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21.12.2021, Jamal Tuschick

„Perspektivwechsel - Kunst nach 1945 aus den Sammlungen der Kunsthallen Lübeck und Rostock“

„Der Dialog mit den Toten darf nicht abreißen, bis sie herausgeben, was an Zukunft mit ihnen begraben wurde“, sagt Heiner Müller. Wir müssen uns mit dem gescheiterten Staat DDR auch deshalb auseinandersetzen, um zu begreifen, dass Kunst gelingen kann, während alles andere den Bach runtergeht. So lüften wir ein Geheimnis, wenn uns nämlich die Einsicht illuminiert, dass die christliche Malerei und der sozialistische Realismus in ihrer Gebundenheit den Künstler:innen das Glück einer starken Gravitation gewährten. 

Links: Lübecker Altardetail. Rechts: Willi Sitte, Der Notstandsritter, 1964, präsentiert bei der 2. Biennale der Ostseeländer 1967 in der Rostocker Kunsthalle. Beide Ansichten zeigen mittelalterlichen Tumult; etwas im Ansatz grotesk Steckengebliebenes. Beide Urheber brachten, vorbei an politischen Vorgaben, die Wahrheit ihrer Zeit ans Licht. © Jamal Tuschick

Ein Rostocker erklärte Lübecker Bürger:innen sozialistischen Realismus am Beispiel von Ulrich Halluchas „Junges Paar in der Straßenbahn“, 1971. Der Referent sprach vom „leeren Blick des Sozialismus“, den ich allerdings nicht sehe. Ich finde, die Akteure gucken kapitalistisch gelangweilt in die Gegend. © Jamal Tuschick

„Durch genaueste Betrachtung eines Gegenstandes all seine Eigenschaften feststellen.“ Stendhal

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Es gibt keinen gravitationsmächtigen Unterschied mehr zwischen den Hansestädten Rostock und Lübeck, die es nicht vor der DDR schon gab. Unter anderem zeigt sich das in der arrangierten Topografie der vergleichenden Bilderschau. Das See- und Kaufmännische, die Stadttore, Speicherstädte und Hafenensemble bestimmen die Weichbilder. Das Kolorit bekommt seine Färbung vom Regionalen, aber das Baltisch-Maritime überformt jede Differenz. Die Städte stehen wie Schwestern in den Kleidern der Kunst nebeneinander. Fahren Sie nach Rostock und Lübeck. Schauen Sie sich das an. 

Max Neumann, Ohne Titel, 2006/ Volker Stelzmann, Junger Schweißer, 1971 © Jamal Tuschick

Aus dem Katalog

Die Biennale der Ostseeländer

Die Ausstellung 1965/2015 Die Biennale der Ostseeländer – Der Ursprung der Kunsthalle Rostock geht auf die Suche nach den internationalen Wurzeln der Kunsthalle Rostock und versucht zugleich Traditionslinien der Sammlung auf ihren heutigen Wert zu befragen. In der Ausstellung werden rund 200 Werke gezeigt, darunter Arbeiten von Hans Platschek, der dänischen Künstlergruppe Røde Mor, Pentti Kaskipuro, Bragi Ásgeirsson, Per Kleiva, Bronisław Chromy, Örjan Wikström, Nicolai Blagovolin und Hermann Glöckner.

Quelle

Als Teil des kulturellen Rahmenprogramms der politisch motivierten Ostseewoche zeigte die Biennale der Ostseeländer in Rostock zwischen 1965 und 1989 Kunstwerke aus der Bundesrepublik Deutschland, Dänemark, der DDR, Finnland, Island, Norwegen, Polen, Schweden und der Sowjetunion. 1969 erhielt die Biennale der Ostseeländer mit der Kunsthalle Rostock ein eigenes Domizil. Ein bedeutender Teil der heutigen Sammlung der Kunsthalle entstammt dieser internationalen Kunstausstellung. Die auf politischen Beschluss des Ministerrates der DDR zur Biennale aufgewertete Präsentation künstlerischer Arbeiten aus dem Ostseeraum gilt es, nach fünfzig Jahren wiederzuentdecken. Die Ausstellung 1965/2015 Die Biennale der Ostseeländer – Der Ursprung der Kunsthalle Rostock stellt sich dieser Aufgabe und präsentiert eine Auswahl dieses historischen Konvoluts.

Der Ministerratsbeschluss der DDR  16/16/64 artikulierte am 28.05.1964 den Wunsch, die Biennale der Ostseeländer zu einer Ausstellung aller realistischen Strömungen der Ostseeländer zu gestalten. Trotz dieses politischen Auftrages entstand – im Spannungsfeld aus der außenpolitisch propagierten Toleranz der DDR und der Entscheidung, die Auswahl der Werke den Länderkommissaren zu überlassen – eine Offenheit für künstlerische Positionen, die im Widerspruch zu den kulturpolitischen Leitlinien der DDR standen.