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2022-01-14 07:27:16, Jamal Tuschick

Vermischtes - Zwischen Pandemie-Parlando und der „enttäuschenden Virtuosität“ von Vladimir Nabokov

© Jamal Tuschick

Solar Fire & Kernvisonäre Lockdowns

„Corona ist wie Masern auf Steroiden.“ Doktor Itai Pessach in einem FAZ-Interview Quelle

„Mir ist, als hätte auch ich eine wirkliche Verwandlung durchgemacht. Ich erinnere mich noch, wie unschuldig ich früher mitsamt meinem Körper herumreisen konnte. Jetzt spüre ich einen langen CO2-Schweif, den ich hinter mir herziehen muss, der mir verbietet, ein Flugticket zu kaufen und wegzufliegen.“

Bruno Latour definiert die Stadt als „Exoskelett seiner Bewohner:innen“. Er rückt die pandemisch geprägte Urbanität in die Nähe von bioklastischen Termitenbauten. In organischen Verdichtungen grassiert das Virus nicht als Krise, sondern als Motor von Mutationen. Die Evolution erscheint im Kleid der Pandemie zur Durchsetzung einer Kurskorrektur.

Die Pandemie und der Klimawandel verändert unsere Sicht auf die aktuelle geochronologische Epoche.

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„Es sind die von Wissenschaftshistorikern … so geliebten Labore, die Teilchenbeschleuniger, die Kernreaktoren bis hin zu dem verblüffenden (kernfusionären International Thermonuclear Experimental Reactor), denen es gelingt, mittels wahrhaft extremen Lockdowns einige Mikrosekunden lang Fusionen ähnlich der zu generieren, die die Sonne erstrahlen lässt.“ Michel Serres

Nach Serres produzieren die Lockdown-Experimente „Schächte, Pfützen, Isolate des Universums innerhalb der Erde“. Er beklagt die Resultate und verfrachtet sie in die Ablage für limitierte Produkte.

Er befragt die Zeit und zieht das Metronom der Uhr vor. So erkennt er:
„Tagesanbrüche und Gezeiten, Pulsschläge und Atemzüge folgen dem gleichen Zweiertakt, die ersten adagio, die zweiten vivace; das Grippevirus mutiert presto, während die Mutationen, die uns zu Menschen gemacht haben, von einem majestätischen andante getragen waren.“ Er fragt sich, ob „sich (s)eine inneren oder somatischen Tempi zu einer Summe wie die der Erde addieren?“

Enttäuschende Virtuosität

„Die Tradition der Unterdrückten belehrt uns darüber, dass der Ausnahmezustand, in dem wir leben, die Regel ist.“ Walter Benjamin

„Unbefangen weiter straucheln, bis zum letzten Atemzug.“ Hans Magnus Enzensberger

„Viele meiner Gedichte hätte ich mir sparen können.“ Günter Eich

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Enzensberger erlebt sich als „Relikt aus dem 20. Jahrhundert“; limitiert von unwiderruflicher Prägung. Ihn beschleicht das „Gefühl, als gingen einen manche Erscheinungen der Gegenwart nicht mehr besonders viel an“. Stattdessen zählt er Akutphänomene zu den „Macken und Marotten“ der anderen.

Hans Magnus Enzensberger, „Fallobst. Nur ein Notizbuch“, mit Zeichnungen von Bernd Bexte, Suhrkamp, 15,-

Der Autor erzählt von den Recherchen in Francos Spanien zu dem Roman Der kurze Sommer der Anarchie. Aus der schieren Materialbeschaffung zum Leben und Sterben des spanischen Metallbauers Buenaventura Durruti macht Enzensberger eine Abenteuergeschichte. Ein mutiger Taxifahrer, der die Topografie von Sechsunddreißig aus dem Effeff kennt, gab sich wie mit heimlichen Fingerzeichen als ungebrochener Republikaner zu erkennen. Regimekritisches Material verließ das Land auf den Saumpfaden einer verschwörerischen Solidarität.

Enzensberger schildert den Spanischen Bürgerkrieg als Aporie der Avantgarde und Lehrstück der Vergeblichkeit mit weggebrochenen Frontabschnitten, gebrochenen Versprechen und einer tragisch kolorierten Massenflucht* ohne Happy End. Hemingway fasst den Kampf der Republikaner:innen gegen die Franco-Restauration in „Wem die Stunde schlägt“ als Arena der persönlichen Bewährung und Spielplatz für Kommandounternehmen zwischen Brücken- und Beziehungssprengungen auf. Enzensberger Anarchist:innen sehen bei Weitem nicht so gut aus wie Ingrid Bergman und Gary Cooper im Einsatz für die Freiheit.

*Enzensberger spielt auf Ereignisse an, die in der Gegend von Latour-de-Carol ihren tragischen Peak erhielten. Da strandeten im Februar 1939 massenhaft Kombattant:innen in den kurzen Sommerhosen der Anarchie. Die weggebrochene katalonische Front (26. Abteilung), alles in allem zwölftausend Personen, drängte nach Frankreich. Viele wurden aufgegriffen und interniert im langen Winter der Anarchie.

In ihrer Deutung spricht Isabel Allende „von einer Massenflucht der Unerwünschten“, die auch mit senegalesischen und algerischen Auxiliartruppen zu Pferd kanalisiert wurde.

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Vladimir Nabokovs (von dessen Sohn Dmitri „respektvoll übersetzten und annotierten“) Collected Stories bescheinigt Enzensberger „enttäuschende Virtuosität“. Die Deklassierung nage am Erzähler. „He is trying too hard. Es fehlt ihm an Unbefangenheit, daher das prätentiöse Vokabular. Man nennt einen solchen Stil overwritten. Herrliche Details, die auf die Dauer ermüden. Ein Meister, der sich überschätzt.“

Da ist noch die Geschichte von dem Wehrmachtsoffizier, der zu Picasso ins Atelier kommt, „Guernica“ sieht, das Bild, mit dem Picasso auf den Einsatz der Legion Condor 1937 in Spanien reagiert hat, und fragt:

„Wie haben Sie das gemacht?“

Picasso: „Das war ich nicht. Das warst du.“

Guernica - Im Madrider Museo de Reina Sofia © Jamal Tuschick