MenuMENU

zurück zu Main Labor

29.04.2022, Jamal Tuschick

Sibylle-Schönheit - Was zuvor geschah

Sie stammt aus einer Seefahrerdynastie, die sich vor vierhundert Jahren am Bodstedter Bodden festsetzte. Jonna von Stellberg wuchs im Tillwitzer Skipperhus auf. Sie verkörperte die nahezu klassische Sibylle-Schönheit. Republikweit erschien sie als Inbegriff sozialistischer Natürlichkeit, während sie ihren Tillwitzer Klassenkameraden und Altersgenossen hochnäsig vorkam. Bis 1990 war Jonna Kostümbildnerin an einem Rostocker Theater. Im letzten Millenniumsjahrzehnt entwickelte sie sich zur Unternehmerin sowie zu einer Expertin für DDR-Dramatik. Jonna geriet in den Sog der Nord-Stream-Mafia, in der HVA-Agent:innen im Auftrag ihres Paten Putin Manu Schwesig auf Kurs hielten. Unter der Hand verwandelten sie die Berliner Republik in einen Horchposten. Ich, die allwissende Erzählerin, muss mich im Augenblick noch bedeckt halten. Bald werde ich alles erzählen.  

Jonna residiert herrschaftlich. Gerade hat sie sich einen jungen Mann ins Skipperhus geholt. Er heißt Malte Herzog und ist der Sohn von Ingrid Weber.

Doch wer ist oder war Ingrid Weber? Dazu morgen mehr. Übrigens weiß Jonna noch gar nicht, wessen Sohn sie bewirtet. Die Auskunft, er sei Zweiradmechatroniker und auf Fahrräder spezialisiert, kommt der Gastgeberin wie ein Geständnis vor.

Dachbodenfund aus der Kolonialära © Jamal Tuschick

Möbelrausch - So geht es weiter

Malte sitzt sehr locker da. Arrogant ist knapp zu viel gesagt. Das Alter macht eine Frau angreifbar. Von wem ist das noch mal? Jedenfalls waren Männer früher, solange sie mit dem Anfang spielten, nicht so frei Jonna gegenüber wie dieser junge Mann. Breitbeinig ignoriert er die guten Sitten und verkrümelt unbekümmert Jonnas schottischen Lieblingskekse.

Nun spricht Jonna, aus ihr spricht Empörung

Ich beende das Schauspiel der vollendeten Gastgeberin. Wenn hier jemand nichts nötig hat, dann bin ich das. Malte schaltet sofort um. So beflissen wie ein Gymnasiast stellt er eine Frage zur Geschichte des Hauses. Bisher war noch jeder Gast bei seinem Antrittsbesuch vom Skipperhus bis zur Betäubung eingenommen. Ich lebe in einem Museum. Um die Relikte der Windjammer-Ära beneiden mich Fachleute. Das auffälligste Exponat ist ein begehbarer Schrank mit phantasmagorisch-ornamentalem Dekor. Das Ding ist bekrönt, verkröpft und mit Lisenen bedacht. Als Kind konnte ich mich daran nicht sattsehen. In der Familie kursierten widersprüchliche Deutungen der narrativen Potenz des Schnitzwerks. Heute hält sich niemand mehr mit den optischen Tricks der alten Meister auf, die unter anderem das Ziel verfolgten, eine Illusion von Bewegung zu erzeugen.

Malte erhebt sich. Er gibt sich den Anschein, von Neugier in Gang gesetzt worden zu sein. Ich habe einen Heuchler im Haus.

*

Warum vertrauen wir? Wo wurzelt das Gefühl?

Niklas Luhmann beschreibt Vertrauen als „einen Mechanismus der Reduktion sozialer Komplexität“. Mir gefällt die mechanistische Erklärung. Ich schinde Malte mit Details. Historisch bedeutender und noch älter als sein Schauplatz ist ein hanseatischer Dielenschrank, ein sogenannter Danziger Schapp mit Walnussbaumholzfurnier. Die Kugelfüße sind aus Ahorn. Eiche lieferte dem Schreiner das Blindholz. Zweifellos fehlt Malte der Anfangsverdacht einer Ahnung von dem, was ich ihm aufnötige, um ihn ganz tief in seine Schranken zu weisen. Ich zitiere Hölderlins lyrische Einfälle zu den Eichen:

„Aber ihr, Ihr Herrlichen! steht, wie ein Volk von Titanen/ In der zahmeren Welt und gehört nur euch und dem Himmel.“

Malte gefällt sich jetzt ganz und gar in der Rolle des Aufmerksamen. Er ist so ein Schauspieler, wenn auch nicht von Beruf. Ihm fehlt das geringste Theaterwissen. Überspielt er mit Theatralik ein heimliches Kalkül?  

Irgendwas klemmt.                                        

Malte legt eine Hand auf einen 1860 in Asnières hergestellten, monogrammierten Schrankkoffer. Die Rarität stammt aus der ersten Kofferbaureihe von Louis Vuitton, die Schubladen und Fächern sind nach den Bedürfnissen des Jetsets jener Tage eingerichtet.  

In der Rolle einer Museumsführerin fühle ich mich manchmal fast vollkommen. In der räumlichen Konzentration von Gegenständen, die es in ihrer Isolation kaum je schaffen, als Antiquitäten die angemessene Wertschätzung einer in Erstaunen versetzten Betrachterin zu erfahren, deutet sich mir ein berauschender Übergang und Ausblick an. Durch ein Zeitfenster gehe ich stiften. Nach dem Tod meiner Mutter, die meinen Vater um zwanzig Jahre überlebte, erlebte ich diesen Möbelrausch zum ersten Mal als späte Offenbarung. Ich war Ende Vierzig und fühlte mich verwaist wie ein Kind. Gleichzeitig empfand ich den Phantomschmerz eines Gattenverlustes. Meine Mutter und ich hatten schließlich beinah wie ein Ehepaar zusammengelebt. Mich erschütterte die Klarheit der Einsicht, dass meine Familie nun zu Ende war.