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26.01.2022, Jamal Tuschick

Somnambule Zielstrebigkeit

In der Hochzeit der Afrika-Expeditionen und der spekulativen Ethnologie befasste sich der Journalist Henry Mayhew (1812 - 1887) mit der Armutsarchaik vor der eigenen Haustür. Er betrieb Völkerkunde in den Gassen von London und unterschied Stämme von Klans. Hundedieb war zu seiner Zeit ein anerkannter Beruf. Das kann sich heute keiner mehr vorstellen. In meiner Jugend war Chinesisch ein Synonym für das denkbar Unverständlichste.

Wer käme noch auf die Idee, zu sagen: Du interessierst mich genau so sehr wie ein Sack Reis, der in China umfällt.

Sinologie war ein Orchideenfach, das zu nichts führte, noch nicht mal zu dem bedauernswerten Prestige akademischer Lyrikspezialist:innen. Mit der Idee ewig an der Uni zu bleiben und nie etwas Nützliches zustande zu bringen, nahm meine Wohngenossin Kina das Studium der Chinakunde auf.

Kinas Vater arbeitete bei VW in Baunatal am Band. Das erschien nicht allein mir damals trostlos. Heute können Facharbeiter:innen von den  Beschäftigungsverhältnissen in den 1970er und -80er Jahren nur noch träumen. Der Mann baute sich ein Haus im Dorf seiner Herkunft. Fiel die Meute der Freund:innen seiner Tochter in dem Haus ein, schnitt er eine Dürre Runde von der Wurststange im Keller. Dann gab es Ahle Wurscht, Gewürzgürkchen, Brot und Bier für die überhebliche Bande, die ohne Ausnahme in ihrem Gastgeber nur einen auf der letzten Rille sämtlicher Möglichkeiten Hängengebliebenen sah.

Wie unrecht wir ihm taten.

Wie unvorhersehbar das Leben ist. Schon Ende der 1980er Jahre hatte Kina mit ihren vermeintlich exotischen Sprachkenntnissen die Nase vorn. Das fiel mir ein, als ich eben in Radka Denemarkovás Roman „Stunden aus Blei“ (auf Deutsch von Eva Profousová, Hoffmann und Campe, 32,-) auf die Formulierung stieß:

„In der Geschichte der Menschheit hat jede Sprache eine Zeit des Aufschwungs.“

Das weiß der tschechische Sinologe und Literaturwissenschaftler Murmel, ein männlicher Kina in seiner somnambulen Zielstrebigkeit.

Dynamische Repression

„Jeder kann von einem auf den anderen Tag verschwinden.“

Radka Denemarková über die chinesischen Kaderkoryphäen im Xi Jinping-System. Die Autorin beschreibt die Konsolidierungsmechanik in der Pekinger Elitesphäre als einen Mix aus 1930er Jahre-Stalinismus und dynamischer 1950er Jahre-Ostblock-Repression.

*

Xi Jinping misst sich an Mao allein. Der mächtigste Mann der Welt strebt danach, die mythische Gründergestalt in den Schatten der Geschichte zu rücken. Schritt für Schritt tastet er sich vor. Der Schlüssel zur Überbietung/Überwindung Maos steckt in einem gigantomanischen Personenkult.  

Denemarková lässt einen Akteur beobachten, „dass die heutigen Kommunisten Chinas die religiöse Kraft des Konfuzianismus für tot halten. Dafür werden mit aller Macht die konfuzianischen Werte verehrt“.

Das ist eine faszinierend präzise Feststellung.  

Xi Jinping kombiniert Kommunismus mit essenziellen Konfuzius. Auch so emanzipiert er sich von Mao, der als Feind des Konfuzianismus auftrat und seine Garden auf die Siegelbewahrer:innen des Weisen hetzte. Xi Jinping verweigert sich der Einsicht nicht, dass im Kommunismus chinesischer Prägung der Mandarin-Feudalismus eine Fortsetzung auf dem Plateau institutionalisierter Ungleichheit findet. 

