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08.02.2022, Jamal Tuschick

Überzeugendes Sittengemälde

Deutschland 1951. Im Dorfkino läuft The Wizard of Oz. AFN spielt Patti Pages Vorjahreshit Tennessee Waltz. Die als Kommandantengattin widerwillig zurückgekehrte Migrantin Amy gurkt im Chevrolet 3100 Pickup durch die Gegend. Sie trägt Dior-Kostüme und pelzgefütterte Stiefel.

Petra Grill gelingt ein überzeugendes Sittengemälde. Die Romankulisse und das -interieur bezeugen eine Liebe zum recherchierten Detail.  

Weißer Unmut

Amy findet nicht nur Kaltenstein „klein, eng und alt“. Hart ins Gericht geht sie mit ihren ehemaligen Landsleuten, deren Anpassung an die neue Zeit lückenhaft bleibt.

Einst war sie auf der Flucht vor Hitler. In der Romangegenwart von 1951 gehört Amelie „Amy“ McCoy, geborene Werner, zu den Sieger:innen im geschlagenen Deutschland. Als Frau eines Kompaniechefs repräsentiert die kunstfeine Amy nicht bloß den freien Westen, sondern auch Positionen der Bürger:innenrechtsbewegung. Sie informiert ihren - vom heißen zum kalten Krieger umgeschulten, in Erwartung des III. Weltkrieges seine ideologischen Klingen wetzenden - Gatten Jim über Folgen der Segregation, während auf dem Kasernenhof weiße Unteroffiziere Schwarze Untergebene schleifen.

Petra Grill, „Ein Hauch von Amerika“, Roman, Heyne Verlag, 13,-

Allgemein ist der weiße Unmut wegen der von der Generalität aufoktroyierten „gemischten Verhältnisse“. Ein tendenziell halbherziges Gleichstellungsgebot besteht erst seit drei Jahren. Trotzdem steckt in dem militärrechtlichen Diskriminierungsverbot eine größere Bereitschaft, Gerechtigkeit zu üben, als in der amerikanischen Zivilgesellschaft.  

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Colonel Jim McCoy erscheint heroisch hochgestimmt, sendungsbewusst und standesgemäß konservativ. Den sozialistischen Spirit seiner Frau findet er rührend. Seinen Dienst versieht er an einem ruralen Rand des okkupierten und für den nächsten Waffengang präparierten Territoriums.

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So kriegsmüde, wie Deutschland nach Fünfundvierzig oft hingestellt wurde, war das Land nicht. Die Idee, man könne dem „Russen“ verlorenes Territorium gleich wieder abjagen, fand gefiltert von Sprachregelungen großzirkulare Zustimmung. Man unterstellte der Sowjetunion einen nuklearen Angriffswillen, bevor die UDSSR über Atomwaffen verfügte. Das Gleichgewicht des Schreckens wurde erst 1949 hergestellt. Szenarien nahmen den Schrecken vorweg - mit aufgerückten Grenzen. „Der Russe“ stand vor der Tür. Die Front war bequem zu erreichen. Die Amerikaner im Gefolge von John Foster Dulles und Dwight David Eisenhower wünschten sich die deutsche Auxiliartruppe als Panzerarmee mit einer Mannschaftsstärke von 500.000 Mann. Daran scheiterte zunächst der „Beauftragte des Bundeskanzlers für die mit der Vermehrung der alliierten Truppen zusammenhängenden Fragen“. Um den Protest im Lager der Wiederbewaffnungsgegner zu schwächen, hatte Adenauer den Posten zur Bürde eines (christlichen) Gewerkschaftsführers gemacht. Der Mann hieß Theodor Blank und nach ihm hieß ein Amt, das ab 1950 die Bundeswehr etablierte. Zu spät griff man auf Vergleichszahlen der nationalsozialistischen Aufrüstung zurück. Erst Franz Josef Strauß will die gute Idee gehabt haben, bei Hitler nachzuschlagen. Den Deutschen attestierte Strauß, der gern erster Verteidigungsminister der Bundesrepublik geworden wäre, eine „antimilitärische Psychose“. In seinen Erinnerungen geht das so über Stock und Stein. Man müsse dem empfindsamen Volk die bittere Medizin in kleinen Schlucken einflößen. Strauß spricht mit Adenauer über blanksche Konfusion, der Chef wittert eine Intrige und ruft über den Zaun seinen Staatssekretär Globke herbei. Da rollte der Zug schon. Fünf Jahre zuvor hatte Adenauer Offiziere zur Klausur in ein Kloster geschickt. Sie sollten ergründen, was Westdeutschland zur Verteidigung Westeuropas beitragen könne. So entstand die „Himmeroder Denkschrift“ auch mit Beteiligung von Johann Adolf Graf von Kielmansegg, der eine Paradelaufbahn von der Reichs- zur Bundeswehr absolvierte. Adenauers Gewährsmann war Graf Schwerin, nach dem die Vorläuferbehörde des Amts Blank benannt worden war. Schwerin diente dem Bundeskanzler als „Berater für Militär- und Sicherheitsfragen“. Die militärischen Absichten verdeckte das Wort „Bundesgendarmerie“. Wie gesagt, die Amerikaner drängten die Besiegten in die Rolle von Verbündeten.

