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2022-01-15 08:45:08, Jamal Tuschick

„Wir sind so gerne in der freien Natur, weil die keine Meinung über uns hat.“ Nietzsche

„Nichts ist im Verstand, was nicht zuvor in den Sinnen war, ausgenommen der Verstand selbst.“ Leibniz

Thomas Florschuetz, Ohne Titel, (Der Palast der Republik als Rohbau) © Jamal Tuschick

Soziophobie und Mülltrennung

Ich komme zu spät, der Film hat angefangen. Eine Amateurproduktion, die es nie in ein richtiges Kino schaffen wird. In der Reihe vor mir sitzt die Riege der Beteiligten. Ich spüre, dass sie glauben, etwas von Bedeutung in die Welt gesetzt zu haben. Der Film heißt „Die Tigermücke“. Der Titel zitiert die Heldin, sie bezeichnet sich selbst so. Sie verlässt ihre Wohnung nur unter dem Zwang, Lebensmittel einzuholen. (Eine Mitteilung aus dem Off.) Ihr Leben ist verschwiegen. Still ist es nicht. Die Frau spricht mit Gegenständen. In den Gesprächen erweitert sich die Realität der Gegenstände. Sie erscheinen so menschlich wie Marschkolonnen. Die Kamera gleitet über sie hinweg wie über ein Stadionmeer aus Köpfen. Sie folgt Reihen von Töpfen, Pfannen, Geschirr, Gläsern, Dosen, Packungen, Heften und schiefen Stapeln. Ein Flaschenheer beschützt Mülleimer. Soziophobie und Mülltrennung.

Die Wohnung sieht nach Klo halbe Treppe aus. Die Frau berührt Regale. Sie erzählt den Dingen von Draußen.

*

Straßengeräusche dringen ein, die Lichtverhältnisse ändern sich. Die Kamera zeigt Kippen in einer Reihe auf einem angeschlagenen Unterteller. Die Zeit des Geschehens bleibt unklar, bis zum Alarm eines mobilen Telefons. Gegenwart, aber kein Interesse. Eine Nachricht trudelt ein. Im Treppenhaus geht das Leben weiter, man hört ein Kind, Schritte, das Klirren in Körben. Die Frau lässt Kleister ins Spülbecken rinnen. Feierlich dreht sie an ihrem Rad. Gleich hat sie den Tag geschafft (hat sich der Tag erledigt) der Abend wird einfach sein. Abends sitzen alle in ihren Wohnungen und durch die Wände unterhalten sich die Fernseher. Die Frau besucht ihre Räume, die Räume erzählen von einer lebhaften Vergangenheit.

Die Frau sitzt vor mir, sie hat eine andere Frisur als im Film. Sie erscheint beinah bürgerlich in einem Mantel, der angibt: Ich gehe anders durch den Winter als ihr. Ich glaube nicht, dass die Frau Schauspielerin ist. Sie gibt ihrer Rolle zu viel Drama. Sie ist zu kraftvoll allein. Sie stellt den Zustand aus wie eine Krankheit, vor der sie sich nicht fürchtet. In ihrem Filmwohnzimmer lästern Dielen. Sie legt ein Ohr an die Wand. Die Dunkelheit lässt sich wie ein Vogel nieder. Nebenan tobt einer. Ein Bildschirm flammt auf, Musik setzt ein. Ich freue mich, dass ich das Lied kenne. Lang nicht mehr gehört. Die Türklingel schrillt. Ein Altbaugeräusch, der Nachbar steigert sich. Die Züge der Protagonistin stehen wie angehalten von Eis. Jemand schlägt die Wohnungstür, nicht mehr als eine Pappe gegen die Welt, die Frau macht auf. Eine Frau steigt ein, mit einem Wort von Leibnitz: „Nichts ist im Verstand, was nicht zuvor in den Sinnen war, ausgenommen der Verstand selbst“.

Die Frauen sitzen in der Küche vor abgegessenen Tellern. Sie trinken. Die Besucherin zieht Pulloverärmel hoch. „Du musst an die Luft.“

Die Insassin antwortet mit Nietzsche: „Wir sind so gerne in der freien Natur, weil die keine Meinung über uns hat.“

Die Reihe vor mich lacht, ich werde mir das nicht länger antun. Warum macht man so was, frage ich mich. Was hat man davon?

Der Film läuft in einer schmächtigen Galerie. Ihr Vorraum liegt fast auf der Straße. Kälte rennt gegen die Tür. Becher müllen auf dem Boden. Ein paar Leute halten sich mit ihren Armen selbst fest. Antigone von Pechstein stellt fest:

„Gefällt dir auch nicht.“

„Prätentiöser Scheiß“, gebe ich zu.

Antigone: „Das sind Leute, die bespiegeln ihre Rosetten. Die buchstabieren das Alphabet des Existenzialismus neu und denken, so ließe sich etwas gewinnen.“

„Existenzialismus ist doch schon zuviel gesagt.“

Ich habe das letzte Wort. Es kommt mir einmal wieder zum Hals heraus. Die Hauptdarstellerin taucht auf, im Volllicht sieht sie so skrupellos wie zersetzt aus. Der Film zeigt davon nichts. Antigones Schönheits- und Wohlstandsmagnet zieht sie an. Sie schürzt die Lippen. Ich kann ihre Gedanken lesen.