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02.03.2022, Jamal Tuschick

Unfreundliche Fremde

Die Malavoglia wurde 1948 unter dem Titel La terra trema von Luchino Visconti fürs Kino adaptiert, der Film gilt als herausragendes Werk des Neorealismo.“   

Eingebetteter Medieninhalt

Nach einem Papstwort von 1265 gehörte zu dem 1130 gegründeten Königreich beider Sizilien die Domäne Neapel. 1861 ging die sizilianische Monarchie im Königreich Italien auf. Die Entmachtung entsprach der Konstitution eines Staatswesens (im Geist des Risorgimento) über viele Grenzen hinweg. Das Regime der Renaissance in der Vielzahl seiner florentinischen und venezianischen Erscheinungen endete mit Garibaldis historischem Auftritt. Auf einer Nebenstrecke erzählt Giovanni Verga, wie schwer es den Sizilianer:innen fiel, sich mit dem neuen Staat zu identifizieren. Ein Prüfstein war der Wehrdienst. Vergas fern ihrer sizilianischen Dörfer stationierten, in den nördlichen Provinzen seelisch aufgeschmissenen Helden erlebten sich nicht als bäurische Staatsbürger unter Landsleuten. Vielmehr ertrugen sie gezwungenermaßen eine unfreundliche Fremde namens Italien.

Soziale Spindel

Auf einem ionisch-sizilianischen Flecken, den Fremde - zumal beim Anblick der malerisch zerklüfteten Isole dei Ciclopi als einer gewissenmaßen lokalen Attraktion (besonders im Abendglanz) - idyllisch finden, entspannt sich der Alltag unter lauter anachronistischen Vorzeichen. In der kaum alphabetisierten Gemeinschaft von Aci Trezza trägt man die Weisheit des Mangels in Sprichwörtern weiter. Die Leute leben nach einem Bauernkalender, der den Fischfang und insofern die Seefahrt einschließt. Die Landwirte des Dorfes fischen auf dem Trockenen, und die Fischer pflügen das Wasser. Die Schlüssel zum Überleben werden von Generation zu Generation weitergegeben.

Das Dorf bespricht pausenlos seine Angelegenheiten. Die Wechselfälle des Lebens schmälern karge Existenzen. Und doch gibt es stets noch Ärmere, über die man sich langatmig erheben kann.

Giovanni Verga, „Die Malavoglia“, Roman, aus dem Italienischen neu übersetzt von Anna Leube, mit einem Nachwort von Roberto Saviano, Klaus Wagenbach Verlag, Oktavheft, 25,- 

Die Gemeinschaft steckt in einem dichten Gewebe aus Klatsch und Tratsch. Die ewigen Themen werden vorgetragen und abgehandelt in Phrasen, die jeder Neuigkeit ein antikes Kleid verpassen. Nicht möglich ist es in diesen Verhältnissen ein Geheimnis zu bewahren. Alles vollzieht sich nahezu vollständig in der Öffentlichkeit, angefangen bei der Brautschau. Die soziale Spindel dreht sich um Aussteuer, Mitgift, Erbschaft.

„Betet (diese mit jenem gemeinsam) den Rosenkranz im Stall“, weiß das auch jede(r).

Stutzer spekulieren in den Gassen, während die Fischer sich in biblischer Armut bis zur Invalidität schinden. Seit ewigen Zeiten kommen sie auf keinen grünen Zweig. In der Regel arbeiten sie mit gemietetem Equipment.

„Man riskiert sein Leben für ein paar Kilo Fisch … in einem verzweifelten Spiel“. 

Transgenerationale Empirie

Im Zentrum des Romangeschehens steht der Malavoglia-Klan. Das Stammhaus der Familie kennzeichnet ein Mispelbaum im Vorgarten. Wie ein heraldisches Motiv taucht das Wahrzeichen in der örtlichen Legende als Synonym für die Malavoglia auf. Will man an einem von ihnen zweifeln und kratzen, strapaziert man ein zur Metapher geronnenes Bild aus dem kulturellen Gedächtnis der Einheimischen. Darin droht ein Sturm dem Baum mit Entwurzelung. Die Gewalt hört auf den Namen Tramontana.  

