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11.01.2022, Jamal Tuschick

Psychotisches Spiel

Haben Sie sich schon einmal gefragt, wo das Wort Lakonie herkommt? Man führt es auf den peloponnesischen Landstrich Lakonien zurück. Da drohte einst Philipp II. von Makedonien:

„Wenn ich in Lakonien einfalle, werde ich euch zu Flüchtlingen machen.“

Die Spartaner glänzten mit der knappsten Entgegnung:

„Wenn.“

„Nicht zur Veröffentlichung bestimmt“

Der Autor rührt die Trommel der Geschichte. Sein Held stammt aus Megara. Drei, vier Jahrhunderte war Megara eine Seemacht, die ihrem Youth Bulge Kolonien eroberte. In der Handlungsgegenwart schimmert der verblasste Glanz des griechischen Stadtstaates noch am Saum aktueller Großereignisse. Der Mann aus Megara, er heißt Firs, dient Alexander von Makedonien als Delegierter und vielleicht auch als Kundschafter des Friedens in Kutemalias. Zugleich erfüllt er Aufgaben als Hydrauliker in dem wasserarmen Land seiner Mission.

Andrej Platonow, „Der makedonische Offizier“, aus dem Russischen und mit einem Nachwort von Michael Leetz, Suhrkamp, 24,-

Alpine Barrieren schützen das sagenhaft, totalitär regierte Reich vor Usurpatoren. Das offenbar kreisförmige Grenzgebirge ragt in den Himmel. Den natürlichen Riegeln überlegene Eroberer werden von einer melancholischen Armee nach Kräften zurückgeschlagen. Versagende Verteidiger überleben ihre Niederlagen nicht. Die Leibgarde des Tyrannen massakriert die bis zu ihrem Tod Wehrpflichtigen. Viele kutemalensische Soldaten stürzen sich von den Zinnen der Festungen, um nicht länger in der Unfreiheit wehmütig sein zu müssen.

Das Regime von Kutemalias spiegelt Stalins Despotismus in der Keimzeit des Entsetzens. Die sowjetische Regierungspraxis bot sich noch der Überraschung an. Das Romanfragment entstand ohne Aussicht auf Veröffentlichung zumindest in seiner Ursprungsumgebung.

*

In Kutemalias tragen Sklavinnen Raupen aus. Sie schlüpfen in und aus den Vaginen der Verdammten. Firs überredet die aus Persien verschleppte Ophria zu einem heißen Flirt, obwohl er aufs Groteskeste verunstaltet ist. Der mit „Raupen vollgepackten“ Ophria erscheint Firs gerade phantasmagorisch genug.

Sie sagt:

„'Ich will meine Seele mit dir betäuben, damit mein verfehltes Leben wie im Traum vergeht und ich so schnell wie möglich sterbe.' Den Megarenser kränkte das nicht, denn er hatte ein ungestaltes, grobes …“

*

Im Nachwort bezeichnet Michael Leetz das unvollendete Werk als eine „der frühsten und schärfsten literarischen Reaktionen auf den Stalinismus“. Wir vernehmen einen vom Gang der historischen Ereignisse konsternierten und zugleich von den waltenden Verkehrsformen bereits vollkommen eingenommenen Zeitgenossen. Platonow greift zu der Standardlist seines Fachs. Er verlegt das Grauen in die Vergangenheit und fabuliert ihm eine Umgebung, aus der man ihm nicht sofort einen Strick drehen kann.

Platonow Kritik zielt nicht allein auf die terroristischen Umwälzungen in der erstarkenden Sowjetunion. Der Autor warnt auch vor einem verantwortungslosen Umgang mit Natur und Technik. Er bezieht sich auf Kallisthenes von Olynth, einem makedonischen Chronisten, der für Alexander den Großen die Hofberichterstattung übernahm, bis zu einer Verstimmung, die mit der Hinrichtung des Schriftstellers endete.

„Ich bin nicht gekommen, um Alexanders Achtung zu gewinnen, sondern um ihn vor den Menschen ruhmreich zu machen.“ Quelle

Psychotisches Spiel

Kallisthenes monierte ein verrohtes Naturverständnis. Er sah eine Verwandlung der „Erde in stinkendes Gas“ voraus. „Kallisthenes’ Vision vom selbstverschuldeten Untergang“ (Michael Leetz) wirkte als Treiber für Platonows doppelköpfige Kritik. Der Autor unterschied zwischen Spielenden und Arbeitenden. Die einen übten sich in der gefährlichen Regie eines psychopathischen Spielführers in der Intrigenkunst. Sie konnten jeder Zeit unter die Arbeiter:innen/Sklav:innen fallen, während einer Erniedrigten mitunter der Aufstieg glückte, weil sie sich für das Staatsspiel begabt zeigte.   

Aus der Ankündigung

Wie viele Platonow-Helden hat auch Firs, der makedonische Offizier, nicht aufgehört, über das Leben zu staunen. Er ist ein Suchender, der die Schrecken der Existenz am eigenen Leibe erfährt und seine untergründige Traurigkeit nicht los wird. Im geheimen Auftrag Alexanders des Großen lebt er seit einigen Jahren in einem fernen asiatischen Reich. Es erstreckt sich in einem gewaltigen blauen Tal, eingeschlossen von einem »Himmelsgebirge«, dessen Wände »undurchdringlich sind für den Wind und für die Freiheit«.  Statt das Bewässerungsprojekt für den dortigen Despoten durchzuführen, bereitet er einen Aufstand gegen ihn vor.

»Nicht zur Veröffentlichung bestimmt«, heißt es in einer Akte des sowjetischen Geheimdiensts über Andrej Platonow und sein Romanprojekt »Der makedonische Offizier«. Zwischen 1932 und 1936 entstanden, blieb es Fragment und wurde erst Mitte der neunziger Jahre in Russland veröffentlicht. Der dichte Text enthält nicht nur die schärfste Kritik an Stalin, die Platonow jemals formulierte, sondern auch seine Vorahnung einer von Menschen verursachten globalen Katastrophe.

Zum Autor

Andrej Platonow, 1899 in Woronesch geboren, begann mit 14 Jahren zu arbeiten, absolvierte später das Eisenbahnertechnikum und war in den 20er Jahren als Ingenieur für Bewässerungstechnik und Elektrifizierung tätig. Seit 1918 publizierte er Lyrik, Erzählungen und journalistische Arbeiten. Seine Hauptwerke, Tschewengur (1926) und Die Baugrube (1930), konnten nicht erscheinen. Platonow starb 1951. Erst in den 80er Jahren setzte seine Wiederentdeckung ein.