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03.01.2022, Jamal Tuschick

„Gegen Hitler zu sein, hieß über Stalin zu schweigen.“ Heiner Müller.

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„Selbst die sorgfältigste Übersetzung … ist, wenn sie nicht einer inneren Notwendigkeit entspringt, kein lebendiger Austausch … (vielmehr) hinterlässt sie eine sehr schädliche Spur in der unbewussten Werkstatt einer Sprache, verstellt ihr Wege, verdirbt ihr Gewissen, macht sie nachgiebig, ausweichend, versöhnlich, gesichtslos.“ Ossip Mandelstam

Symbolfoto © Jamal Tuschick

Komposition und Kollision

Wie eine Schweißnaht zieht sich die Spur der Zensur durch Mandelstams essayistischen Obst- und Gemüseauslagen.  Halboffen und halbironisch beschwert sich der Dichter in seiner Rolle als Urheber von semi-literarischem Kleinmist bei seinen Leser:innen über staatliche Bevormundung und brutale Dummheit. Die als Besprechungen ausgewiesenen Szenen überspielen die hardcore-stalinistischen Verhältnisse der 1920er und -30er Jahren. Hoffnung und Verzweiflung bestimmen den Grundton. Die Glocke des Genies schlägt dagegen an. Mandelstam will sich über die allgewaltigen Misslichkeiten erheben. Er kann unmöglich kleinlich sein. Seine Begabung zwingt ihn zu operettenhaften Ausflüchten in eine imaginäre Größe. 

Ossip Mandelstam, „Gespräch über Dante, Gesammelte Essays II 1925-1935“, herausgegeben von Ralph Dutli, Ammann Verlag 1991

Mir ist, als könnte ich Mandelstam dabei zusehen, wie er sich selbst herausfordert. Ihn quälen pseudo-wissenschaftliche Überschriften, unter denen schlechte Schriftsteller:innen gewinnbringende Gehorsamsleistungen abliefern. Unbedeutende dürfen Mandelstam Vorschriften machen und Ratschläge erteilen. Darum geht es am Rand in dem Abriss „Kinderliteratur“ und hauptsächlich in dem förmlich erbrochenen Text „Ich schreibe ein Szenario“.

Mandelstam beginnt das kurze Stück mit der Behauptung, Wiktor Borissowitsch Schklowski habe ihm geraten, schreibschüler:innenhaft das Abfassen eines Szenarios zu üben. Schklowski verdient zweifellos Beachtung in der Gegenwart der Interaktion. Ich kopiere eine Episode an diese Stelle, um deutlich zu machen, unter welchem Druck produziert wurde:

Wiktors Bruder Vladimir steckt in einem Zwangsarbeiter:innenlager. Es kommt zur Begegnung der beiden. Wiktor fragt:

„‚Erkennst Du mich?‘

Nein‘, antwortet Vladimir ... (Wiktors Fazit:) Er hat Angst um mich. Oder vor mir?“ Zitiert nach Wikipedia

In diesem Notstand klingt Mandelstams notorische Munterkeit wie das Kinderpfeifen im Keller. Der Autor täuscht Offenheit vor. Ständig signalisiert er eine Bereitschaft zur Selbstkritik. Bei dem Szenario geht es um die richtige Auslegung des sozialistischen Realismus. Mandelstam nimmt eine Konstellation, die ihm Eisenstein'schen Furor gestattet; einen kolossalen Establishment Shot. Eine Feuerwehr donnert im Alarmornat zum Einsatz. Der Skizzendrescher erwägt alternative Einstiege mit Zeitung lesenden oder eine Versammlung abhaltenden Akteuren. Jedenfalls gibt es auch in Bereitschaftszeiten keinen Müßiggang für die Belegschaft. Dann schaltet Mandelstam eine Frau ein, die Gattin eines Aktivisten, „und da ist sie auch schon: die Kollision“. 

Er zeigt sich unzufrieden mit dem Arrangement. Er rumpelt ins Allgemeine und beginnt nun die Geschichte da, wo sie gleich heiß zu werden verspricht, namentlich im Samoskworetschje-Viertel bei der Familie, deren Nussbaumbuffet demnächst in Flammen stehen wird. 

„Der Kern der Sache liegt natürlich in der Komposition.“

Mandelstam deutet eine regelrechte Stümperei an, einen Gipfelsturm des uninspirierten Schreibens. Er erwägt Kino-Effekte; das filmische Heranwanzen an die Aufmerksamkeit der Lesenden mit Großaufnahme und Detailansicht. Er gibt das Machwerk (als sowjetische Errungenschaft) der Lächerlichkeit preis und auch wieder nicht. Im Gegenlicht der leicht peinlichen Satire offenbart sich die Not des Künstlers, dem allenfalls sogenannte Kolleg:innen aus doktrinären Gründen das Wasser reichen dürfen. Und besser ist es, wenn Mandelstam trinkt, um sich dann auch noch (freundlich in die Runde lächelnd) für die Gabe zu bedanken.  

Das Getto-Paradox

„Reizlos“ findet der Passagier einen „belorussischen Provinzflecken“. Vor dem Abteilfenster gesellt sich ein „Lattenzaun (zum) Ziehbrunnen“. Mandelstam notiert die Bierschwemme im Schatten einer (die Umgebung eindeckende) Ziegelfabrik. In diesem Arrangement macht sich eine Person auffällig, die „aus ganz anderem Lehm gemacht (ist) als diese Landschaft“.

„Ein langschößiger Jude auf einer Dorfstraße.“ - Warum hält sich Mandelstam mit der Ausnahmegestalt in einem Milieu von ausgesuchter Trostlosigkeit auf?

Dies geschieht, um eine Quintessenz an seine Leser:innen zu bringen:

„Die grundlegende Plastizität und Kraft des Judentums liegt darin, dass es ein Gefühl für Form und Bewegung herausgebildet … hat, dem alle Züge einer tausendjährigen Mode anhaften … Ich meine die innere Plastik des (Gettos), die gewaltige künstlerische Kraft, die seine Zerstörung überlebt.“

Nicht aber die Abschaffung des Gettos.  

Mich lockt das Paradox.

Mandelstam reagierte auf das Staatliche Jüdische Theater MoskauEs bestand von 1920 bis 1948. Es existierte zunächst neben dem Habimah, dessen Protagonist:innen Ende der 1920er Jahre auf einem Vorhof der israelischen Staatsgründung (schließlich in Tel Aviv) weitermachten. 

Der Mann, der in Moskau die Fahne des jüdischen Theaters hochhielt, hieß Solomon Michailowitsch Michoels. Als nützlicher Parteigänger Stalins überlebte der Repräsentant der Intelligenzija die Säuberungen der 1930er Jahre. Michoels starb 1948 angeblich bei einem Autounfall. Seine Unterstützer:innen, die Aktivist:innen vom Jüdischen Antifaschistischen Komitee, wurden hingerichtet.

„Gegen Hitler zu sein, hieß über Stalin zu schweigen“, sagt Heiner Müller.