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09.03.2019, Jamal Tuschick

Nachrichten aus dem Bauch der alten SPD

Das ewige Weltauge

Jungsozialist im Training

Im Steckrübenwinter 1915 ging gar nichts mehr. Danach wurde es nicht viel besser. 1917 baumelte einmal ein Hering delinquent über dem Küchentisch im Haushalt meiner Urgroßeltern. Die Kinder durften an der Flosse saugen. Der Fisch kam schließlich im Ganzen jenem zugute, von dessen Arbeitskraft alles abhing. Mein Urgroßvater, der dicke Karl, war für den Einsatz an der Front zu alt. Trotzdem starb er im Krieg (vor Kriegsende).

Mein Großvater, der alte Legastheniker, sah mit Feldherrenblick fern. Er trug Tag und Nacht ein Nachthemd, tagsüber wurde das Rumpfüberschüssige in die Hose gestopft, und in jeder Jahreszeit lange Schiesser Feinrippunterhosen. Träger sicherten die Überhose. 

Zum Abendbrot gab es diametral geschnittene Schnittchen, Gewürzgurken und Mixed Pickles. Saurer Blumenkohl löste bei meinem Großvater den Wunsch aus, die Geschichte vom Hering zu erzählen.

Für mein Leben gern lauerte ich in einem Sessel am Wohnzimmertisch. Mein Großvater belastete ein Sofa. Es gab unglaublich gute Sachen, Schinken in rauen Mengen. Fleisch- und Waldorfsalat. Bündner Fleisch. Kalter Schweinebraten mit Pfefferkruste. Blutwurst. Leberkäse. Hähnchenschenkel auf die Hand. Mein Großvater schwankte zwischen Behagen und Schmerz. Der verbrauchte Leib erlaubte keine Entspannung. Der Schmerz peitschte meinen Großvater über einen Parcours von unbefriedigenden Positionen.

Wie er sich auch drehte und wendete, der Schmerz setzte sich an die Spitze der Bewegung.

Meine Großmutter hatte stets schon in der Küche gegessen. Während mein Großvater und sein ältester Enkel es sich schmecken ließen, saß sie in ihrem persönlichen Fernsehsessel, einem hydraulischen Monster, zwei Meter vor dem Bildschirm und konzentrierte sich auf die ARD- und ZDF-Ausstrahlungen. Bereits das Vorabendprogramm war amtlich. Es zählte zu den guten Sitten, die nicht verfallen durften.

„Mein Körper warnt mich vor jedem Wort.“ Franz Kafka

Zurzeit zieht Genialitätsleid nicht. In meiner Jugend wollten nicht wenige Gymnasiastinnen der Iris-Klasse einen Jesus der Literatur als Liebhaber; genagelt am Kreuz seiner Bestimmung. Iris verwechselte manchen und manchmal mich mit einem Genie. Ihr gefiel es gut im Haus des Giganten.

Das Haus hatte wie sein Erbauer schwerwiegende Eigenarten. Mein Großvater war viel mehr ein Regime als eine Person. In Iris‘ Gegenwart holte er besonders weit aus. Ihr Interesse hob ihn an. Ihr gegenüber betonte er seine grüne Seite. Das Licht der Reaktion stellte er unter den Scheffel.

Schopenhauer definiert Genialität, als „die Fähigkeit, sich rein anschauend zu verhalten“.

Denn dem Willen, als Ding an sich betrachtet, wie auch dem reinen Subjekt des Erkennens, dem ewigen Weltauge, kommt so wenig ein Beharren als ein ...   

Für meinen von Ressentiments regierten, in seinen Stimmungen lebenden, seine Schwächen archaisch ignorierenden Großvater war die reine Anschauung nichts. Er musste von allem Besitz ergreifen und die Dinge formen, auch wenn er sie nur verbog. Aus schierem Instinkt wusste ich, dass er meinem von Gerechtigkeit besessenen, auf ein Miteinander spekulierenden, im Kleinen wirtschaftenden, zur Bescheidenheit ratenden Vater haushoch überlegen war. 

Globale Verantwortung oder Wehrlosigkeit als Kampfmittel

Das Menetekel von Tschernobyl folgte dem AKW-Unfall bei Harrisburg mit erheblicher Verzögerung.

Mein Vater war gegen Atomwaffen und für die friedliche Nutzung von Kernenergie. Der amerikanische Gau von Neunundsiebzig änderte nichts an diesem gebetsmühlenhaft vorgetragenen Zweitakter.

