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20.01.2022, Jamal Tuschick

Nichts Gravierendes

Annies normannische Geburtsstadt Y. verheerten erst die Wehrmacht bei der Besetzung und dann die Alliierten bei der Befreiung Frankreichs. Die Autorin verortet Y. als Vorstadt von Rouen. Man ahnt dem Urbanen entgegengesetzte Strukturen mit einem restriktiven Begriff von Zugehörigkeit, der im Fall der Erzählerin vollständig greift. Annie ist eine von uns in der orthodoxesten autochthonen Perspektive.

Restriktion und Regression bestimmen das Romangeschehen. Nach einem Gewaltausbruch des Vaters, der sich vor Annies Augen gegen ihre Mutter richtet, kehrt das Schankwirtsehepaar zu einer durchaus nicht brüchigen Harmonie zurück. Für die Tochter ist der häusliche Frieden unbegreiflich. Das Unbegreifliche wächst sich aus: auf einer Strecke von der Irritation bis zur Wachstumshemmung. Annies Entwicklung stockt nach der Tat, während für alle anderen das Leben so weiterzugehen scheint als sei nichts Gravierendes geschehen.

Palais de Justice de Rouen © Jamal Tuschick

Minenfeld der Irritation

Am 15. Juni 1952 erlebt Annie in der konstitutionellen Schieflage zwischen Küche und Kneipe einen Umbruch ihrer Verhältnisse, der sie von jetzt auf gleich von ihren Ankern sprengt. Die Erzählerin nennt den Tag der für die Mutter lebensgefährlichen Entgleisung „das erste präzise und eindeutige Datum meiner Kindheit“.

„Danach lag dieser Sonntag wie ein Filter zwischen mir und allem, was ich erlebte.“

Fortan begegnet Annie überall „einem Drama, das nicht stattgefunden hatte“.

Annie Ernaux, „Die Scham“, Roman, aus dem Französischen von Sonja Finck, Bibliothek Suhrkamp

Mit dem Abstand von Jahrzehnten memoriert Annie den Exzess im Jahr ihrer Kommunion. Nie zuvor, so hebt sie hervor, sei es ihr gelungen, über die Tat zu schreiben. Gelegentlich habe sie aber einen Mann mit der Feststellung vor den Kopf gestoßen: „‚Kurz vor meinem zwölften Geburtstag wollte mein Vater meine Mutter umbringen‘. Wenn ich Lust hatte, diesen Satz zu sagen, war das ein Zeichen, dass ich sehr verliebt war.“

Bis zur Niederschrift zweifelte sie nicht daran, sämtliche Details so einfach zu erinnern, wie man eine Schublade aufzieht. Doch in der Schreibmühle erkennt Annie, wie viel sich lediglich atmosphärisch fassen lässt. Immerhin weiß Annie noch, dass die Mutter eine „weiße Kittelschürze“ trug, als ihr Ehemann zuschlug. Sie selbst wurde in einem „blauen Kleid mit weißen Punkten“ zur Zeugin.

Zwischen Messbuch und den Sommerhits von Zweiundfünfzig

Annie Ernaux fahndet auf Fotos aus dem Familienalbum nach einem Bild, das den halben Todschlagversuch arrondiert. Die Durchbrechung vertrauter Abläufe war für das Kind ein weit ausholender Schock. Die Angst vor einer Wiederholung wurde vielfältig geschürt. Gleichzeitig bot sich die offensichtliche Folgenlosigkeit des Ausrasters Annie als ein Minenfeld der Irritation an. Die Mutter wirkte weiter an der Seite des Delinquenten. Mitunter ging sie scherzend auf ihn zu. Es gab Beweise für ein intimes Einvernehmen und Zärtlichkeiten vor Annies Augen.

Das bleiben monströse Erscheinungen in einer Tiefsee des Unbegreiflichen.

Die Gewalt gegen die Mutter trifft die Tochter ins Identitätsmark

Annie findet nicht aus einem Labyrinth, das sich zwischen Ehevertragsbruch und komplex-komplizenhaften Kollaborationen im Verhältnis von Täter und Opfer erstreckt. Das Unverzeihliche scheint im Unvermeidlichen verdunstet zu sein.

Die Autorin fahndet nach Spuren. Sie sichtet ihr Messbuch und bedenkt Lieder, die 1952 populär waren. Sie erwähnt Ma p’tite folie. Eine alte Postkarte hilft ihrem Gedächtnis auf die Sprünge. Im Stadtarchiv von Rouen blättert sie sich durch Ausgaben der Paris-Normandie von 1952. Die Zeitung hatten ihre Eltern abonniert. 

Im Übersprung sucht Annie in verlässlichen Quellen nach den Worten, „mit denen ich damals über mich selbst und die Welt nachdachte“. Sie wird zur Alltagsethnologin, wenn sie ihre Ursprungsverhältnisse ergründet, in denen sie transgenerational verankert ist. Ihre Eltern und Großeltern stammen aus dem Umland von Rouen. Annie hat die soziale DNA von bei uns. Das ist ein topografisch scharf formulierter Begriff.

„Ich begegne Männern und Frauen, die meine Mutter oder mein Vater, bevor sie sich kennenlernten, fast geheiratet hätten. Nicht von hier sind alle, über die wir nichts wissen, deren Geschichte unbekannt oder nicht überprüfbar ist und die unsere Geschichte nicht kennen. Bretonen, Marseiller oder Spanier, alle, die nicht wie wir sprechen, sind Fremde, in unterschiedlichen Abstufungen.“

Aus der Ankündigung

Juni 1952, die kleine Annie ist 12 Jahre alt. Eines Sonntagnachmittags geschieht etwas Entsetzliches – ohnmächtig muss sie miterleben, wie der Vater die Mutter umzubringen versucht. Nach kurzer Zeit beruhigt sich der Vater, und Annie versucht, den Eklat zu vergessen. Bis sie, nahezu ein halbes Jahrhundert später, auf ein altes Foto stößt, das eine Flut von Erinnerungen auslöst. Aber was genau ist damals geschehen? Und wie ist es dazu gekommen?

Je tiefer Annie in dieses entscheidende Jahr eintaucht, umso deutlicher wird ihr die Spannung, in der die Eltern lebten, zwischen de m Wunsch nach sozialem Aufstieg und dem demütigenden Rückfall in die alten Verhältnisse. Und auch Annies Zerrissenheit gewinnt an Kontur, ihr immer wieder schmerzhaftes Bemühen, dem Einfluss einer religiösen Erziehung zu entrinnen und der bohrenden Sehnsucht nach Aufbruch und einem besseren Leben zu folgen.

Scham ist das beharrliche Gefühl der eigenen Unwürdigkeit. Annie Ernaux seziert es an sich selbst, indem sie weit zurückschwingt in eine eigentlich unfassbare Episode ihrer Kindheit und in eine Vergangenheit, die nicht vergehen will.

Annie Ernaux, geboren 1940, bezeichnet sich als »Ethnologin ihrer selbst«. Sie ist eine der bedeutendsten französischsprachigen Schriftstellerinnen unserer Zeit, ihre zwanzig Bücher sind von Kritik und Publikum gleichermaßen gefeiert worden.