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10.03.2022, Jamal Tuschick

#StandwithUkraine #Pro_Text_Ukraine

Freeze for Freedom

Agonie und Aporie - Die bürgerliche Ordnung erodiert vor den Augen der Engagierten. Manche wollen in aufgegebenen Agenturen vergangener Konjunkturen antikes Handwerk unter Hofgemeinschaftsvorzeichen etablieren. Manche finden das doof-betulich. Manche spekulieren auf Leerstandrenditen. Manche beschränken sich auf Zivilisationskritik.

Urbanes Koma

Läge es an einer Mietschreiberin, dem sich allmählich vollendenden Leben von Astrid und Andreas Erfüllung zu attestieren, entzöge sich dem Unterfangen auf der ganzen Linie das Herausfordernde. Doch wenn die aktive Ärztin und der pensionierte Lehrer allein im Haus sind, dann belauscht Astrid die Daseinsregungen ihres siebenundsechzigjährigen Mannes mit den geschärften Sinnen der allzeit besorgten Mutter eines Kleinkindes.

Kristine Bilkau, „Nebenan“, Roman, Luchterhand, 288 Seiten, 22,-

Sie vernimmt sein „sattes (WC-)Plätschern“. Halbe Tage stromert Andreas im Schlafanzug über den Parcours seiner häuslichen Haltestellen und grillenhaften Angelegenheiten. Wie viel Zeit bleibt, bis zu dem Augenblick, da der beruhigende Rhythmus der Routinen vom Alarm eines Notarzteinsatzes unterbrochen werden wird? 

Ein Gefühl der Aussichtslosigkeit meldet sich bei Andreas mit zunehmen geringeren Toleranzen. Astrids Agilität, ihren alerten Manövern weicht er aus; vielleicht weicht er innerlich sogar zurück vor der Vitalen. Astrid beweist Ehrgeiz im Alter auch als Schwimmerin.

„Ich schwimm dich kaputt“, denkt sie beim Anblick eines hoffnungslos unterlegenen Zufallskontrahenten. Astrid registriert den Anflug von Unversöhnlichkeit mit Wohlgefallen.

Sie kümmert sich um ihre greise Tante Elsa.  

Jemand verstreut Post an der Landstraße. Ein anonymer Briefschreiber beschimpft Astrid im Namen eines bedrohlichen Wir. Eine Nachbarin, die sieben Jahre weg war, kehrt sang- und klanglos zurück in ein Haus, das ihr Mann im Vorjahr verlassen hat. Manche „wohnen seit dreißig, vierzig Jahren in der Straße“. Vorbei sind die Zeiten, „als man sich mit den Nachbarn noch über alles unterhalten konnte“. Auf einer Bürgerversammlung entdeckt Andreas den Aktivisten in sich; ein bald Siebzigjähriger, der über seine Ufer tritt. Andreas kritisiert „marodierende Innenstädte“. Ein Gegensprecher diagnostiziert ein urbanes Koma.

„Was heißt denn solide in einer Innenstadt, die im Koma liegt.“

Einige wollen den permanenten Volksentscheid unter Ausschluss vermittelnder Instanzen. Ihre Vorstellungen sind Ableitungen eines Agora-Phantasmas. Es suggeriert die Antike als ständige Versammlung. Die Empowerten übersehen, dass sie jenen entsprechen, die im alten Griechenland keine Zugangsberechtigung für solche Versammlungsmarathons hatten. Arbeit war Sklavenlos. Arbeiten zu müssen: das war ein schwerer Fehler.

Agonie und Aporie - Die bürgerliche Ordnung erodiert vor den Augen der Engagierten. Manche wollen in aufgegebenen Agenturen vergangener Konjunkturen antikes Handwerk unter Hofgemeinschaftsvorzeichen etablieren. Manche finden das doof-betulich. Manche spekulieren auf Leerstandrenditen. Manche beschränken sich auf Zivilisationskritik.

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Kristine Bilkau navigiert zu einer verlorenen Zeit, die in ergrauten Akteuren weitertickt und die Nachfolgekohorte narrt. Die Jüngeren verzweifeln an der unerreichbaren Solvenz (im Spektrum zwischen Eigentum und Pensionsansprüchen) kaum zwanzig Jahre Älterer.

„Bauhaus und Friesenstil im Wechsel“ arrondiert die Umgebung von Astrid und Andreas. Die zugezogenen Eheleute Julia und Chris teilen mit den Eingesessenen die Ausblicke. Julia betreibt einen Keramikladen. Chris trauert einer „Dozentenstelle im Zentrum für Schulbiologie (nach), die nicht verlängert wurde“. Gemeinsam haben Julia und Chris ein schäbig übernommenes Haus nach ihrer Fasson aufgewertet.

Julia sehnt sich von jeher „nach einem kleinen Lebensradius, der so wenig Schaden (anrichtet … wie möglich)“.

Chris hilft bei jeder Gelegenheit der Ernüchterung auf die Sprünge.

„Wer das Land romantisiert, hat noch nie das Register der Mülldeponien aus den letzten siebzig Jahren gesehen.“

Julia beobachtet die Einkehr der Devianz bei ihren Nachbarn Mona und Erik. Die Winters bewohnen das hässlichste Haus der Straße; einen „gelben Klinker(bau)“. Sie haben, was Julia bis zum Wahnsinn ersehnt: Kinder.

Julia sieht überall Schwangere und vollendete Mütter.

„Das Viertel erscheint ihr wie ein geschlossener Club.“

Aus der Ankündigung

Ein kleiner Ort am Nord-Ostsee-Kanal, zwischen Natur, Kreisstadt und Industrie, kurz nach dem Jahreswechsel. Mitten aus dem Alltag heraus verschwindet eine Familie spurlos. Das verlassene Haus wird zum gedanklichen Zentrum der Nachbarn: Julia, Ende dreißig, die sich vergeblich ein Kind wünscht, die mit ihrem Freund erst vor Kurzem aus der Großstadt hergezogen ist und einen kleinen Keramikladen mit Online-Shop betreibt. Astrid, Anfang sechzig, die seit Jahrzehnten eine Praxis in der nahen Kreisstadt führt und sich um die alt gewordene Tante sorgt. Und dann ist da das mysteriöse Kind, das im Garten der verschwundenen Familie auftaucht.

Sie alle kreisen wie Fremde umeinander, scheinbar unbemerkt von den Nächsten, sie wollen Verbundenheit und ziehen sich doch ins Private zurück. Und sie alle haben Geheimnisse, Sehnsüchte und Ängste. Ihre Wege kreuzen sich, ihre Geschichten verbinden sich miteinander, denn sie suchen, wonach wir alle uns sehnen: Geborgenheit, Zugehörigkeit und Vertrautheit.

»Nach ›Eine Liebe, in Gedanken‹ und ›Die Glücklichen‹ wieder ein leiser, feiner Roman von Kristine Bilkau.«

Kristine Bilkau, 1974 geboren, studierte Geschichte und Amerikanistik in Hamburg und New Orleans. Ihr erster Roman »Die Glücklichen« fand ein begeistertes Medienecho, wurde mit dem Franz-Tumler-Preis, dem Klaus-Michael-Kühne-Preis und dem Hamburger Förderpreis für Literatur ausgezeichnet und in mehrere Sprachen übersetzt. Vor »Nebenan« erschien »Eine Liebe, in Gedanken« im Luchterhand Literaturverlag. Kristine Bilkau lebt mit ihrer Familie in Hamburg.