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27.01.2022, Jamal Tuschick

Das Zupfen an den Nervensträngen

„In China verschwinden regelmäßig Leute ohne jede Erklärung.“ Desmond Shum

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Zu den guten Geistern des Romans zählt Božena Němcová, „Selbstversorgerin mit vier Kindern. Eine Alleinerziehende“ des 19. Jahrhunderts. Božena Němcová half der tschechischen Literatur auf die Sprünge. Ihrem ikonografischen Status verdankt sich das Verschweigen der deutschen Anfänge.

„Ich fand großen Gefallen an den deutschen Büchern.“

Radka Denemarková, „Stunden aus Blei“, Roman, auf Deutsch von Eva Profousová, Hoffmann und Campe, 32,-

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Die Aufständischen auf dem Platz am Tor des Himmlischen Friedens von 1989, siehe Tian’anmen-Massaker, skandierten Losungen des Prager Frühlings (1968), die von Václav Havel stammten. 

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Mao in seinen eigenen Worten, überliefert von seinem Leibarzt, zitiert nach Radka Denemarková:

„Manche unserer Genossen verstehen die Situation nicht. Sie wollen, dass wir in See stechen und Taiwan übernehmen. Ich bin nicht einverstanden. Lassen wir Taiwan sein. Taiwan bedrängt uns ständig. Das ist wunderbar. Damit hilft es uns, die innere Einheit zu bewahren.“

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Ich liefere eine weitere Mao-Schote in dieser Preisklasse. Zum Mythenkranz als Rahmen der Heldenverehrung gehört die Mär von Maos persönlichen Einsatz im Kampf gegen die japanischen Usurpatoren. Doch führten den Krieg gegen die japanischen Besatzer vor allem die antimaoistischen Guomindang.

Mao befahl seinen Revolutionär:innen Zurückhaltung. Er spekulierte auf die Schwächung des innerchinesischen Gegners. Maos Fazit lässt sich an Zynismus nicht überbieten:

„Hätten die Japaner nicht große Teile Chinas besetzt, wären wir heute noch in den Bergen.“    

Konversationsäquilibristik

Die westlichen Asienstandardbegriffe haben zwei Wurzeln: den Exotismus und den Kolonialismus. Beide Hebel funktionieren nur auf dem Sockel der Suprematie. Die westliche Überlegenheit ist Schnee von gestern. Wir sind Spielfiguren auf dem chinesischen Brett.

Die Macht im Haus der Welt gehört China. Sie personalisiert sich in Xi Jinping.

Xi Jinpings Omnipotenz beweist die Tatsache, dass er einen in westlichen Augen tödlichen Fehler politisch mühelos überlebt hat. Er unterwarf den pandemischen Informationsdiskurs der Staatsräson. Kein westlicher Regierungschef wäre mit diesem Kurs so einfach durchgekommen wie der Rote Riese.

Xi Jinping ist die Person gewordene Partei in der zweiten Morgenröte der chinesischen Revolution. Der Konsum funktioniert als kapitalistischer Weichmacher einer Diktatur.

In diesem System bewegen sich auch die Expatriierten. An erster Stelle des Romanpersonals steht die Schriftstellerin. Sie klappert auf dem internationalen Parkett.

„Ein Empfang … aus der unendlichen Serie von Premieren, Vernissagen, Partys im engeren und Partys im weiteren Kreis, Gartenfesten, Gelächter, Gläserklirren.“ 

Zupfen an Nervensträngen

Alexander Kluge sagt über den brasilianischen Präsidenten Bolsonaro, jener bewege sich „über politische Abgründe wie auf einem Hochseil“. Das beschreibt die Konversationsäquilibristik der Pekinger Jetset-Akteure. Zu ihnen gehören Pommerantsch und Mansur. Sie wissen:

„Ideologien sind bewaffnete Gedanken.“

Die Aufrüstung beginnt in den Köpfen jener modernen Kater Murr, die in Denemarkovás Roman vernünftig handeln. Die Autorin schreibt ihnen Rationalität, Intentionalität und Bewusstsein zu. Pommerantsch und Mansur denken über ihre physikalische und soziale Umwelt nach, haben Zeitgefühl, sind zur Werkzeugherstellung befähigt, beherrschen Planhandlung und Perspektivenübernahme. Kurz, sie sind so vollständig wie du und ich, soweit es das humane Potential betrifft. Natürlich sind sie besser als ihre Gegenspieler:innen.

Jeder Sprung aus dem Fenster illustriert ihren Vorsprung.

Ihren menschlichen Antagonist:innen fehlt die unverfrorene Geschmeidigkeit. Ihr Spielfeld teilen sie mit chinesischen Expert:innen einer besonderen Zupftechnik. Denemarková substituiert ein Lieblingswort der avancierten Gegenwart, ich rede von Destabilisierung, mit der schönen Wendung: „Zupfen an Nervensträngen“. Die Agent:innen untergraben potentielle Dissident:innen nach allen Regeln der Kunst; wenn auch oft nicht mehr so rüde wie einst.