Xi Jinping will massenhaften Wohlstand mit einer daoistisch-antiken Firnis im Teebeutelstil. Die ewig staatsbestimmenden Denkschulen und Kaderschmieden sind in aktuellen Deutungen Hohlmäntel für die Doppelladung Patriotismus & Pflichterfüllung. Die ideologischen Manöver erzielen die erwünschten Ergebnisse. Jüngere Chines:innen stehen wieder sehr viel loyaler zu ihrem Staat als ihre Eltern es taten/tun. 

Beseelter Konformismus

Wohlstand erzeugt Stolz. Eine stetig breiter werdende Mittelschicht bedankt sich mit beseeltem Konformismus für eine gedeihliche Gegenwart und die guten Aussichten als künftige Nummer Eins auf allen Weltspielfeldern.  

Kontemplative Praxis

Radka Denemarková lässt eine Protagonistin im Kontext einer gescheiterten Ehe sagen: „Ich bin die jahrelangen Erniedrigungen, die Betteleien und Verletzungen leid. Der einzige Weg, dieses Konzentrationslager zu beenden …“ Wie kann man eine toxische Beziehung mit der Shoa vergleichen?

Die Autorin transportiert ihre Geschichte zuerst in der Matrix einer in China lebenden, tschechischen Schriftstellerin, die unter ihrer Berufung/Profession firmiert. Die Schriftstellerin klärt sich. In einer kontemplativen Praxis trennt sie sich von „emotionalem Müll“.

Die Schriftstellerin macht jeden Morgen achtmal den Sonnengruß und die Acht Brokate.“

Sie lernt Devianz-Signale vom affirmativen Grundrauschen einer gleichgeschalteten Gesellschaft zu unterscheiden. Ihre propositionale Einstellung (Donald Davidson) verschiebt sich in der chinesischen Fast-Antinomie zwischen blühenden Landschaften, den Himmel stürmenden Karrieren und Staatsterror.

Ihr episodisches Gedächtnis illustriert das Geschehen auf der Gegenwartsleiste mit Schnipseln aus einem alten Totalitarismus-Katalog. Sie leidet unter der „Blut hustenden Sprache“ mancher Kolleg:innen, die sich selbst zensieren würden, nur im China verlegt zu werden.

„Das System bohrt sich in die intimste Privatsphäre hinein wie eine Mehlmottenraupe in einen Sack Mehl.“

Die Schriftstellerin weiß sich überwachtet. Außerdem weiß sie:

„Wem das Regime die Feindschaft erklärt hat, dem bricht es das Genick.“

Trotzdem lässt sich die Schriftstellerin auf „operative Verbindungen“ ein.

*

In Denemarkovás Figurenkabinett firmiert ein tschechischer Programmierer in Peking als Muster der erfolgreichen Anpassung. Er verhebt sich mit seinem auf die Schriftstellerin gerichteten Begehren, und vergeht sich an seiner Tochter, deren Hellsichtigkeit ihn bis zur Weißglut reizt.

Aus der Ankündigung

Peking ist der Sehnsuchtsort für eine Gruppe von Europäern, die nach China kommen, um sich zu finden und ihr Leben in neue Bahnen zu lenken. Doch den Möglichkeiten zur eigenen Entfaltung sind in dem kommunistischen Land starre Grenzen gesetzt. Die Begegnung mit chinesischen Dissidenten stellen ihre Wertvorstellungen auf die Probe, und sie alle geraten an einen dramatischen Wendepunkt in ihren Leben. Den Mittelpunkt dieser Gruppe bildet eine tschechische Schriftstellerin, die sich voller Überzeugung für demokratische Werte einsetzt und zum moralischen Leitstern für eine chinesische Studentin wird. Die gemeinsame Lektüre philosophischer Texte animiert die junge Frau schließlich zum politischen Widerstand – mit fatalen Folgen.

Zur Autorin 

Radka Denemarková, geboren 1968, lebt als Autorin, Dramatikerin, Drehbuchautorin, Essayistin und Übersetzerin deutscher Literatur in Prag. Stunden aus Blei erhielt den Preis als Buch des Jahres 2019 und war in Tschechien ein Bestseller. Denemarkovás Werk wurde in mehr als zwanzig Sprachen übersetzt. Für ihren Roman Ein Beitrag zur Geschichte der Freude (Hoffmann und Campe, 2019) wurde sie mit dem Spycher Literaturpreis Leuk 2019 ausgezeichnet.