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18.02.2022, Jamal Tuschick

Ich will nicht behaupten, dass Finnland Orkan die „Internationale der Kunst“ auf der Frankfurter Baustelle ausrief, aber das hätte er machen können. Aus aller Herren Länder im Visagenschweiß Vereinte wäre das egal gewesen. Kurz gedachten wir jener, die am Rand der Ausfallstraßen sitzen gelassen wurden. Heute nicht benötigte Polen.

© Jamal Tuschick

Abgetragenes Kopfsteinpflaster

Zwischen niedergemachten Düsen und flachgetretenen Kippen langweilten sich Kartenspieler. Fahrzeugschnauzen fraßen sich von allen Seiten in den Betrieb ...

Ozonwerte vor neuem Rekord. Mit Containern, Stein- und Schutthaufen wurde eine Kreuzung aus dem Verkehr gezogen. Die Baustelle sah aus wie ein Feldlager. Wir liefen durch Gassen einer Budenstadt, an deren Jahrmarktsrändern ein Dorf aus gestapelten Blechschachteln lag. Auf Trampelpfaden gelangte man dahin und hinein über verwinkelte Treppen, die an Rundstiegen alter Häuser erinnerten. Greise schnürten am Krach vorbei. Vielleicht war der Krach die Musik ihres Lebens gewesen.

Zwischen niedergemachten Düsen und flachgetretenen Kippen langweilten sich Kartenspieler. Fahrzeugschnauzen fraßen sich von allen Seiten in den Betrieb. Das Vorhaben rief Spezialisten in Kitteln auf den Plan. Auch solche, die es sich erlauben konnten, mit schlappen Hütchen und in kurzen Hosen ganz leger zu erscheinen.

Überall lag vom Alten noch. Aufgerissene Asphaltdecken, abgetragenes Kopfsteinpflaster, gesprengte Mauern.

Querschnitte und Balkeneskapismus.

Ein funktionsbefreites Verkehrsschild stand einsam wie ein stehengelassener Baum.

Ich hatte die Baustelle als Kulisse für einen HR-Film über die Gruppe bestimmt.

„Ihr findet bestimmt nichts Besseres.“

Ein vorsichtiger Vogel, der in den Sechzigerjahren mit Gudrun Ensslin zusammen eine ausgezeichnete Dokumentation über Trebegänger:innen zustande gebracht - und sich danach/damit in öffentlich-rechtliche Sicherheit gebracht hatte, bedauerte einen Mangel an Produktionsfreiheit. Ich kannte das schon, das gehörte zum Angestelltendasein der „Kreativen“. Angeblich wollten alle am liebsten frei sein, aber sobald sie die Wahl hatten, wollten sie das doch lieber nicht.

Vogel war fünfzig, ein falscher Fuffziger. Pseudoalert. Der Film wurde trotzdem gut, Vogel wusste, was er tat. Er steuerte seine Mannschaft mit gemurmelten Ansagen.

Der Maschinenaufwand, auf begleiteten Schwertransportern über Autobahnen herbeigeschafft, stand in einem schiefen Verhältnis zur Rundlichkeit vieler Protagonisten. Das war eine Welt der Einheimischen, der Leute aus dem Frankfurter Einzugsgebiet. Eine Welt der gemütlichen Männern mit Eigenheimen; soliden Mundartvirtuosen an Schlagbohrern im Rohbau; bedächtig an Schaufeln Gelehnter; zielgenauen Lastwagenrückwärtsfahrer.

Finnland Orkan pfiff anerkennend durch die Zähne. Er war an Ort und Stelle so verkehrt als „Künstler“, dass sonst gar nichts mehr ins Gewicht fiel.

„So muss man das machen. Hier erscheinen wir als Internationale.“

Ich will nicht behaupten, dass Finnland die „Internationale der Kunst“ auf der Frankfurter Baustelle ausrief, aber das hätte er machen können. Aus aller Herren Länder im Visagenschweiß Vereinte wäre das egal gewesen. Kurz gedachten wir jener, die am Rand der Ausfallstraßen sitzen gelassen wurden. Heute nicht benötigte Polen.

Die Handgriffe saßen, bei uns, bei den Filmleuten, bei den Arbeitern und bei den Ingenieuren. Kötzen zogen das Kreuz hohl. Das klappbare Meterholz war ein Vereinszeichen. Als Vespertische dienten Bretter auf Fässern.

Finnland rappte die Kollegen vom Bau an. Er hatte seit seinem Debüt immer wieder den Ton gewechselt, so richtig bemerkt worden war das nicht. Eingeprägt hatte sich nichts. Finnland konnte immer wieder von vorn anfangen und seinen Müll mit wechselnden Überschriften in Umlauf halten. 

Mal war er bildender Künstler, dann wieder lyrischer Aktivist. 

In der Frankfurter Rundschau hatte ich behauptet, Finnland werfe einen Schatten, der die Mehrheitsgesellschaft verdunkele. Dabei war er so deutsch wie ich jedenfalls nicht.  

Wir hätten keinen besseren Ort für die „Dokumentation“ finden können. Seilwinden rollten unter Kranauslegern über Schienen. Unter ihrem Gewicht drehten sich Lastenmobilés auf durchgebogenen Paletten. Die Filmleute trugen Helme, Finnland hatte eine Sondergenehmigung. Eine Assistentin der Bauleitung beobachtete uns. Für sie war die Filmerei Getue und Kokolores. Der Dreck an den Händen schwamm in Schweiß als wir mit einem Außenlift aufstiegen. Mit jedem Meter Höhengewinn meldete der Wind ein größeres Herrschaftsrecht an. Auf zwanzig Meter sonnte sich einer, den Abgrund im verbrannten Nacken. Der Aufzug lief neben klappernden Förderbändern. Dann waren wir wieder auf der Erde. Männer schleppten Holz wie seit tausend Jahren. Ohnehin ist Tausend von Irgendwas auf dem Bau keine große Sache. Mich durchrieselten Schauer, wie Goldregen aus einem Feuerwerkskörper in der Sylvesternacht niedergeht.