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29.03.2022, Jamal Tuschick

© Jamal Tuschick

Ratlose Entrüstung

„Tretet zurück - Ich bin ein Verlierer mit einer Glückssträhne.“ Ocean Vuong

Die angelsächsischen Neumieterinnen beschimpfen ihre Besucher auf dem Balkon. Tillmann hört die ratlose Entrüstung junger Männer, Traktor verlangt Ruhe wie ein Hausherr. Sprotte kichert, der pädagogische Engländer schaltet sich ein, Natives unter sich. Tillmann versteht im Augenblick kein Wort, er will wissen, was zur gleichen Zeit auf der Rotlintstraße geschieht. Die Straße kommt ihm im Augenblick nicht länger vor als sein Ausschnitt. Vor dem „Paulaner“ macht einer Gymnastik, während er telefoniert. Offensichtlich hält der Mann das Gespräch nur aus, wenn er sich dehnt. Seine Bewegungen sind exakt wie bei einem Berufstänzer, er steigert sich. Die Mimik ist so beweglich wie der Körper. Die Nachbarin mit der selbstverliebten Tochter sieht erst dem Mann und dann dem Verschwinden von Gegenständen zu. Eben hat jemand die Dinge vor die Tür getragen und nun ist schon jemand zur Stelle, der sie gebrauchen kann. Tillmann wünscht sich einen Springbrunnen vor dem Haus. Er versetzt sich an Traktors Stelle und kann so Sprotte sehen, wie sie sich sonnt. Traktor ist längst an Sprotte in allen Lebenslagen gewöhnt, das findet Tillmann bedauerlich, der öffentliche Fernsprecher vor dem „Paulaner“ wird von keiner Zelle geschützt. Eine Neuheit, so sieht Zukunft aus. Karolin schmiegt sich an, das „Paulaner“, seit Jahren geschlossen. Seit die Paulanerleute in den Musikantenweg gezogen sind. Sie führen die „Oma Rink“ der Lulu Schwarz (geb. Rink) weiter. Lulu Schwarz hatte nach dem Krieg das erste auf eine Frau zugelassene Auto, ihr Sohn hat einen gewaltigen Zinken. Das Wurzelwerk der Platanen in ihrem Garten bricht nun durch den Keller der Wirtschaft. Das ist die Kraft der Natur, Karolin fragt: „Möchtest du dich hinlegen?“

Trennungsträge Typen blieben wochenlang in Rufweite

Karolin zählt die Frauen auf, mit denen Tillmann zusammen war. In jedem Fall wurde er nach kurzer Zeit verlassen, das weiß Karolin auch. Es ist nicht alles Gold, was glänzt, sagten die Frauen. Das hatten wir uns anders vorgestellt, sagten sie. 

Oft fand Tillmann am Anfang noch etwas von seinem Vorgänger, einmal eine Unterhose in einer Ritze, in die Geld gerutscht war. Manchmal war der Vorgänger noch gar nicht weg und versuchte seine Glück als Rivale. Trennungsträge Typen blieben wochenlang in Rufweite, nicht immer hofften sie vergeblich. Standby-Schaltungen waren nicht selten. Entspannte Trennungen fanden nicht statt. Zuneigung führte zu Abneigung. Karolins Liebesroutine geht über viele Unterscheidungen hinweg, die Tillmann macht. Stets lauerte wenigstens ein anderer Mann mehr oder weniger im Hintergrund ihrer aktuellen Affäre. Sie war immer verliebt, aber nicht immer in den Mann, der da war. Günstig war, wenn der Mann aus einer erschöpften Verbindung kam, und Karolin von seinem Selbsterneuerungswillen erfrischt wurde. Häufig war der Wunsch, noch einmal mit Sport anzufangen. Zu dem Wunsch gehörten häufig neue Laufschuhe. Die Schuhe überlebten den Ehrgeiz. Der Ehrgeiz entlarvte sich als Unvernunft.

Der Nachmittag geht in die Verlängerung, kein Abend in Sicht. Karolins Erwartungen nahmen ab. Männer, die gar nicht mehr damit rechnen konnten, für eine Frau in Frage zu kommen, hatten plötzlich eine Freundin namens Karolin. Karolin versprach sich unverdrossen alles. Von Wundern verlangte sie, das sie geschahen. Mit der Wirklichkeit ließ sich immer weniger anfangen.

„Wenigstens verliebt will ich sein“, erklärt Karolin.