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17.04.2022, Jamal Tuschick

Kalifornische DNA

Ein Spielsüchtiger rühmt sich seiner mentalen Stärke. Die Einschätzung bietet Aussicht auf ein Einsichtsdesaster. Sucht schließt Stärke aus. 1968 erkundet Joan Didion Rituale der Anonymen Spieler:innen. Sie besucht ein Treffen in Gardena, der „Hauptstadt des Draw Pokers im Los Angeles County“ abhalten. „Die verführerische Nähe der Clubs … (wirkt) wie eine paraphysische Substanz … in dem Clubhaus einer Bungalowsiedlung“.

Die trockenen Zocker:innen halten sich mit Beschwichtigungsformeln auf Kurs, deren Floskelhaftigkeit unter der kalifornischen Sonne ausflockt. Die Kulissen der Westküste taugen nicht für Selbstanklagen und Eingeständnisse. Wer im Nachgang des Wilden Westens nicht mehr will, als „inneren Frieden“, löst in seiner Umgebung Unbehagen aus. Das bringt die Autorin deutlich zur Sprache, während sie den Vorwurf der Bigotterie nur durch die Blume preisgibt. Wie zur Probe deutet sie eine soziale DNA an, die sie von Lösungsversuchen im Stil der Anonymen Spieler:innen trennt.   

Diskursfetzen an der Szenenstange

Hemmungslos paraphrasiert Joan Didion ein böses Wort, wenn sie schreibt: „Womit ich nicht sagen will, dass ich, wenn ich das Wort ‚intellektuell‘ höre, nach den Waffen greife“. Siehe: „Wenn ich das Wort Kultur höre, entsichere ich meinen Revolver.“ Joseph Goebbels  

Die Autorin verweist in diesem Zusammenhang darauf, nicht in Abstraktionen zu denken. Ihr Studium sei lediglich ein „Visum für die Welt der Ideen gewesen“.

Didion siedelt in der Anschauung. Das Konkrete zieht sie an. Preiswerte psychologische und soziologische Einschübe fehlen. Es fehlen die üblichen Diskursfetzen an der Szenenstange. Arrondierendes und Valeurs stiftendes Discountwissen.

Joan Didion, „Was ich meine“, Essays, aus dem Amerikanischen von Antje Rávik Strubel, Ullstein, 18.99 Euro 

Didion schreibt über das - mit der teuersten Varia der Welt - vollgestellte Hearst Castle. Das amerikanische Schloss schlechthin illustriert ein Gegenprogramm zu Didions intuitivem Purismus. Didion nähert sich dem „phantasmagorischen Landsitz“ am Pazifik aus der vielen Kalifornier:innen vertrauten Autobahn-Perspektive. Es geht um ein magisch in der Kindheit erworbenes Rückbankbild; eine Ansicht auf halbem Weg zwischen Los Angeles und San Francisco, die zum Träumen einlädt und vom Märchen- und Trivialmythenwissen flankiert wird.

Didion titelt „Eine Reise nach Xanadu“. 

„1919 begann William Randolph Hearst mit der Errichtung des Hearst Castle, eines luxuriösen Anwesens an der Pazifikküste. Das … Bauwerk … stand Pate für Charles Foster Kanes „Xanadu“ … Hearst (erkannte sich) in der Gestalt des … Kane wieder. Er versuchte, den Film (von Orson Welles) … während der Produktion zu verhindern oder zumindest zu beeinflussen.“ Wikipedia

Die Autorin exponiert eine paradoxe Konstellation. Dem Gated-Community-Charakter der Anlage zum Trotz „umgab die Hearsts die Offenheit und Zugänglichkeit der ersten Siedler; das Geld der Hearsts war das des Wilden Westens“. Der Grundstock sagenhaften Reichtums bildete Nevada-Silber. Schürfer:innen avancierten zu Bergwerkbetreiber:innen, die dann auf den Trichter der Gründerzeitmoderne kamen und die öffentliche Meinung an sich rissen. Um 1900 sah sich William Randolph Hearst (1863 - 1951) in der Rolle den mächtigsten US-Medienmoguls. Sein Schloss aber blieb ein Kindertraum, „eine Unwahrscheinlichkeit … in theatralischem Dunst“. 

Die Essayistin gräbt an der Stelle, wo die Hemmungslosigkeit des Tycoons mit infantilen Vorlieben in eine Verhaltensenge gerät. In der kurzen Reihe Regression und Reichtum fehlt noch Rücksichtslosigkeit als konstitutives Merkmal. Wahrscheinlich unterfütterte ein Caligula-Phantasma die Orgie des Eklektizismus.

*

Didion beschreibt sich als eine bis zur Lähmung skrupelöse Debütantin. Sie erbebt vor und erliegt dem eigenen Anspruch.

„Das Verlangen, gut zu sein“ erlaubte ihr keine Leichtigkeit.

Erst der Erwerbszwang erlöste sie. Sie schrieb Werbe- und Verkaufstexte für die Vogue. Plötzlich flutschte es. Sie lernte „Ungezwungenheit im Umgang mit Worten“ in einem Ensemble von Synonym-Connaisseurs und Zeitwort- Aktivist:innen.   

Aus der Ankündigung

„Ein weiterer Gewinn einer unverzichtbaren Autorin.“ Kirkus Review

Zwölf zentrale und zeitlose Essays aus dem frühen Werk der Schriftstellerin zeigen Joan Didion als brillante Zeitzeugin. Von ihrer Bewunderung für Hemingways Sprache bis hin zur Ergründung ihrer eigenen Selbstzweifel, als junge Frau nicht in Stanford angenommen worden zu sein, ist jeder Text ein intellektuelles Vergnügen. Von der Autorin selbst ausgewählt lernen wir in ihnen ihr Amerika kennen und die junge Frau, die auf dem Weg ist, eine Ikone der amerikanischen Literatur zu werden. Ihre Essays sind prägnant, elegant und verblüffend vorausschauend.