Zur Erinnerung

1966 fielen der Kulturrevolution fünfhundert Klaviere im Konservatorium von Shanghai zum Opfer. Der als Volkserhebung inszenierte Staatsterror zwang Direktor He Lüting (1903 – 1999) auf die Streckbank. Man unterwarf den „bourgeoisen“ Komponisten öffentlich der Folter, um ihn zur Selbstkritik zu ermutigen. Lüting widerstand. Schließlich wurde er in sein Amt zurückgerufen.

He Lüting 贺绿汀 Song of the Guerrillas (1939)

 Eingebetteter Medieninhalt

„Das Schöne an der Geschichte ist, dass mit zeitlichem Abstand alles logisch wirkt, das ist für die Libido der Historiker natürlich sehr beruhigend.“  

Akademischer Hochsitz

Auch eine amerikanische Kalligrafie-Koryphäe ging aus der tschechischen Migration hervor. Ihre eingewanderten Eltern amerikanisierten sich aus dem Stand. Die Amerikanerin besetzt einen akademischen Hochsitz, die Spielarten der staatlichen Repressionen kümmern sie nicht. Für sie ist die Welt in Ordnung, da sie voller Schriftzeichen ist. Der Schriftstellerin erklärt sie:

„Die chinesische Schrift geht auf Orakelknochen der Shang-Dynastie zurück.“ 

Aus der Ankündigung

Peking ist der Sehnsuchtsort für eine Gruppe von Europäern, die nach China kommen, um sich zu finden und ihr Leben in neue Bahnen zu lenken. Doch den Möglichkeiten zur eigenen Entfaltung sind in dem kommunistischen Land starre Grenzen gesetzt. Die Begegnung mit chinesischen Dissidenten stellen ihre Wertvorstellungen auf die Probe, und sie alle geraten an einen dramatischen Wendepunkt in ihren Leben. Den Mittelpunkt dieser Gruppe bildet eine tschechische Schriftstellerin, die sich voller Überzeugung für demokratische Werte einsetzt und zum moralischen Leitstern für eine chinesische Studentin wird. Die gemeinsame Lektüre philosophischer Texte animiert die junge Frau schließlich zum politischen Widerstand – mit fatalen Folgen.

Ich erinnere an einen älteren Titel der Autorin

Bedrohung von nationaler Tragweite

„Von oben gesehen ist alles brutal einfach“, heißt es am Anfang eines Romans, in dem Schränke Platzangst kriegen und Schwalben sich über die Dummköpfe tief unter ihren Fittichen unterhalten.

Das Phantasmagorische erscheint als realistischer Prager Bezirk.  

In der Wohnung einer Schriftstellerin fürchtet sich das Gästezimmer „vor der Ausbuchtung des aggressiven Bücherregals über dem Bett“. Birgit Stadtherrová schreibt Biografien über Päpste und Präsidenten und sie unterrichtet Dilettant:innen. Gemeinsam mit Freundinnen baut sie ein Archiv aus, das Gewalt gegen Frauen dokumentiert. Es geht um ein Begreifen, das dem Denken keine Rast gestattet, kein seelisches Aufatmen. In seinen Verzögerungen liegen die schärfsten Urteile nach Maßgabe einer Halsgerichtsordnung, erarbeitet von einem Selbstermächtigungstribunal - einem kleinen Frauengerichtshof – einer dem lethargischen Staat vorgreifenden Versammlung.

Von zehn Büchern, die mir nicht entgehen, transportieren drei diese Sendung. Das Empowerment Phantasma nässt bürgerliche Sehnsüchte. Es schwitzt durch alle Schichten.  

Radka Denemarková, „Ein Beitrag zur Geschichte der Freude“, Roman, aus dem Tschechischen von Eva Profousová, Hoffmann und Campe, 304 Seiten, 24,-

Ein Laienschreiber aus Stadtherrovás Schüler:innenschar wird erhängt aufgefunden. Das ruft den Ermittler auf den Plan. Da taucht kein postmoderner Phil Marlowe auf und durchkreuzt das Dunkelholz der Machenschaften. Der Ermittler ist ein Schleicher und schüchterner Denker, angeleitet und vielleicht auch verführt von einem nachrangigen Naturalismus der Simplifikation. Er streift einen Gipfel der Gegensätze, indem er sich Stadtherrovás Kennedy-Biografie vornimmt. Nach Stadtherrová ließ der prüde und „impotente“ FBI-Direktor John Edgar Hoover den sexsüchtigen John Fitzgerald K. kaltmachen.

Hoover erkannte im koitalen Fleiß des Präsidenten „eine Bedrohung von nationaler Tragweite“.   

Radka Denemarková, geboren 1968, lebt als Autorin, Dramatikerin, Drehbuchautorin, Essayistin und Übersetzerin deutscher Literatur in Prag. Stunden aus Blei erhielt den Preis als Buch des Jahres 2019 und war in Tschechien ein Bestseller. Denemarkovás Werk wurde in mehr als zwanzig Sprachen übersetzt. Für ihren Roman Ein Beitrag zur Geschichte der Freude (Hoffmann und Campe, 2019) wurde sie mit dem Spycher Literaturpreis Leuk 2019 ausgezeichnet.