktrinierte mich so gut sie es vermochte. Im Gegenzug hielt ich sie frei an der Bar vom„Astoria“. Das Interhotel lag am Hauptbahnhof. Es war nobel genug, um die Regierung auf Reisen zu empfangen. Die hübschesten Lockvögel Sachsens nahmen sich in diversen Restaurants Zeit für anspruchsvolle Gespräche. Man muss das auch mal so sehen: Bei einem Wechselkurs von 1:10 war es für einen westdeutschen Geschäftsmann verdammt schwer, mal eben den sozialistischen Gegenwert von tausend D-Mark in einer Nacht auf den Kopf zu hauen. Dem musste schon ordentlich unter die Arme gegriffen werden.

„Rasch verführt und schnell verzweifelt“, könnte man mit Goethe sagen. Brecht war schon zwanzig Jahre tot: „Ihr, die euren Wanst und unsre Bravheit liebt.“

Nach Olga setzte sich Christa zu mir. Sie zitierte Lion Feuchtwanger: „Wenigstens durfte (Brecht) noch erleben, dass die Zeit ihm langsam nachkam.“

Christas akademisches Ziel war das Johannes R. Becher-Institut am Clara Zetkin-Park. Sie konnte flüssig über Literatur und Theater reden. Sie vermutete Bescheidenheit, wo ich nur zu siegesgewiss war, um noch groß anzugeben. Längst langweilte mich meine Aufgabe. Die meisten Artisten wussten wenig von ihrem Mut, das ließ die Interviews fad werden. Ich kramte in der Literatur und fand immerhin das: Einst konnten sich der König von Preußen und der Zar nicht darauf einigen, wer nun der beste Seiltänzer der Epoche sei. Friedrich Wilhelm III. favorisierte Wilhelm Kolter, Alexander I. hielt mehr von einem Stiglischeck. Die Potentaten schlossen eine Wette ab, von der die Artisten nichts wussten, als sie sich auf dem Seil trafen. Der Mann des russischen Herrschers wähnte sich in einer Pattsituation. Aber Kolter erkannte einen Ausweg aus dem Dilemma auf Kirchturmspitzenhöhe. Er bekniete den Rivalen, dass er sich bücken möge und setzte im Sprung über ihn hinweg.