„Je kürzer ihre Essays sind, umso bemerkenswerter erscheinen sie mir: Ein Satz von Didion ist immer ein Wunderwerk magischen Denkens.“ The Guardian

Regression und Reichtum

Im Frühjahr 1952 erhält Joan Didion einen niederschmetternden Brief aus Stanford. Die Debütantin erwägt, die Absage mit Selbstmord zu quittieren. Sie begnügt sich mit einem Rückzug in den Wandschrank.

„All das fand in der harmlosen Welt des ländlichen Kaliforniens … statt.“

Joans Enttäuschung erschöpft sich in ihrer Sphäre.

„Keine elterlichen Hoffnungen lasteten auf der Tatsache, ob ich angenommen wurde oder nicht.“

Der Vater reagiert stoisch auf die Mitteilung.

„(Er zuckt) mit den Schultern und (bietet) Joan einen Drink an.“  

Die Frage nach der „richtigen“ Universität stellt sich nicht. Die „soziale Stellung“ der Familie ist „stabil“. Die Tochter muss zum Gedeihen ihrer Herkunftszelle nicht mehr beitragen als die Früchte eines unbeschwerten Gemüts.

Der Aufstieg war das Werk vorangegangener Generationen. In der Gegenwart warnt kein Zeichen vor dem Abstieg. Die Gelassenheit der Wohlhabenden ist so groß, dass sie gar nicht erst auf die Idee kommen, ihre Chancen mit den Optionen des Nachwuchses zu „vermischen“. In der Segregation steckt ein verborgener Stolz. Die Lebenszeche bringen die Älteren mühelos auf. Sie sind aus dem Schneider, während Joan in der Schwebe zwischen Gelingen und Scheitern vibriert.

1968 stattet sie Nancy Reagan einen investigativen Besuch ab. Anstatt die Frau des Gouverneurs von Kalifornien zu interviewen, beobachtet die Autorin die Arbeit eines TV-Teams vor Ort. Die Fernsehleute animieren die Hausherrin, in arrangierten Szenen genau „das zu tun, was sie normalerweise … tun (würde)“.

Nancy Reagan stimmt allem zu. Didion registriert „dramatische Emphase“ bei der Ex-Schauspielerin, die zweifellos nichts nötig hat; sich aber trotzdem für nichts zu schade zu sein scheint. Nancy Reagan legt Wert auf die Feststellung, dass sie im Rahmen der Inszenierung ihren wahren Bedürfnissen nachkommt; in einem Prozess, der die Forderungen des Regisseurs mit den häuslichen Abläufen synchronisiert und harmonisiert. Glückliches Kalifornien könnte der Titel des Rührstücks lauten.

Didion erkennt koinzidierende Interessen. Beide Parteien legen Wert auf eine artifizielle Herangehensweise. In der Rolle der Gouverneursgattin suggeriert Nancy Reagan den wahrgewordenen „Tagraum einer Mittelschichtsamerikanerin“.

„Jedes Detail stimmt.“

Zur Arrondierung. Ronald „Rea-gun“ Reagan, noch lange nicht Präsident, regiert von 1967 bis 1975 einen der - im Rahmen des Achtundsechziger-Aufbruchs - rebellischsten Bundesstaaten. Der außerparlamentarischen Opposition so wie allen anderen subkulturellen Gegenöffentlichkeitsplattformen gefällt Reagan als Hassfigur. Er gibt bereitwillig den harten Hund. 1969 lässt er Proteste auf dem Berkeley-Campus von der Nationalgarde auflösen. Die Bilder gehen um die Welt. Nancy Reagan liefert mit ihrer Homestory das Kontrastprogramm. Sie stützt ihren Mann, der unter seinesgleichen als „guter Kerl“ kursiert.

Auf eine verschwiegene Weise beinah aufsässig präsentiert sie den Zuschnitt ihres Lebens auf der konservativen Ideallinie. Die Chronistin beweist ihre Klasse, indem sie nicht allein diese Spur nachzeichnet, sondern auch die klandestine Intransigenz überliefert, mit der die Reagans den amerikanischen Traum gegen seine Kritiker:innen verteidigen.

Schreiben sei „ein aggressiver, sogar feindlicher Akt“, behauptet Didion. Die Autorin/der Autor dränge sein Ich den Lesenden auf. Verminderungen des Hoheitsanspruchs durch Anspielungen und Aussparungen entsprächen lediglich „der Taktik eines heimlichen Tyrannen“.

Didion exponiert das invasive Element jedes Textes. In jedem Fall kontaminiere er private Sphären mit „dem Empfinden der Schriftstellerin“.

Das ist nur die halbe Wahrheit. Auch die Schriftstellerin wird aufgefüllt vom Geltungsdrang der Welt. In ihr entschlüsselt sich die kalifornische DNA.

Joan Didion, geboren 1934 in Sacramento, Kalifornien, arbeitete als Journalistin für verschiedene amerikanische Zeitungen und war u. a. Mitherausgeberin der Vogue. Sie gilt als eine der wichtigsten Stimmen der amerikanischen Literatur, die mit ihren fünf Romanen und zahlreichen Essaybänden das intellektuelle Leben der USA im 20. Jahrhundert entscheidend prägte. Joan Didion verstarb im Dezember 2021.