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15.04.2022, Jamal Tuschick

Korkma, ben Alman değilim

Als sie ihren Bruder nach dessen Geburt zum ersten Mal sieht, beruhigt die vierjährige Feride Kaya den schreienden Säugling: „Korkma, ben Alman değilim - Hab keine Angst, ich bin nicht deutsch!“ 

Kassiber einer verlorenen Zeit

Wie das Fossil im Bernstein steckt in den Aufzeichnungen der Kassiber einer verlorenen Zeit. Die Geschichte der 1962 in Akdere am Marmarameer geborenen und in Offenbach aufgewachsenen Feride Kaya atmet den Geist einer Ära, siehe Godesberger Anwerbeabkommens von 1961.

Zahide Özkan-Rashed, „Wir bleiben nur noch bis ...“, Erzähltes Leben, Orlanda, 168 Seiten, 18.50 Euro

Es ging nur um die Arbeitskraft. Das erste Abkommen mit der Türkei kam ohne Berücksichtigung von Kinder- und Familienfragen zustande. In der deutschen Administration ersetzte man „Fremd“ mit „Gast“, um die Arbeiter:innen dann wieder fast genauso unterzubringen wie gehabt: das heißt konzentriert in Baracken. Die Perspektiven koinzidierten. Alle gingen von einer kurzen Dauer der Arrangements aus.  

In diesem Klima akklimatisiert sich Ökzan-Rasheds Alter Ego Feride im Wirtschaftswunderland. Es gelingt der Autorin, die bundesrepublikanische Kinderschuhe-Atmosphäre heraufzubeschwören. Das Memoir ist ein Hotspot antiker Aromen und historischer Hausnummern. Leitmotive einer Politik der zurückgewiesenen Anpassungsbereitschaft werden Altleser:innen treffend in Erinnerung gebracht.

Entwurzelung, das rentabelste Sujet der Migration, spielt keine besondere Rolle. Der Aufstiegswille verschließt den Schmerz aus Entfremdung und Degradierung unter einer seelischen Hornhaut. 

Feride und ihre Geschwister kollidieren mit den Grenzsetzungen von Staats- und Gesellschaftsbegriffen, die selbstverständlich Homogenität behaupten und von Einwanderung nichts wissen wollen. Integration steht als Idee keinem zur Verfügung. Auch nicht den Einwanderinnen und Einwanderern.

Die allerbehutsamsten Verschiebungen der Parameter erfolgen auf einer Folie der Wohlfahrt. In den Ursprungsfamilien bleibt türkisch die Umgangssprache. Behördengänge erfolgen in Begleitung von Dolmetscher:innen. Von Feride erwartet man, klaglos in den sauren Apfel Deutschland zu beißen und gleichzeitig die Werte der Herkunftsgesellschaft ihrer Eltern zu verherrlichen. In den Prägungsmaximen stecken eine Reihe schier unlösbarer Aufgaben. Gleichzeitig fehlt jedes erwachsene Interesse an der Topografie des Anforderungsparcours. Das kindliche Migrationspensum rutscht in die Bedeutungslosigkeit.

Dabei könnte es kaum anspruchsvoller sein. Nichts ist zunächst weniger geregelt als der Werdegang migrantischer Nachkommen. Dem Deutschen kaum mächtige Erstklässler:innen erscheinen in der Vergleichskohorte weniger leistungsfähig. Gründe für das Gefälle fallen einfach unter den Tisch. Die gesellschaftliche Aufmerksamkeit geht über die Schicksale der improvisiert Eingegliederten hinweg.

Feride startet mit einem Vorsprung. Sie verschafft sich ein irreguläres Vorschuljahr, indem sie gemeinsam mit ihrer älteren Schwester die erste Klasse ohne Zählung der Ergebnisse durchläuft. Im zweiten Durchgang gelingt ihr das Wunder der Normalität. Die kleinen Erfolgserlebnisse eröffnen dem Kind einen Transzendenzhorizont. Es begreift die Schule als „Tür zu einem … selbstbestimmten Leben“.       

Aus der Ankündigung

Im Sommer 1964 kommt Feride als Zweijährige mit ihrer Familie nach Deutschland, nachdem ihr Vater im Zuge des Anwerbeabkommens mit der Türkei dorthin gezogen war. Eigentlich ist eine Rückkehr in die Türkei geplant, sie verschiebt sich jedoch immer weiter in eine unbestimmte Zukunft. Dabei wird Deutschland für Feride zwischen Fremdem und Vertrautem zu einem neuen Zuhause.

Neben der Erzählung über die Lebensumstände der Familie geben Auszüge aus Tagebucheinträgen intensive Einblicke in die Gefühlswelt, die Herausforderungen, Ziele und Hoffnungen sowie die Identitätssuche der jungen Feride, die zwischen den Kulturen aufwächst. Das Spannungsfeld zwischen ihrem Traum, ein selbstbestimmtes Leben in Deutschland zu führen und Ärztin zu werden, und den traditionellen Moral- und Wertvorstellungen ihrer türkischen Eltern, macht nicht nur die Differenzen zwischen den Kulturen, sondern auch zwischen den Generationen erfahrbar. 

Zahide Özkan-Rashed schildert in ihrem Buch auf detaillierte und feinfühlige Weise die Erfahrungen der heranwachsenden Protagonistin von den 1960ern bis in die 1980er-Jahre und liefert damit ein Zeitzeugnis der Lebensrealitäten der ersten und zweiten Generation türkischer Arbeitsmigrant*innen. Sie will damit einen Dialog zwischen den Kulturen anregen, um Toleranz und ein Bewusstsein für die Vielfalt in unserer Gesellschaft zu fördern.

»Viele Frauen, ob mit oder ohne Migrationshintergrund, werden sich in Feride wiederfinden. Denn bei allen kulturellen Unterschieden sind die Prozesse, die Frauen durchlaufen, wenn sie anders sind als ihr Umfeld, sehr ähnlich. Vor allem jungen Frauen macht dieses Buch Mut. Mut, für die eigene Identität einzustehen und den eigenen Weg zu gehen.« Migazin.de»›Wir bleiben nur noch bis …‹ ist gerade in seiner Sachlichkeit und Präzision, aus der man die Naturwissenschaftlerin heraushört, ein rührendes Dokument von Dankbarkeit und Resilienz. Die Geschichte einer starken Mädchenpersönlichkeit und eine Zeitreise in die Siebziger« Isa Tschierschke, literaturcafe.de

Zahide Özkan-Rashed wurde in der Türkei geboren und lebt seit ihrem zweiten Lebensjahr in Deutschland. Sie studierte Medizin und arbeitet heute als Ärztin und Autorin. Zahide Özkan-Rashed ist Mutter von zwei erwachsenen Töchtern und lebt in Frankfurt am Main.