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10.03.2022, Jamal Tuschick

#StandwithUkraine #Pro_Text_Ukraine

Freeze for Freedom

Lars Svendsen © Sturlason/Verlagshaus Römerweg

Am 20. März 2022 erscheint im S. Marix Verlag Lars Fredrik H. Svendsens Philosophie der Lüge.

Der norwegische Philosoph fragt:

Was ist Lüge? Warum lügen wir? Warum belügen wir nicht nur andere, sondern auch uns selbst? Welche Rolle spielt das Lügen in Freundschaften und in der Politik? Wann sind Lügen geboten? Wer ist der größte Lügenbold aller Zeiten – Donald Trump, Ronald Reagan oder war es doch Putin? Und was unterscheidet die "Lüge" vom "Bullshit"?

"Nicht daß du mich belogst, sondern daß ich dir nicht mehr glaube, hat mich erschüttert." Friedrich Nietzsche

Das sind nur einige der Fragen, mit denen sich Lars Svendsen in seinem neuen Buch auseinandersetzt. Dabei geht er dem Wesen der Lüge auf den Grund und erklärt anhand von Philosophen wie Platon, Niccolò Machiavelli, Jean-Jacques Rousseau, Immanuel Kant und Hannah Arendt, wie sich das Lügen auf das Individuum und die Gesellschaft – auch in Zeiten von Social Media und Corona – auswirkt. Selbst Homer Simpson kommt zu Wort (Spoiler: "Marge, zum Lügen gehören immer zwei. Einer der lügt, und einer der zuhört.").

Svendsens Abhandlung ist unterlegt mit unterhaltsamen wahren "Lügengeschichten" aus Politik, Wirtschaft und Gesellschaft.

"Eine Mehrzahl der in sozialen Medien geteilten Nachrichten, wurde von demjenigen, der sie teilt, faktisch nie gelesen. Am häufigsten hat man sich mit dem Lesen der Überschrift begnügt und sich nicht einmal die Mühe gemacht zu untersuchen, ob die Überschrift den Inhalt des Artikels einigermaßen abdeckt. Das ist verblüffend oft nicht der Fall, da die primäre Funktion der Überschriften darin besteht, Likes zu generieren. Weitaus weniger hat man sich die Mühe gemacht herauszufinden, inwieweit der Artikel von einer zuverlässigen Quelle stammt und ob die Behauptungen darin scheinbar belegt sind. Durch Teilen des Artikels versieht man ihn mit einem Genehmigt-Stempel, wenn man nicht explizit auf etwas anderes aufmerksam macht. Da versagt man als verantwortlicher Teilnehmer des öffentlichen Wortwechsels." Lars Svendsen 

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"Trump scheint die Inkarnation dessen zu sein, was als 'postfaktisch' bezeichnet wird. Die Oxford Dictionaries wählten 'Post-Truth' 2016 zum Wort des Jahres und gaben an, dies beziehe sich auf Situationen, wo objektive Fakten weniger wichtig für die Ausformung der öffentlichen Meinung sind als Appelle an Gefühle und persönliche Glaubensauffassungen." Lars Svendsen

Philosophie der Lüge – Auszug aus einem Interview, das Julia Meyn mit Lars Svendsen führte

Das vollständige Interview finden Sie hier.

Haben Sie heute schon gelogen?

Nein, ich habe nicht gelogen, aber ich war vielleicht nicht ganz ehrlich, als ich mit einem meiner Studenten sprach, da ich das Gefühl hatte, dass dieser Student gerade eher Ermutigung brauchte, was die Qualität einer laufenden Arbeit anging, als vollständige Aufrichtigkeit.

Warum gibt es so viele Lügen in der Politik?

Die Politik ist ein Bereich menschlichen Verhaltens neben anderen, und so, wie wir in unserem Alltag lügen, lügen wir in der Politik. Wir lügen, da es uns von Vorteil erscheint, in einer Situation die Wahrheit zu umgehen. Und in der Politik liegt der Schwerpunkt darauf, eine politische Wirkung zu erzielen, den Diskurs in eine Richtung zu lenken, die einem wie immer gearteten politischen Ziel dient. Politiker sind so, wie es der frühere norwegische Ministerpräsident Per Borten einmal in einer seiner Parlamentsreden zum Ausdruck brachte, als er sagte, manchmal habe ein Premierminister nicht nur das Recht, sondern sogar die Pflicht zu lügen. Lügen mag in der Politik als notwendig gelten, ohne dass es für Politiker eine eigene Ethik mit andersgearteten Regeln gibt als für alle anderen. Politische Entscheidungen können sehr viel weitreichendere Konsequenzen haben als Entscheidungen, die wir als Individuen treffen. Daher sollte in einem noch ganz anderen Maße darüber nachgedacht werden, ob eine Lüge in irgendeiner Weise gerechtfertigt ist.

Wie unterschied sich Donald Trumps Art zu lügen von der seiner Amtskollegen?

