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10.04.2022, Jamal Tuschick

Die Blindschleiche als Müßiggänger

Tino führt das Leben eines Trauerkloßes. Dem konsequenten Nichtgelingen setzt der finnische Apath eine epigonale Prosaproduktion entgegen. Er schmirgelt den Ranz von alten Schinken und verlängert die Riemen von Kolonialschriftsteller:innen, die sich im Fokus eines - im geilen Geist rassistischer Ethno-Pornografie - begierigen Publikums wussten, mit einem extraplatten Plattitüden-Potpourri.

Ständig von Panikattacken bedroht, braucht Tino erhebliche Mengen Bier für seine Urban-Jungle-Outdoor-Discount-Aventures. Jeder Gang zum Supermarkt wird für Tino zum Höllenritt.

Mooses Mentula, „Der Schildkrötenpanzer“, Roman, aus dem Finnischen von Stefan Moster, Weidle Verlag, 25,-

Der Autor schildert einen zwischen paranoiden und lethargischen Durststrecken liebenswert oszillierenden Helden, dessen Zustand von einem kleinen Mädchen auf der Straße erkannt und so altklug-fachfraulich wie naseweis kommuniziert wird.

Mit dem Bierlineal gegen die Realität

Tino sucht inspirierenden Trost bei obsoleten Underground-Idolen. Er imaginiert sich in eine Scheinwelt nach den - mit dem Bierlineal gezogenen - Richtlinien des Beatpropheten Bukowski. Er schwärmt für Jack Kerouacs 1957 auf einer Vierzigmeterpapierrolle abgefeierten, dreiwöchigen Amphetaminrausch „On the road“.   

Endlich widerfährt Tino das Wunder einer Bekanntschaft mit (womöglich) richtigen Menschen. Mirjam und ihre Tochter Tuuli nehmen es auf sich, mit Tino gemeinsam den Elchtest der Realität (oder einer Simulation) zu absolvieren - und zwar on the road im Wohnmobil.

In dem neuen, im Mai erscheinenden Buch von Ines Geipel, Schöner neuer Himmel. Aus dem Militärlabor des Ostens, bemerkte ich im Zusammenhang mit Biosatellitenexperimenten die erstaunliche Frage:

„Sind die subjektiven Erlebnisse der Kosmonauten real oder Illusionen?“

Auch Tino muss sich, als Kosmonaut in seinem inneren Weltraum, fragen: Was ist wahr?

Ein Beispiel für Tinos epischen Epigonalismus

„Am Horizont konnte das Auge Blitze erkennen und sehen, wie das Meer weiß schäumte. Im Nu erreichte dieser Wellenschlag das Schiff. Es schaukelte auf den Brecherwellen wie ein Rindenboot in einer Stromschnelle. Donaldsson drehte sich um, in der Absicht, zu seiner Hütte zu laufen und sich mit dem Seil an den Stamm der Palme zu binden, um die herum die Hütte zusammengeschustert worden war. In den Jahren auf der Insel hatte er ein Dutzend Stürme erlebt, von denen die vier schlimmsten sämtliche Hütten der Insel umgeblasen.“

Aus der Ankündigung

Tino geht auf die Vierzig zu, hat es aber zu nichts gebracht. Die Aufnahmeprüfungen für die Universität hat er vergeigt, und seine berufliche Laufbahn als Straßenbahnfahrer endete am ersten Arbeitstag mit einem psychotischen Schub. Seitdem treibt er, unterstützt von Psychopharmaka, ohne Ziel und Perspektive durchs Leben.

Gelegentlich versucht er sich an Fortbildungsmaßnahmen des Arbeitsamtes, die er jedoch allesamt abbricht. Er ist zutiefst menschenscheu, meidet Begegnungen und Anforderungen jeder Art und begnügt sich damit, in seiner Einzimmerwohnung den Live-Stream eines schwedischen Aquariums zu verfolgen.
Bewegung kommt in sein Leben, als er auf dem Weg zum Bierholen im Supermarkt auf eine Frau und ein kleines Mädchen trifft. Die Vierjährige bedrängt ihn mit ihrer Neugier so, daß Tino davonläuft und in einen Trödelladen flüchtet. In seiner Wehrlosigkeit läßt er sich vom pockennarbigen Besitzer im Trenchcoat den Panzer einer riesigen Schildkröte andrehen und dazu eine Tüte mit Büchern. Tino schleppt nach Hause, was eines der Leitmotive des Romans werden wird: den Schild, dessen Kröte er nun ist. Die Tüte mit Büchern aber verleiht seinem Leben eine neue Dynamik. Er beginnt, die Geschichten, in die er nun eintaucht, selbst weiterzuerzählen. Sie gehen in sein Leben über. Zu seiner Unterstützung erscheinen in der Messiwohnung plötzlich Figuren wie Charles Bukowski, Jack Kerouac und Jane Austen als mit allen Wassern der Plot-Entwicklung gewaschene Schutzengel.
Der Schildkrötenpanzer (Toiset meistä) ist ein vielschichtig unterhaltender Roman, dessen Botschaft unüberhörbar lautet: Schreibe deine eigene Geschichte! Und vor allem lebe sie!

