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2022-01-12 07:34:47, Jamal Tuschick

Marschlandschaft

Irgendwo äußert sich Beckett über das Werk eines Kollegen so: „Seine Prämissen sind nicht so schwach wie seine Schlussfolgerungen.“

Das könnte Rachel Cusk auch von ihrem Helden, einem abgehalfterten Maler behaupten. Der Ex-Illuminierte irrlichtet bramarbasierend durch ein gutsherrliches Geschehen in englischer Marschlandschaft.

Bis zur Zwielichtigkeit umwittert

In Ernest Hemingways literarischem Durchbruch „Fiesta“ leidet der impotente Ich-Erzähler Jacob ‚Jake‘ Barnes unter der unglücklichen Liebe zu Brett, die er als Lazarettengel im Ersten Weltkrieg kennengelernt hat. Im Paris der Roaring Twenties trifft Jake die zur Lady aufgestiegene Krankenschwester Brett Ashley wieder. Er wird Zeuge ihrer Affären. Er drängt in die Rolle des Vertrauten, um in zig Durchgängen an ihr zu zerbrechen. Es ist wie eine Sucht, aber auch wie ein Phantomschmerz. Das Erektionsunvermögen steigt Jake zu Kopf, während Paris auf dem Kopf steht und mit den Ohren wackelt.

Brett heißt auch die sagenhaft glamouröse Begleiterin des bis zur Zwielichtigkeit umwitterten Malers L.

Antikes Interieur auf einem erloschenen Stern

Die Gastgeberin hält fest am antiken Interieur im Cottage-Stil. Sie profitiert von der Bodenständigkeit ihres Mannes Tony. M fehlt das unerschütterliche Selbstvertrauen und der Beständigkeitsdrive. Ständig befragt sie ihre Präferenzen, als könne ein Wind sie außer Kurs setzen. Sie reagiert wie eine Kompassnadel auf L. Sie schlägt aus in aller Unmittelbarkeit.

M hantiert ohne Visier. Warum entblößt sie sich vor dem verbrauchten Genie? Weshalb wirbt sie um den erloschenen Stern?

Deshalb.

M moussiert erotisch dem Aufgenommenen entgegen. Doch könnte L mit Stefan George jederzeit sagen:

„Ihr sprecht von Wonnen, die ich nicht begehre.“

Rachel Cusk, „Der andere Ort“, Roman, aus dem Englischen von Eva Bonné, Suhrkamp, 22,-

L hat sich in einem artifiziellen „Ruhestand als künstlerische Eminenz“ eingerichtet. Niemand erwartet von ihm noch „unverhoffte Hervorbringungen“ (Michel Serres). Er nomadisiert und pomadisiert nach dem Vorbild der reisenden Regierung. Die Domizile seiner Gönner:innen besucht er wie Oasen. L entspannt im fremden Luxus. Jahr für Jahr absolviert er seine Grand Tour; als bestünde seine Begabung auch darin, sich Bewunderung zu erhalten.

Einseitige Faszination

Isolieren wir den Punkt der einseitigen Faszination. M vergeht beinah in Ls Missachtung. Ihr droht eine „affektive Verschattung“ (Wolf Singer). In seiner Grandiosität erscheint L als regressiver Gegenspieler. Chistopher Lasch, von dem nebenbei die bemerkenswerte Einsicht stammt, „je höher das Ansehen der Achtsamkeit steigt, desto näher (rückt) der Kollaps der Gesellschaft“, erkannte in den 1970er Jahren eine Korrelation zwischen narzisstischen Störungen, die psychiatrischer Behandlung bedürfen, und dem Auftritt der Narzisst:innen auf allen gesellschaftlichen Bühnen. Für Lasch ist Narzissmus die psychische Antwort „auf die Bilderflut und den Massenkonsum“. Narzissmus sei die beste Art, „die Ängste des modernen Lebens zu ertragen“.