Der gerade im Saft stehende Malavoglia heißt ’Ntoni Valastro. Im (nach den Weissagungen der Augur:innen) unvernünftigen Streben nach Autonomie bricht der Patron mit dem System traditioneller Abhängigkeiten. Der geborene Tagelöhner legt sich sein eigenes, den Anforderungen des Meeres kaum gewachsenes Boot zu.

Die Malavogli-Männer fahren unter den widrigsten Bedingungen zur See. Je gefährlicher das Meer, desto überschaubarer die Konkurrenz.

Jeder Fang zählt in der prekären Selbständigkeit.

Nach einer schmalen Spanne der Souveränität wirft das Schicksal ’Ntoni beinah auf den Stand eines Bettlers. Die Familie folgt dem Tränenpfad der Ächtung. Aus allseits geschätzten, rundum geselligen Leuten werden Gemiedene, die bei jeder Andacht fehlen.

Die Heruntergekommenen berufen sich allerdings auf eine transgenerationale Empirie und insofern auf einen, rechnet man denn in Jahrhunderten, der Familie vertrauten Zustand. Die Malavoglia deuten den Abstieg nicht fatalistisch als Einbahnstraße. Vielmehr wissen sie, die Ächtung wird enden und die Achtung wird im Tross des Wiederaufstiegs zurückkehren.

Aus der Ankündigung

Das Hauptwerk des großen italienischen Romanciers am Beginn der Moderne, in glänzender Neuübersetzung: Unvergesslich erzählt Giovanni Verga vom Niedergang einer angesehenen und eigentlich ehrenwerten Familie. Ein Bild des alten Sizilien von elementarer Wucht.

Hätte Padron ’Ntoni nur nicht die Idee mit den Lupinen gehabt – wenigstens einmal wollte auch er seinen Profit mit einem klandestinen Geschäft machen –, dann wäre es nie so weit gekommen. Aber sein Boot mit der sowieso schon verdorbenen und auf Pump gekauften Ware zerschellt am Felsen, die Besatzung einschließlich seines einzigen Sohns ertrinkt.

Nun wollen die Schulden bezahlt werden. Der Familiensitz, das Haus mit dem Mispelbaum, geht verloren, aber die Enkel müssen trotzdem ordentlich großgezogen und verheiratet werden. Die Malavoglia arbeiten und schinden sich, und immer wenn es so aussieht, als könnten sie wieder auf die Füße fallen, kommt neues Ungemach. Der Älteste findet nach seiner Militärzeit nie wieder in die richtige Bahn und hadert mit der endlosen Schufterei, der Zweite stirbt im Krieg. Und kaum sind die Fässer voll mit eingesalzenen Sardellen, stürzen die Preise ab.

Der eindrücklichen Geschichte der Familie Malavoglia ist das Bild des kleinen Orts Aci Trezza nahe Catania gegenübergestellt – ein Nest voller Eigenbrötler, deren Lebensläufe im ständigen Parlando von Unterhaltungen, Lebensweisheiten, Klagen und Pläneschmieden ausgebreitet werden.

Zum Autor

Giovanni Verga, geboren 1840 in Catania, stammte aus einer wohlhabenden Familie. Bereits im Alter von 16 Jahren schrieb er seinen ersten Roman. 1858 begann er ein Studium der Rechtswissenschaften an der Universität Catania, das er nach drei Jahren abbrach, um sich dem Schreiben zu widmen. 1861 veröffentlichte er den Roman »I carbonari della montagna«, aber erst zehn Jahre später gelangte er mit »Storia di una capinera« zu einiger Bekanntheit.

Ab 1871 pendelte Verga zwischen Mailand und Catania, unternahm Reisen nach Paris und London, traf Giuseppe Verdi, Émile Zola und Luigi Capuana. Er verfasste zahlreiche Romane, Novellen und Theaterstücke, darunter »Die Malavoglia«, der erste eines auf fünf Bände angelegten Zyklus, der unvollendet blieb. Der Roman gilt heute als Hauptwerk des Verismo, der italienischen Ausformung des Naturalismus. Die Novelle »Cavalleria rusticana« brachte als Theaterstück und vor allem als Oper großen Erfolg – und einen Rechtsstreit um die Tantiemen. 1920 wurde Verga zum Senator des Königreichs Italien ernannt. Am 27. Januar 1922 starb Giovanni Verga in seinem Geburtshaus.