1950 gab es schon (wieder) eine kriegerische Verpflichtung gegenüber Europa. Siehe hierzu die aktuelle Ukraine-Debatte. 

Der plebiszitäre Pazifismus war wirkungslos. Die Herrschaften unterschieden zwischen Militarismus und wahrem Soldatentum. Sie sensibilisierten sich für die Härten im Kampf Deutscher gegen Deutsche und kultivierten die Vermeidungsfloskel vom deutschen Kontingent, das im transatlantischen Gefüge wie eine gute Dienststelle funktionieren sollte. Sie planten Krieg als Fortsetzung des Verwaltungsaktes mit anderen Mitteln. Dies zur Auffrischung angesichts des gegenwärtigen Desasters. 

Die Liebe zum recherchierten Detail

Kaltenstein heißt das Kaff vor der Kaserne. Amy findet nicht nur Kaltenstein „klein, eng und alt“. Hart ins Gericht geht sie mit ihren ehemaligen Landsleuten, deren Anpassung an die neue Zeit lückenhaft bleibt. Sie engagiert sich im Rahmen der Pflichten, die der Gattin des ranghöchsten Offiziers zukommen.

Sie unterrichtet Englisch und Kunstgeschichte. Ausgerechnet die Haushaltshilfe erweist sich als Amys beste Schülerin. Marie saugt das Wissen der weltläufigen, in musischen Belangen herausragend beschlagenen Hausherrin auf. 

Amy seufzt:

„Aber was vermag ein einziges kunstbegeistertes Bauernmädchen gegen eine ganze bornierte Welt auszurichten.“

Marie führt „ein Leben zwischen Schweinestall und Kartoffelernte“. Den automatischen Avancen der amerikanischen Soldaten entgleitet Marie, in Erwartung des Unwahrscheinlichen. Ihr in Russland verschollener Verlobter könnte doch eines Tages auftauchen. Dies als eine Hoffnung sechs Jahre nach Kriegsende.

Im Dorfkino läuft The Wizard of Oz. AFN spielt Patti Pages Vorjahreshit Tennessee Waltz. Amy gurkt in Jims Chevrolet 3100 Pickup durch die Gegend. Sie trägt Dior-Kostüme und pelzgefütterte Stiefel.

Der Autorin gelingt ein überzeugendes Sittengemälde. Die Romankulisse und das -interieur bezeugen eine Liebe zum recherchierten Detail. Auf der zweiten Achse erzählt Petra Grill vom Aufstieg Hitlers und Amys Emigration via Frankreich nach Amerika. Sie landet in Maine. Ihre Lage beschreibt sie kaum anders als Maries Situation in Kaltenstein.

„Die einzigen Lichtblicke im Kartoffelleben von Aroostook County, waren die Briefe, die Amelies Eltern aus Kalifornien schrieben.“

Aufmerksame Textlandleser:innen erinnern sich, dass die Kartoffelernte im Aroostook County auch von Elizabeth Strout inihrem Roman „Oh, William!“ thematisiert wird (Siehe). Die expansiv eigensinnige Catherine, ist mit einem Farmer verheiratet, als sie sich in den deutschen Kriegsgefangenen Wilhelm verliebt, der in einer verschlafenen Gegend von Maine zu landwirtschaftlichen Arbeiten herangezogen wird.  

Aus der Ankündigung

Pfalz, 1951: Amy McCoy erreicht die US-Militärstation Kaltenstein. Hier soll sie als First Lady ihres Ehemanns Colonel Jim McCoy residieren. Was sie niemandem verrät: Amy ist nicht das erste Mal in Deutschland. Als Amelie Werner musste sie 1933 mit ihren Eltern aus Berlin über Paris in die USA fliehen. Nie wollte sie in das Land der Täter zurückkehren. Nun sitzt sie hier fest, mitten im Nirgendwo, wo sie sich mit der Dorfbevölkerung herumschlagen muss, die demokratische Werte von der US-Armee erlernen soll. Erst ihre Freundschaft zu dem Bauernmädchen Marie gibt ihr Hoffnung. Die ungleichen Frauen vereint die Liebe zur Kunst. Amy macht es sich zur Aufgabe, Marie ein selbstbestimmtes Leben zu ermöglichen. Doch in den Aufbruchswirren der Nachkriegszeit scheint es keinen Platz zu geben für die Träume einer modernen Frau ...

Petra Grill wohnt in ihrer Heimatstadt Erding. Mit ihrem Debüt »Oktoberfest 1900« gelang ihr auf Anhieb der Sprung auf die SPIEGEL-Bestseller-Liste. In ihrem neuen Roman rückt Petra Grill erneut zwei unterschiedliche facettenreiche Frauen ins Zentrum, die auf ihre ganz eigene Weise für ihr Glück kämpfen.