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07.02.2022, Jamal Tuschick

Der Glaube des liberalen Amerikas an die großen Institutionen der Demokratie, grenze, das behauptet Stephen Marche, „an Verblendung“.

Folgt man Marche, dann stehen die USA vor einem Bürgerkrieg. Bis 2008 neigten lediglich sozial abgesprengte Hardliner:innen zu einer Sezession. „Inzwischen (sei) die Bereitschaft zur gewaltsamen Rebellion gegen die Bundesbehörden im Mainstream angelangt.“

Amerikanischer Archetyp

„Der Sheriff ist … eine heilige Figur, der gemäß der Verfassung die Aufgabe zukommt, sich der Bundesregierung entgegenzustellen.“

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„Die Netzwerke in den Vereinigten Staaten sind zu Polarisierungsmaschinen geworden.“

*

„Die Gründerväter haben einen Krieg geführt, um sich staatlichen Übergriffen zu widersetzen.“

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„Und es ist auch kein Land, das von Männern erschaffen wurde, die auf Bürokraten hören.“ Richard Mack

Ideologischer Unisex

Richard Mack, einst Sheriff im Graham County, Arizona, verkörpert einen amerikanischen Archetypus. In seiner Paraderolle als Redneck im Dienst seiner Kommune, berief er sich auf das Recht zur Interposition. Das Institut gestattet (unter Umständen), „Maßnahmen der Bundesregierung abzulehnen, die der Bundesstaat für verfassungswidrig hält“. Quelle

„Bis zum heutigen Tage ist Richard Mack stolz darauf“, dem Staat die Stirn geboten zu haben. Der Sheriff erlangte landesweite Berühmtheit, indem er seine Rolle im gesellschaftlichen Gefüge als Bollwerk gegen administrative Interventionen interpretierte.

*

Bodenständige Übersetzungen verfassungsförmiger Rechtsbegriffe garantieren (nicht nur in den Sphären dröhnender Minderheiten, die sich in ihren Habitaten als Salz der Erde erleben) Zustimmung in einer Gesellschaft, die staatliche Ansprüche als Einmischung in innere Verhältnisse deutet. Aus diesem Geist versteht sich ein „regierungsfeindlicher Patriotismus“, wie Marche ausführt.   

Stephen Marche, „Aufstand in Amerika. Der nächste Bürgerkrieg - ein Szenario“, auf Deutsch von Christiane Bernhardt, Droemer, 18,-

Weiter nach Marche. Ich folge seiner apodiktischen Diktion.

Am „Buffet der Befindlichkeiten“ findet jeder seinen Happen Hass. Die Zustimmungsbreite koinzidiert mit „intellektueller Inkohärenz“.

Hass auf die Regierung verbindet ein heterogenes Spektrum. Er ist der kleinste gemeinsame Nenner in „von Wut angetriebenen Informationsnetzwerken“.

„Der zweitstärkster Treiber für Traffic ist moralische Entrüstung.“

Die Entladungen im Netz folgen der Logik einer „Reduktion von empathischem Stress“. Im Feuer des Eifers schmelzen Aversionen und Segregationen.

„Es gibt souveräne Bürger*, die schwarz sind.“

*Souveräne Bürger:innen

Marche spricht von einer Hyperpolarisierung, die lange vor Trump Amerika segmentierte. In den Verwerfungen erscheint der Sheriff - in seiner von Marche betriebenen Verallgemeinerung - als Garant des Widerstands gegen staatliche Einlassungen. Der schwache Staat konstituiert für ihn und seine Klientel den Gesellschaftsvertrag.

Der Sheriff spricht in jedes Mikrofon, das man ihm unter die Nase hält. Er sagt stets das Gleiche:

„Dieses Land ist nicht darauf gebaut, Brücken zu schließen. Es ist kein Land, das von Bürokraten errichtet wurde.“

Der Sheriff appelliert an den Pioniergeist der Altvorderen. Er idealisiert eine TV-Westernvergangenheit, in der die Männer so aussehen wie John Wayne und Clint Eastwood.

Marche spricht von einer „Pornofizierung“ der Freiheitsattitüde, die sich in ständig wechselnden Repräsentanzen hypostasiert. Die Ästhetik der Männer, die sich hinter dem Sheriff versammeln, um vorgeblich unveräußerliche Rechtsgüter, in Wahrheit aber nur ihre verschwörungsmythischen Ressentiments faustrechtlich zu verteidigen, hat etwas von ideologischem Unisex; so wie grundsätzlich Protestformen von der politischen Gegnerin kopiert werden; und sich die Frontverläufe wie von Geisterhand verschieben. 

„Wer zu den Boogaloo Bois zählt, wird sich bis zur Drucklegung dieses Buches schon wieder verändert haben. Angetreten sind sie als rechtsextreme White-Power-Gruppierung. Sie haben sich inzwischen aber bereits in einen Rassenkrieg-Flügel und einen libertären Flügel aufgespalten. Einige von ihnen wiederum sind in letzter Zeit bei Black-Lives-Matter-Demonstrationen in Erscheinung getreten, um die Protestierenden zu unterstützen.“  

Show of Force

Unter dem Titel „Die verlotterten Brücken von Amerika“ erschien im Mai 2013 im Tagesspiegel ein Artikel mit dem Fazit:

„Von den 607.000 Brücken in den USA gelten 151.497 - also jede vierte - als strukturell mangelhaft oder funktionell obsolet.“ Quelle

Stellen Sie sich vor, auf einer der Brücken kreuzen „Beamte des Verkehrsministeriums für eine Routineinspektion auf. Sie finden bröckelnden Beton, Wasserschäden … und dünn gewordene Knotenbleche“. Sie weisen die zuständige Bezirksbehörde an, „die Brücke als Gefahr für die öffentliche Sicherheit zu schließen“. Nun beginnt ein administratives Ringen, das sich hinzieht.