Steuert man den Punkt mit Axel Buether an, lautet ein Fazit: „Nach der Handicap-Hypothese haben die Männchen mit den auffälligsten* Farbtrachten schon deshalb gute Chancen bei den Weibchen, weil sie noch am Leben sind.“

*Die Auffälligkeit behindert den Akteur und reizt die Konkurrenz. Prächtige leben mit Risiken, die von Strategen der Unauffälligkeit vermieden werden.

Dialektische Unverfrorenheit

L degradiert M. Er lockt sie aus der Reserve und lässt sie dann im Regen stehen. Er greift ihre Neigung zu linearen Deutungen an und unterminiert seine Gastgeberin mit Synchronisationsprodukten weit auseinanderliegender Hirnareale.

„Wenn ich von Tony eines gelernt habe, dann ein gewisses Durchhaltevermögen in Wettstreits dieser Art, doch am Ende musste ich mich geschlagen geben.“

M möchte sich ergeben. Da ist aber keiner, der ihre Kapitulation entgegenzunehmen bereit wäre.

Kaum will sich M ihrer peinlichen Lage räumlich entziehen, fordert L sie auf, sich für einen längeren Aufenthalt einzurichten. Der Stuhl, auf dem sie sich verspannt, entwickelt in der Narration mehr als nur die Hitze einer Herdplatte. L. bemerkt, er und seine schöne, zu Eifersucht weitläufig Anlass gebende Begleiterin Brett nennten „ihn den elektrischen Stuhl.“ So herausfordernd und herabsetzend geht es im Tempo eines Aufgalopps weiter. L schockt M mit dialektischer Unverfrorenheit.

Für eine „Kernschicht“ der Dialektik hält Adorno Hegels Aversion „gegen das isolierte, abstrakte Räsonnement, das Recht behalten will gegen irgendwelche Tatsachen*“. („Die Macht dessen, was ist, ist dem reifen Hegel zufolge, aber auch eigentlich schon dem Hegel der Phänomenologie, die darin auf der Grenzscheide steht, größer als das Besserwissen der Vernunft des je Einzelnen.“)

M navigiert an ihren Grenzen. Sie registriert die Unzulänglichkeit ihrer Urteile angesichts von Ls Unfassbarkeit. Er verflüchtigt sich vor ihren Augen, um sich (verblüffend anders als zuvor) wieder zu materialisieren. L fehlt das Bedürfnis, von M für Verbindlichkeit gelobt zu werden. Grob fährt er ihr in die Parade. Sie kommt nicht umhin, in der kapriolenden Unhöflichkeit eine wertvolle Sendung zu vermuten.

Aus der Ankündigung

Eine Frau lädt einen berühmten Maler in ihr Haus in einer abgelegenen Küstenregion ein. Es ist ein erdrückend heißer Sommer, und sie hofft, sein künstlerischer Blick werde das Geheimnis ihres Lebens und ihrer Landschaft lüften. Nur kommt es ganz anders. Denn nicht nur weigert er sich, sie zu malen, er meidet sie geradezu, scheint sie regelrecht vorzuführen in ihrer Bedürftigkeit. Und verbündet sich unterdessen mit ihrem Mann, und nähert er sich nicht auch ihrer Tochter an? (Deren Schönheit und Jugend sie nicht gleichgültig lassen.) Was soll sie tun? Sich kampflos ergeben? Oder versuchen, auch gegen ihre zum Leben erwachten Dämonen anzukämpfen und ihren Willen durchzusetzen? Der andere Ort ist ein atmosphärisch hoch entzündliches Kammerspiel. Rachel Cusk erzählt darin von weiblichem Schicksal und männlichem Privileg, von der dramatischen Geometrie menschlicher Beziehungen und von Kunst, die uns retten – oder zerstören kann.

Rachel Cusk, 1967 in Kanada geboren, hat die international gefeierte Outline-Trilogie, die Memoirs Lebenswerk und Danach sowie zahlreiche weitere Romane und Sachbücher geschrieben. Sie ist Guggenheim-Stipendiatin und lebt in Paris.