MenuMENU

zurück zu Main Labor

04.04.2022, Jamal Tuschick

© Jamal Tuschick

Nomadin des Unheils

Jahrzehnte ist die Tochter einer russischen Zwangsarbeiterin, die ihren Vater nie gesehen hat, landfahrerisch unterwegs, eine Nomadin des Unheils, die sich in Kleingärtnerkolonien einnistet und die Unbeholfenheit randständiger Jugendlicher nutzt, um sich mit drakonischer Fürsorge eine Gefolgschaft zu sichern. Ihre Mündel verwendet sie auch zuhälterisch. Sie vermietet sie an Drücker- und Putzkolonnenführer:innen.

Erika wirkt selbst wie eine Schwachsinnige. Sie besitzt aber eine kalte Intelligenz, die so asozial ist, dass sie als Defekt wahrgenommen wird. Mit ringkämpferischen Zugriffstechniken überwindet sie die Abwehr ihrer Opfer.

Als von jedem Liebreiz befreite Vierzigjährige bewegt Erika einen schwer herzkranken Ostwestfalen, der von der Welt aus eigener Anschauung nicht mehr kennt als Mallorca und Phuket, sie erst zu heiraten und dann in einer Lebensversicherung zu begünstigen. Er stirbt erschreckend pünktlich nach Ablauf der Fristen. In den Tod folgen ihm ein vermögender niedersächsischer Briefträger im Ruhestand und ein passionierter nordhessischer Taubenzüchter, der die Mittel für ein Leben als Privatier aus Vermietung und Verpachtung gezogen hat.

Die Leute im Bermudadreieck zwischen Höxter, Einbeck und Hofgeismar munkelten lange vor Erikas Verhaftung von einer schwarzen Witwe, beunruhigt wie eine einzelgängerisch umschlichene Herde von der kaltherzigen Tatkraft. Verwandte der Opfer, die sich um ihr Erbe geprellt sahen, erstritten Exhumierungen und gründliche Leichenschauen.

Erika stritt das Offensichtliche ab.

Biografischer Bezug

Ariane erzählt die Geschichte, mit der man ihr angeblich das Gruseln beibrachte. Der Taubenzüchter sei ein Onkel gewesen. Tillmann bezweifelt den biografischen Bezug. Ariane wirbelt gern den Familienstaub anderer Leute auf. Das gehört zu ihrem Voodoo. Sie reagiert mit Übertreibungen auf ihre klimatisierte Herkunft.

Ariane ist die zuverlässigste Stammspielerin auf Tillmanns innerer Bühne. Von Zeit zu Zeit wendet sie sich dem bewährten Verehrer zu, den Jahrzehnte der Anbetung in einen sicheren Zuneigungshafen geführt haben. Er darf Ariane noch etwas zu trinken holen, in den Flaschen auf den Tischen im Hof schwappt nur noch warme Plörre. Tillmann beeilt sich, Ariane mit einem Gin Tonic zu versorgen, angereichert mit Wacholderbeeren aus den Beständen der Steuerberater im dritten Stock. Wieder einmal begeht die Hausgemeinschaft einen Abend der offenen Türen in einem orgastischen Verbundenheitsempfinden, der jederzeit in erbitterten Streit umschlagen kann. Dann knallen die Türen wie auf ein Kommando im ewigen Sommer Neunundneunzig.

Ariane gibt Tillmann zu verstehen, dass sie seine Aufmerksamkeit nach wie vor zu schätzen weiß. Sie trödelt jetzt schon seit vier Monate herum mit einer Person ohne geistige Interessen; dem glattesten Vollpfosten weit und breit. Zu blöd für das Kreuzworträtsel in der Abendausgabe der Frankfurter Rundschau. Traktor kann absolut gedankenlos im Kaffee rühren. Seine Selbstvergessenheit grenzt ans Sagenhafte.