„Die Umweltschutzbehörde fordert eine Umweltprüfung, bevor die Reparaturen durchgeführt werden.“ Die nötigen Mittel fehlen. Der „Rückstand für Brückensanierungen beläuft sich auf 171 Milliarden Dollar“. Die temporäre Stilllegung erhält mit seinen Betonbarrieren einen Denkmal- und Menetekel-Charakter. Zu Umwegen gezwungene Autofahrer:innen verfluchen eine weitere kommunale Dysfunktionalität. Vom Unmut der Bürger:innen aufgestachelt, nimmt ein Sheriff das Gesetz in seine Hände und macht Faustrecht daraus. Er profiliert sich als Baggerführer ohne den passenden Führerschein. In kürzester Zeit wandelt er sich vom Gesetzeshüter zum Gesetzesbrecher.

Gleichsam breitbeinig räumt Sheriff die Sperren von der Straße. Er poltert gegen Poller. Die Show-of-Force-Performance bringt ihn ins TV-Hauptprogramm. 

Aus dem Pressetext

Die brisante Reportage über die gespaltenen USA

Der Sturm auf das Kapitol war nur der Anfang. Denn die Amerikanische Demokratie ist dabei zu scheitern.


Das packende und erschreckend realistische Zukunfts-Szenario über den direkt bevorstehenden nächsten Bürgerkrieg in den USA

In fünf so verstörenden wie absolut realistischen Szenarien über das, was den USA politisch und gesellschaftlich unmittelbar bevorsteht, zeichnet Stephen Marche das Bild eines zutiefst gespaltenen Landes am Abgrund: Das Land erscheint kaum noch wie die größte westliche Demokratie und stabile Weltmacht. Die aktuellen Anzeichen wären in jedem anderen Land Grund zur Sorge vor einem direkt bevorstehenden Staatsversagen. Wie Marche eindringlich zeigt, braucht es dafür nicht mehr, als einen Funken, der das Land zum brennen bringt.

Stephen Marches fünf Szenarien sind so schockierend, weil sie so realistisch sind und so nah erscheinen:

  • Ein aufständischer Südstaaten-Bürgermeister widersetzt sich Washington, wird zum Idol der schwerbewaffneten Allianz aus Anti-Regierungs-Patrioten und es kommt zum ersten Bürgerkrieg seit 150 Jahren mit verheerenden Folgen.
  • Eine Naturkatastrophe zeigt, wie marode die Infrastruktur amerikanischer Städte ist und zwingt die Verantwortlichen zu entscheiden, wer leben darf und wer nicht.
  • Ein Attentat auf oberster Ebene beweist, wie schnell das Land mit der höchsten Waffendichte weltweit in den Strudel der Gewalt herabsinken kann.
  • Ein Anschlag auf das Herz der US-Demokratie bringt das soziale Gleichgewicht aus den Fugen und teilt den Staat in zwei erbittert verfeindete Lager.
  • Eine Koalition aus diversen, separatistischen Lobbyisten-Gruppen bringt die Föderation zu Fall und teilt sie in mehrere neue Staaten, um ein Blutbad in den USA zu verhindern.


Ob gewaltsam oder nicht - die USA sehen ihrem Ende entgegen und Stephen Marches beeindruckendes Buch ist der längst fällige Warnruf. Denn auch den ersten Bürgerkrieg wollte niemand wahr haben, bis ihn niemand mehr ignorieren konnte.

Längst folgt das Leben in den demokratischen "blue states" und den republikanischen "red states" jeweils völlig anderen Regeln, sind die Differenzen in den tiefsten Überzeugungen ihrer Bürger unüberbrückbar geworden. Die Vorstellung von einem wieder geeinten Land unter Biden ist ein Wunschtraum, der schon jetzt nichts mehr mit der Realität zu tun hat, in der mindestens zwei Versionen von Amerika mehr schlecht als recht nebeneinander existieren. Das Vertrauen in die staatlichen Organe und ihre Vertreter ist so niedrig, wie seit Generationen nicht mehr. Die Gewalt im Innern ist auf dem Höchststand seit der Bürgerrechtsbewegung und von rechts-radikalen Nationalisten verübte Verbrechen sind seit 2018 offiziell die größte Gefahr für die Zivilgesellschaft. Kommunalpolitiker und selbst Gouverneure und Senatoren proben den immer offeneren Aufstand gegen Washington. Der Kulturkampf zwischen Rechts und Links kennt nur noch Sieger und Besiegte - wer regiert, muss mit erbittertem Widerstand der Gegenseite rechnen.

Stephen Marche ist ein kanadischer Journalist, der in den USA lebt. Neben seinen bisherigen Büchern, darunter “The Unmade Bed: The Messy Truth about Men and Women in the twenty-first Century” (2016) und “The Hunger of the Wolf” (2015), erschienen Texte von ihm u.a. in The New Yorker, The New York Times, The Atlantic und Esquire.