Mein Vater war gegen den NATO-Doppelbeschluss, konnte aber mit der Friedensbewegung ästhetisch nichts anfangen. Wir hatten die Kommunisten in unserer Siedlung besiegt, weil sie sich in Handgreiflichkeiten erschöpft hatten. Die strickenden Lehrer boten keine Angriffsflächen. Elf Jahre später brachte Volkskammerpräsident Horst Sindermann das Phänomen auf den Punkt: „Wir waren auf alles vorbereitet, aber nicht auf Kerzen und Gebete.“

Mein Vater, der sich nicht gern verwirren ließ, gab den Vorsitz im SPD-Ortsverein ab. Mit Simones Mutter übernahm eine Frau, die wusste oder zu wissen vorgab, was globale Verantwortung ist. Sie nahm Harrisburg nicht auf die leichte Schulter. Sie konfigurierte die Siedlungs-SPD so, dass die Anti-Atomkraftbewegung für die Verbliebenen annehmbar war. Den Ortsverein trennte in der neuen Regie wenig von den (aufkommenden) Grünen. Im Gegenzug veränderten sich viele Genossen gemeinsam mit meinem Vater. Sie gründeten eine Genossenschaft der Windsurfer.

Vor ein paar Tagen sah ich meine über achtzigjährige Mutter mit drei Geräten, die moderner waren als mein Equipment, morgens um fünf sieben Dinge gleichzeitig tun. Das kommt immer noch aus dem Geist der Flexibilität.

Weil ich einmal sitzengeblieben war, erlebte ich den Aufbruch meines Jahrgangs direkt nach dem Abitur in der Position des Zurückbleibenden/-gebliebenen; obwohl ich gar nicht wegwollte. Dann war die Schule auch für mich vorbei, ich trat den Zivildienst bei der Arbeiterwohlfahrt an und bezog mit Simone eine Jagdbaracke der Försterei Fahrenbach auf dem Sonnenacker im Alten Land. Ich kannte den Flecken in der Söhre (dem Kaufunger Wald) seit meiner Kindheit.

Simone, deren Mutter, eine Professorin für Stadtplanung an der Kasseler Gesamthochschule, bis zum zehnten Lebensjahr ihrer Tochter in Berlin radikalfeministisch aufgetreten war, zeigte kein Interesse an Genies. Sie stand auf Bernds. Die Bernds hörten im Nachgang der Siebzigerjahre immer noch Rory Gallagher. Sie fuhren auf Kreidler Zündapp Mopeds herum. Es gab sie in clever und verpeilt. Kiffen im Wald war für alle ein Gipfel des guten Lebens und deshalb gaben sie sich bei uns die Klinke in die Hand. Sie waren umgänglich und kooperativ.

Ich beschränke mich in meinen Schilderungen auf Bernd Seiler, ein Kind der Kolonie im Liliental – einer Arbeiterreihenhaussiedlung, gestaltet nach Volkswohlmaximen in Opposition zu dem ungesunden Wohnen in Mietskasernen. Im Liliental nannte man die Eigenheime wie anderenorts auch Pappschachteln.

Aufgewachsen in einer Pappschachtel und umstellt von Verwandten: hatte sich Bernd auf eine Insel der Erforschung zukünftiger Phänomene geflüchtet. War er breit, verkündete er, wie in Zukunft Staaten ihre Grenzen totalitär sichern würden. Bernd beschrieb Grenzsicherungen mit Satelliten, Radar, Drohnen (unbemannte Kleinflugkörper) und Wärmebildkameras. Smart Borders, das Wort hatte er noch nicht, aber er wusste schon, was es bedeutet, schlössen die Ausgangsflächen von Migration in Datenringen ein. Das seien unsichtbare Einmischungen in die Angelegenheiten souveräner Staaten. Ohne Vorrede ignorierte Bernd die Koordinaten des Konflikts zwischen den westlichen Gesellschaften und dem Ostblock.

Der Ostwestkonflikt war Schnee von gestern als wir noch jeden Tag auf den Alarm warteten und nicht Wenige die Atomraketen auf sich zufliegen sahen. Die Stationierung der Mittelstreckenraketen und die Proteste dagegen folgten der Logik einer Ungleichzeitigkeit, die es keinem erlaubte, rechtzeitig zu erkennen, was bald bildbestimmend sein würde. Simone verschwand gelegentlich ohne Ade und kreuzte nach drei, vier Tagen in einer bürgerlichen Verkleidung wieder auf. Ihre Freunde kamen und gingen schnell wieder, wenn sie mich allein antrafen.

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