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2022-01-01 09:06:04, Jamal Tuschick

Schopenhauer definiert Genialität, als „die Fähigkeit, sich rein anschauend zu verhalten“.

Goethe nach Grimm: „Dass Männer von Talent viel leiden müssen in gesellschaftlichen Umwälzungen.“

Die SED zu Heiner Müllers „Umsiedlerin“ 1961: „Mit stinkender Frechheit abgrundtief das eigene Nest beschmutzt.“

Adorno über Hegel: „Die Macht dessen, was ist, ist dem reifen Hegel zufolge, aber auch eigentlich schon dem Hegel der Phänomenologie, die darin auf der Grenzscheide steht, größer als das Besserwissen der Vernunft des je Einzelnen.“

© Jamal Tuschick

Rationaler Furor

Beim Wettlauf um die Macht sind drei Brüder und zwei Cousins auf der Strecke geblieben. Übrig blieb Alwin. Sein Thron ist eine schmucklose Angelegenheit, mehr ein Kasten als ein Stuhl. Er trinkt aus dem Schädel des Schwiegervaters. König Alwin spaziert betrunken in seinen Erinnerungen an das Gemetzel, das für Rosamunds Vater zum letzten irdischen Erlebnis wurde. Der gute Mann, ein König von gestern, starb von Alwins Hand, Alwin wartete mit der Enthauptung, bis seine Krieger Rosamund aus ihrem Versteck gegraben hatten. Alwin schwelgte noch im Blutrausch, ein Christ so fern des Erbarmens.

Alwin weiß noch nicht, was Mitgefühl ist. Seine Ausbilder erschöpften sich darin, ihn an Waffen zu gewöhnen. Sie brachten ihm bei, sogar in seinen Brüdern Rivalen mit tödlichen Absichten zu erkennen. Andererseits bot allein die Familienbande Sicherheit. Ein schizophrener Zug fuhr spaltend durch Alwins Charakter.

Alwin handelt mit der Rationalität des Paranoikers. Wo keine Angst ist, gibt es keinen Verlass. Alwin nennt sich Christ, doch heißt seine Religion Angst. Sie zu verbreiten, hält Alwin für seine Pflicht. Deshalb schwang er den triefenden Kopf am Schopf vor Rosamund zu ihrem Entsetzen. Alwin wollte ihren Willen lähmen, sie sollte sich ihm niemals widersetzen. Er hätte Rosamund sonst töten und auf ihren Stammbaum verzichten müssen.

Die Äste an Rosamunds Stammbaum tragen die Früchte ihrer Legitimationen. Solange Rosamund legitim in seiner Gewalt ist, kann Alwin ihre Rechte zu seinen machen. Das erklärt die Ehe, sie könnte jederzeit auch in der weiblichen Linie vorteilhaft sein. Es muss nur die Gewalt dahin gehen. In diesem Detail steckt die Ungeheuerlichkeit, Rosamunds Verbindung mit Alwin vernünftig zu finden. Die Kinder aus der Verbindung sind doppelt legitimierte Königskinder. Ihre Ansprüche werden weiterreichen als die Ansprüche der raffenden Eltern.

Es dauert kaum zwei Jahre, bis Rosamund die Erhebung zu genießen beginnt, die sich in ihrer Zwangslage ergeben hat. Der Mörder ihres Vaters verbessert sie, auf jeden Fall hätte sie sich nicht besser verheiraten können. Am Anfang war sie eine Gefangene gewesen, beobachtet mit Misstrauen und verfolgt von Hass. Als Alwins Gattin steht sie über den meisten, doch Einzelheiten ihrer Hochzeit kratzten am Status. Es knirschte im Gefüge der höfischen Ordnung, bis man dahin kam, Rosamund zum Wohl der Blutlinie in Ehren aufzunehmen.

Fleisch von ihrem Fleisch, das lebt. Der Vater nun mal tot. Wo Rosamunds Verwandtschaft herrscht, ziehen die Mauersegler und Schwalben im August genauso nach Süden wie in dem Himmel, den Rosamund sieht.

König Alwin trinkt aus dem Schädel eines Königs von gestern. An einem Abend im August 786 drängt es ihn, von Rosamund zu verlangen, aus ihres Vaters tranchierten Schädel einen Schluck Rotwein zu nehmen.

Darauf hätte er früher kommen können, ihm ist doch schon viel eingefallen. Mit dem Kopf des Schwiegervaters auf seiner Lanze hatte Alwin den Triumphzug angeführt.

Rein äußerlich wirkt Alwin erhaben über jeden Zweifel. Allerdings zweifelt er selbst an seiner Terrorpotenz, Männer neigen zu Versagensängsten nicht erst seit der Neuzeit. Also sagt Alwin wohlgemut zu Rosamund, sie ist schon ein bisschen verblasst, es steckt etwas Prekäres in dieser Mischung aus Königin und Gebärautomat ohne Wahlrecht: „Ehe ich es vergesse, reiche ich dir den Schädel deines Vaters, damit du auch einmal das Vergnügen hast.“