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14.04.2022, Jamal Tuschick

Lob der Einsamkeit

Eine Schmidt’sche Spielfigur der ersten Nachkriegsjahre ist der pensionierte Vermessungsrat Friedrich Stürenburg. Der vor Behagen knarrende Mittsiebziger geistert durch einige Geschichten.  Er hält Hof in seinem Haus am Steinhuder Meer. Da trägt er am Kamin vor. In dieser Umgebung lobt sein Schöpfer die Heide über den grünen Klee. Während Hegel und Gneisenau der - „von Osten nach Westen Europa“ durchquerenden - Choleraepidemie von 1831 an ihren prominenten Plätzen zum Opfer fielen, „machte die Seuche mangels Verbreitungsmöglichkeit an der Ostgrenze der Heide halt“.

Dies auch als Lob der Einsamkeit.

Weltentstehung im Wohnzimmer

Der Künstler als Knabe - Schmidts Hamburger Kindheit und Jugend vollzieht sich unter den Vorzeichen einer proletarisch-kleinbürgerlichen Aufsteigerexistenz. Bei den Eltern enden Regimes der Verkrachten in provisorischer Solidität. Der unehelich geborene, früh versterbende Vater genießt seine Rolle als amtliche Respektsperson. Sein Sohn zeigt den Revier-Oberwachtmeister als einen Mann mit Spielräumen, belesen, gesellig, verankert in seiner Klasse und der Familie zugewandt. Die aus dem schlesischen Webermilieu stammende Mutter war minderjährig in die Ehe gedrängt worden.  

Sven Hanuschek, „Arno Schmidt“, Biografie, Hanser, 45,-

Einem weithin geschätzten Reformpädagogen seiner Schulzeit stellt Schmidt kein günstiges Zeugnis aus. Er erinnert den genialischen Unterrichtsstil als ein „sich-in-Scene-setzen-vor-Unmündigen“. Die bramarbasierende Vielsprachigkeit der Koryphäe erlebte der Schüler als „polyglottes Jägerlatein“.

Schwimmbäder und Badeanstalten spielen in den Erinnerungen eine Rolle. Die Rede ist dann auch von einem Fußballspiel des HSV „gegen Uruguay“ im HSV-Meisterschaftsjahr 1928. Der Biograf unterstellt, Schmidt kolportierend, den Hanseaten eine geringe Meinung von den „Wilden“ aus Südamerika. Das verfehlt den damals aktuellen Wissensstand. Am 3. Juni 1928 spielte Deutschland gegen Uruguay im Amsterdamer Olympiastadion. Obwohl Deutschland gerade ein Spiel 4:0 gewonnen hatte, erschien die Mannschaft gegen Uruguay als Außenseiter.

„Uruguay hatte mit einem Team aus Schuhputzern, Metzgern und Klavierstimmern schon 1924 das olympische Fußballturnier von Paris gewonnen. Damals hatte sie noch kaum einer gekannt, die Spieler wie Andrade, Cea und Urdinárin. Jetzt kennt sie jeder, die Deutschen mit Reichstrainer Otto Nerz wissen, was sie erwartet.“ Quelle

Schmidt bezieht sich vermutlich auf eine Europatournee von Peñarol Montevideo zwischen April und Juni 1927. Vielleicht hat er sich die Jahreszahl falsch gemerkt; in jedem Fall auch den Ausgang der Partie. Richtig erinnert er den markanten norwegischen Spieler Asbjørn Halvorsen.  

„Ähnlich unglücklich verlief die Partie gegen den Hamburger SV, die Schiedsrichter Alfred Birlem am 15. April im Altonaer Stadion leitete. Ein zweifelhafter Elfmeter entschied sie zugunsten der Norddeutschen, die letztlich 3:2 gewannen.“ Wikipedia

Umzug nach Lauban/Lubań 

Nach dem Tod ihres Mannes kehrt Clara Schmidt mit den Kindern in ihre Ursprungsumgebung zurück. Die Familie vergrößert sich räumlich in Claras Elternhaus. Arno Schmidt reüssiert in den neuen Verhältnissen. Sein Genie macht sich bemerkbar. Zeitgenossen bewundern ein „gusseisernes Gedächtnis“. Bald nach dem Abitur reicht Schmidt beim Karl May Verlag einen Beitrag ein, den er bei Gelegenheit als Abfallprodukt seiner Beschäftigung mit Nietzsche charakterisiert.

Der Debütant changiert. Glaubt er, jemand verstünde den May-Clou nicht, pfeffert er philosophisch nach. Er versucht, Hermann Hesse für ein allenfalls keimendes Frühwerk zu interessieren. Er kontaktiert einen Schlesier knapp hinter Hauptmann, den Blut-und-Boden-Autor Hermann Stehr. Die erste Veröffentlichung ist eine Schach-Aufgabe.

Der Biograf fragt: Wie steht der Adoleszent zum Nationalsozialismus, der in der Familie gleich nach der Machtergreifung für Verwerfungen sorgt. Für Schmidts - mit einem jüdischen Kommunisten verheiratete - Schwester beginnt eine Exil-Odyssee. Der Bruder absolviert eine Kaufmannslehre, nach einem nicht nachweisbaren, von Schmidt aber wiederholt behaupteten Studienabbruch. Wieder sind seine Vorsprünge unübersehbar. Wieder fällt allgemein die Anerkennung des Außerordentlichen leicht.

1937 heiraten Alice und Arno Schmidt. Auf seinen Wunsch stellt Alice ihre Erwerbstätigkeit ein. Das Paar bezieht die Wohnung von Arnos emigrierter Schwester.

Aus der Ankündigung

Sven Hanuschek legt die erste grundlegende Biografie über Arno Schmidt vor – mit überraschenden Entdeckungen aus dem Nachlass des Schriftstellers

Er stilisierte sich zum Einzelgänger in der Heide, seine Leserschaft versteht sich bis heute als verschworene Gemeinschaft: Und doch hat es Arno Schmidt zum Klassiker der Moderne gebracht. Bis jetzt aber fehlte noch eine grundlegende Biografie, die auch dem umfangreichen Nachlass gerecht wird. Sven Hanuschek hat eine Fülle neuer Quellen ausfindig gemacht, die einen neuen, umfassenden Blick auf Schmidts Persönlichkeit eröffnen, auch wenn sie damit manch vertraute Mythen entzaubern. Und er hilft bei der Orientierung in einem riesenhaften Werk, das zu den Höhepunkten der deutschen Literatur des 20. Jahrhunderts zählt. Nicht nur Arno Schmidts Gemeinde hat schon lange auf eine solche Biografie gewartet.

Zum Autor

Sven Hanuschek, geboren 1964, ist Publizist und Professor am Institut für deutsche Philologie der Ludwig-Maximilians-Universität München. Zuletzt erschien bei Hanser Elias Canetti (Biografie, 2005), bei Zsolnay Laurel und Hardy (Eine Revision, 2010), außerdem ist er einer der Herausgeber von Elias Canettis Briefen, die 2018 unter dem Titel "Ich erwarte von Ihnen viel" erschienen sind. Er lebt in München.