Alle US-Präsidenten haben gelogen. Ronald Reagan beispielsweise hat eine Vielzahl falscher Behauptungen aufgestellt, aber er war Trumps Klasse nie auch nur annährend vergleichbar. Trump unterscheidet sich von seinen Vorgängern. Wo frühere Präsidenten einmal strategische Lügen über bestimmte Sachverhalte auftischten, hat Trump praktisch über alles gelogen, angefangen bei der trivialsten Kleinigkeit bis hin zu den schwerwiegendsten sicherheits- und gesundheitspolitischen Themen. Eine der Merkwürdigkeiten von Trumps Lügen bestand darin, dass so vieles davon so offensichtlich war, wie beispielsweise die Behauptung über die Zahl der Menschen bei seiner Vereidigung. Dies zeigt eine Missachtung der Realität, wie wir sie sonst nur von totalitären Regimen kennen. Als Präsident erzählte Trump "totalitäre" Lügen im Rahmen einer liberalen Demokratie. Ich beziehe mich hier auf Hannah Arendts Erörterung der Rolle der Lüge in totalitären Gesellschaften, die sie als "moderne Lüge" bezeichnet. Arendt betont, dass die moderne Lüge – im Gegensatz zur traditionellen Lüge, die der Geheimhaltung dient – etwas betrifft, was allen klar ist, wodurch eine Geschichte vor den Augen des Menschen, der sie soeben durchlebt, neu geschrieben wird. Es geht nicht darum, die Realität zu vertuschen, sondern sie zu zerstören, damit sie die Lüge nicht zur Rede stellen kann. Die traditionelle politische Lüge zielte darauf, eine Debatte zu gewinnen oder bestimmte Tatsachen auf Kosten der Wahrheit zu verschleiern, während die  moderne Lüge die Realität selbst beiseite drängt. Der Totalitarismus wartete mit einer radikalen Vorstellung auf, die auf dem traditionellen Konzept der in Übereinstimmung von Verstand und Realität verkörperten Wahrheit basierte: Wir können Wahrheit produzieren, wenn wir Realität produzieren können! Anstatt eine Realität zu begreifen, sollte der Verstand eine Realität herstellen. Der moderne Lügner ist nicht in erster Linie ein Denker, sondern ein Schöpfer, der Aktionen in Gang setzt, so dass die Worte eines Politikers zur Wahrheit werden, auch wenn sie noch keine Wahrheit sind. Das Besondere bei Trump ist, dass wir diese Art des Lügens nicht aus liberalen Demokratien, sondern nur aus totalitären Gesellschaften kennen. Daher ist Trump ein totalitärer Lügner in einer liberalen Demokratie.

Was denken Sie über das "Lügen" in Zusammenhang mit der Corona Pandemie?

Die Corona Pandemie hat uns klargemacht, welche zentrale Rolle der Staat bei der Verteidigung wie der Einschränkung unserer Freiheit spielt. Meiner Meinung nach war es gerechtfertigt, viele der Maßnahmen zu ergreifen, die unsere Freiheit, die wir normalerweise als selbstverständlich voraussetzen, in großem Maß einschränkten. Eine spezielle Freiheit, die in einer solchen Situation jedoch nicht einschränkt werden sollte, ist die Freiheit der Meinungsäußerung. Und für eine liberale Demokratie es ist ein Zeichen von Vitalität, eine seriöse Debatte darüber zu führen, welche Art von Maßnahmen gerechtfertigt sind. Das Problem besteht darin, dass die Debatte von gewissen Gruppen durchsetzt wurde, die wenig Respekt für Begründungen und Belege haben, doch auch der Einzelne in solchen Gruppen besitzt das Recht auf freie Meinungsäußerung. Womöglich hat die Opposition solcher Gruppen die Behörden gezwungen, in der Begründung der verschiedenen Maßnahmen expliziter zu sein.

Warum hat uns die Natur überhaupt die Fähigkeit zum Lügen gegeben?

Sie könnten genauso gut fragen, warum sie uns die Fähigkeit gegeben hat, ehrlich zu sein. Ehrlichkeit besteht aus zwei Komponenten: Aufrichtigkeit und Genauigkeit. Ehrlichkeit macht es möglich, Gedanken zu teilen und damit auch eine Welt. Als soziale Tiere, die wir sind, ist dies wesentlich für unser Dasein. Ehrlich zu sein macht jedoch nur Sinn, wenn man es auch nicht sein kann. Ehe ich entdeckte, dass man auch lügen kann, mit drei oder vier Jahren, war ich nicht ehrlich, ich habe nur einfach die Wahrheit gesagt. Um ehrlich zu sein, muss man eine Fähigkeit zur Unehrlichkeit besitzen. Mein Hund kann nicht unehrlich sein, da er auch nicht ehrlich sein kann. Ehrlichkeit schafft Vertrauen und Beziehungen, ermöglicht uns Gemeinschaften zu bilden, und Lügner sind Trittbrettfahrer, die dieses Vertrauen ausnutzen.

Lars Fredrik Händler Svendsen, geboren 1970, ist Philosoph und Professor für Philosophie an der Universität Bergen. Seine Werke, darunter auch die Kleine Philosophie der Langeweile (2002), wurden in mehr als 20 Sprachen übersetzt und mehrfach ausgezeichnet. Gert Scobel kürte Svendsens „Philosophie der Einsamkeit“ 2019 zum „derzeit wohl besten philosophischen Überblick über dieses Thema (...); gut geschrieben, flüssig zu lesen und überaus anregend“. Svendsen feiert mit seinen Büchern sowohl in seiner norwegischen Heimat als auch international große Erfolge. Zuletzt auf Deutsch erschienen ist sein Buch „Tiere verstehen – Philosophie für Hunde- und Katzenfreunde“ (2019).

Über das Verlagshaus Römerweg

"Das Haus der schönen Bücher" – das ist es, als was wir uns verstehen und was wir sein wollen, das ist unser Anspruch, unsere Zielsetzung und unser Antrieb. Weil wir glauben, dass Bücher, im Besonderen schöne Bücher, die schönste und interessanteste Ware der Welt sind, von der Wissen, Aufklärung und Weltverständnis ebenso ausgehen wie Verzauberung und Verführung. Seit dem Jahr 2014 heißt dieses Haus VERLAGSHAUS RÖMERWEG, zu ihm gehören heute die Verlage Corso, Edition Erdmann, marixverlag, Waldemar Kramer, Weimarer Verlagsgesellschaft und die Berlin University Press. 
verlagshaus-roemerweg.de