Mooses Mentula, 1976 geboren, hat lange in Nordfinnland und Lappland gelebt. Schon als Jugendlicher arbeitete er als Journalist für Printmedien und Hörfunk. Er studierte Pädagogik an der Universität von Lappland. Heute leitet er in der Nähe von Helsinki eine Schule. Sein erster Roman, Nordlicht – Südlicht (Isän kanssa kahden), Deutsch von Antje Mortzfeldt, erschien 2014 im Weidle Verlag.

Stefan Moster, geboren 1964 in Mainz, lebt als Autor und Übersetzer in Berlin und Porvoo (Finnland). Er hat an den Universitäten München und Helsinki unterrichtet und übersetzt seit 1993 finnische Literatur aller Gattungen. Dafür ist er u. a. mit dem Finnischen Staatspreis für Übersetzer ausgezeichnet worden. Als Autor schreibt er hauptsächlich Prosa. Seine Romane sind im mareverlag erschienen, zuletzt Alleingang (2019).

Leseprobe

Staubteilchen schwebten in der von der Jalousie in Streifen geschnittenen Sonne. Die verkalkte Kaffeemaschine pröttelte, und der Kühlschrank seufzte verdrossen. Vor dem einst orange gestrichenen, inzwischen verblaßten Küchenschrank stand ein runder Tisch, an dem ein Mann mit in alle Himmelsrichtungen abstehenden Haaren saß. Er hatte sich in eine Boxershorts mit Simpsons-Figuren gehüllt und biß in ein Stück Roggenbrot.
Dazu schlürfte er heißen Kaffee und blätterte in einer Gratiszeitung. Auf der Doppelseite in der Mitte wurde von einem Zwanzigjährigen berichtet, der vorhatte, mit dem Fahrrad nach Südamerika zu fahren. Der breit lächelnde Mann mit dem Ziegenbart und dem mit Wachs zu spitzen Spießen gedrehten Schnauzer, meinte, jetzt sei eine gute Zeit für ein Abenteuer, weil er noch keine Familie, keine feste Arbeit und auch sonst keine Verpflichtungen habe.
Tino knüllte die Zeitung zusammen und warf sie in die Ecke, dorthin wo bereits ein Satz Pizza-Schachteln von zwei Wochen und diverse Saftpackungen lagen. »Keine Verpflichtungen.« Wie konnte man so etwas denken? Die Erfahrung hatte Tino gezeigt, daß das Leben vor allem aus Verpflichtungen, Voraussetzungen, Erwartungen, Forderungen und Bedingungen bestand. Das erwies sich sogar bei so alltäglichen Verrichtungen wie dem Gang zum Supermarkt: Zu den Pflichten des Kunden gehörte es, einen Mehrwegbeutel anstatt einer Plastiktüte zu benutzen; wenn man in dem Laden häufiger zu tun hatte, wurde vorausgesetzt, daß man eine Kundenkarte durch den Schlitz zog; fast schon eine Forderung war es, den Riegel aufs Band zu legen, um die eigenen Einkäufe von dem des folgenden Kunden zu trennen (aber verdammt, war es jetzt die Aufgabe der vorderen oder der hinteren Person, das Trennholz zu plazieren?). Und es wurde verlangt, daß man als Kunde die Angestellten in einem Ton grüßte, der von korrekter Höflichkeit, aber nicht von übertriebener Vertraulichkeit geprägt war.
Tino erinnerte sich, einmal gelesen zu haben, daß der antike Philosoph Demokrit als erster die noch immer herrschende Auffassung formuliert hatte, daß sich das Weltall aus Atomen zusammensetzte. Totaler Scheißdreck! Die eigentlichen Elementarteilchen waren Pflichten, Voraussetzungen, Erwartungen, Forderungen und Bedingungen. In Tinos Körper hatte sich die übliche Spirale in Gang gesetzt, die ihn direkt von der Couch zum Marathon und von der Zeitung zum Kampf mit dem Bären führte. Sein Herz pochte, die Lunge verlangte nach Sauerstoff und verstopfte zugleich.
Er fingerte ein Röhrchen aus dem Gewürzregal, das als Medikamentenschrank diente, kippte eine Tablette auf die flache Hand und legte sie sich weit hinten auf die Zunge. Ein Schwall Kaffee beförderte die Pille auf ihre innere Reise Richtung Magen. Tino schaltete den großen Bildschirm ein, setzte sich auf die Couch, zog die Beine an und legte die Arme um die Knie. Auf dem Monitor erschien das vertraute Bild des Aquariums. Kleine, flinke und farbige Fische schwammen im Schwarm in ihrem Becken umher, drei schnurrbärtige Welse saugten Algen von den Steinen und dem Miniaturmodell eines Schiffswracks, Goldfische schwenkten träge ihre schleierartigen Flossen. Tino versuchte sich in die Beobachtung der Fischbewegungen zu versenken, anstatt an die bedrückende, festgefahrene Gesamtsituation zu denken, in der er sich befand und bemühte, Unterwasserwesen anzuschauen.