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31.03.2022, Jamal Tuschick

© Jamal Tuschick

Europa neu denken

Während lange die Vorstellung vorherrschte, der Westen habe Neunundachtzig gesiegt und nötige seither die Welt mit ihm Schritt zu halten (Francis Fukuyama), gibt sich nicht erst seit gestern das Gegenteil zu erkennen. Unter Druck geratene Demokratien experimentieren mit den Möglichkeiten der Einschränkung von Freiheitsrechten und ernten für Repressionen und Regressionen ausreichend Zustimmung. 

Europa begreift seine Schwäche. Bruno Latour schreibt: „Europa … zählt in etwa noch so viel wie eine Haselnuss, die in einem Nussknacker steckt.“

„Die aufgeklärten Eliten“, so Latour, verfahren nach der Harald-Schmidt-Devise: „Für mich reicht’s noch.“ Früher sagte man: Nach mir die Sintflut. Heute negiert man den Klimawandel, obwohl man es besser weiß.

Ohne auf die realitätsverweigernden Antworten der Isolationisten, die wir als rechte Populisten charakterisieren, weil sie falsch und gemein vereinfachen, einzugehen, kehre ich zum Ausgangspunkt zurück. Paul Mason erzählt in einem Aufsatz unter dem Titel „Keine Angst vor der Freiheit“ von seinem Vater, einem Mann, der in seinem Milieu keine herausragende Stellung einnahm und mit der Kumpel-Akzeptanz über die Runden kam, die sich die Bergarbeiter im englischen Leigh gegenseitig einräumten. Der alten Mason hatte die Depression der 1930er Jahre als Kind erlebt und prophezeite 1980 als Großbritannien „in die Rezession schlitterte: Wenn eine weitere Depression kommt, werden die Rassenvorurteile zurückkehren.“

Der Journalist Mason benennt die Pfeiler seiner Herkunftskultur: „Hass auf alles, was mit den Reichen zu tun hatte, Misstrauen gegenüber allem, was von draußen kam, und Ablehnung gegenüber all jenen, die dem marktwirtschaftlichen Denken Vorrang vor dem menschlichen Anstand gaben.“

© Jamal Tuschick