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23.11.2019, Jamal Tuschick

Auf einem Grat zwischen Heidelberg und Klimagerechtigkeit - Ein Gespräch über Gedichte. Jamal Tuschick spricht mit Şafak Sarıçiçek über „Kometen Kometen“.

Der Tod ist kein Heidelberger

Deniz Utlu liest Şafak Sarıçiçek in der Berliner Maxim Gorki Theaterbar

Betreiben Sie Klimagerechtigkeit in lyrischer Form?

Tuschick: Diskutieren Sie in Ihren Gedichten auch praktische Fragen des Lebens? Ich dachte daran an einer Stelle, da schreiben Sie:

„Beim Erdöl hört der Spaß auf.“

Sarıçiçek: Absolut. Lyrik, das klingt jetzt wie eine hohle Phrase, ist nicht nur eine Art hermetischer Elfenbeinturmextrakt im Stefan George'schem Sinne. Meiner Ansicht nach ist Lyrik im Leben verwurzelt. Jetzt habe ich angefangen, Rene Char zu lesen. Er ist ein gutes Beispiel für diese Annahme. War in der Resistance aktiv und zugleich Poet, auch daraus wurzeln seine Gedichte. Lyrik sollte verschiedene Pole vereinen, die unvereinbar scheinen, Widersprüche. Ein solcher Widerspruch ist vielleicht auch das Kryptische des Gedichts und die sehr konkret formulierten Fragen des Lebens. Im Nachwort zu dem Buch über Char stellt eine Person ihm eine Frage über ein bestimmtes Gedicht. Sie erwartet offenbar eine abstrakte, geniale Antwort. Char sagt, dass das Gedicht von der Menstruation seiner Partnerin handelt und was es so wie das Blut mit der körperlichen Liebe zwischen den beiden macht. Manche Gedichte sind l‘art pour l‘art, manchmal Experiment, manchmal Anstoß. In Kometen Kometen greife ich die jetzt auch mal breiter die in die Kritik geratene anthropozentrische Weltsicht an, Klimagerechtigkeit ist ein Unterpunkt davon, würde ich sagen. In meiner Jugend las ich auch Murray Bookchin und John Zerzan oder setzte mich mit dem Pantheismus auseinander. Auch das floss ein …

Tuschick: Ich erkenne bei Ihnen eine Linie zwischen Klimagerechtigkeit und Heidelberg. Heidelberg als Gewährsort und Heimat, das Klima als Verheißungsmedium düster-dystopischer Aussichten. Weltweit stehen Wälder in Flammen. Ökosysteme werden zerstört, die lange zuverlässig Kohlendioxid-Lasten abtransportierten. Für sie liegt kein Ersatz im Reservefach des Lebens. Das ist die Signatur des Anthropozän. Der Mensch greift zu seinem Nachteil die Natur an. Ihn treibt die Erwartung, für jedes Problem eine technische Lösung zu finden. Homo Faber balanciert auf einem hohen Ambitionsniveau und schaut entspannt in den Abgrundschlund. Die negativen Emissionen von heute will er mit Technologie von übermorgen „aus der Luft ziehen“, wie es vor ein paar Tagen der Klimaexperte Hans-Joachim Schellnhuber formulierte.

Sarıçiçek: Es ist nun so, in dem konkret von Ihnen angesprochenen Gedicht, also Bittersüß Heidelberg spielt die Klimgerechtigkeit, wenn überhaupt, eine minimale Rolle. Man könnte den Impetus, wenn ich ihn in Ihrem Sinn auslegen würde, gerade noch aus den Fluten, die anschwellen, ableiten. Das ist aber gerade spannend, wie unterschiedlich das Auslegen in Bezug auf Dichtung ist. Der Naturschutz und spezifischer Klimagerechtigkeit wird in diesem Buch verarbeitet, wenn auch zum Beispiel eher in den Gedichten Sondierungen, Hafen Gerüst, Neu Anfang, um nur einige zu nennen.

Heidelberg, um aber den Punkt anzusprechen, ist etwa eine Stadt, wo, wenn ich mich recht entsinne, etwa die Feinstaubrate seit Jahrzehnten sehr niedrig gemessen wird. Wenn ich durch die Stadt schlendere, sehe ich oft Projekte zum nachhaltigen Bau oder Konzepte zum energieffizienten Bau. Erst vor nicht allzu langer Zeit wurde über den Erhalt einer Grünfläche eine Bürgerabstimmung abgehalten.

Was Sie insofern vorbringen über das Zeitalter des Anthropozän ist übrigens meines Erachtens absolut richtig. Wir begreifen uns als abgetrennt und über der Natur stehend, sie ist, etwa biblisch, unser Garten, uns gefügig. Das sind sehr drastische und falsche Annahmen. Wir sind eine Komponente im Großen und Ganzen, von der Evolution mit etwas erhöhteren neurologischen Fähigkeiten ausgestattet, entwickeltere Nervenbündel (das hört sich jetzt sehr nüchtern an!), aber ausgestattet von ebendieser Natur, in die wir systematisch reinbuddeln und aushöhlen, die wir auspumpen, austrocknen, mit Chemikalien und radioaktivem Müll fluten. Mit ebendieser uns von der Evolution (oder wenn man religiös ist, mag man das mit anderen Wörtern ausfüllen) zur Verfügung gestellten biologischen Technologie, unsrem Gehirn, könnten wir ebenso dahingehend arbeiten, als Weltgemeinschaft diesen Planeten lebenswerter zu machen, eine Synthese von Ökologie und Technik oder eine andere Sichtweise auf unsre Stellung in der Erde uns erarbeiten. Aber bevor ich jetzt weiter abschweife, zurück zum eigentlich angesprochenen Gedicht Bittersüß Heidelberg:

Da geht es nämlich vor allem um Verlust. Und wie in Ihrer ersten Frage und meiner Antwort dazu, mit der Anekdote zu René Char und dem Menstruationsgedicht, ist etwas relativ Banales gemeint in dem konkreten Gedicht. Irgendein Heidelberger Forscherteam oder Forscher fand heraus, wie das Broken-Heart-Syndrom in manchen extremen Fällen kardiologisch derart heftig wirken kann, also in sehr atypischen und seltenen Konstellationen, dass die betreffende Person ganz kurz (ich meine Stunden danach) nach einer Trennung etwa oder ganz kurz nach intensivem Herzschmerz verstirbt, was ich echt übertrieben und überaus unglaubwürdig fand.

In diesem Sinne hat Heidelberg auch eine Bedeutung im Rahmen der Romantik, Eichendorffs Stadt, Schumanns Stadt und so weiter. Aber es ist zugleich eine kleine Stadt, eine kleine Stadt, in der sich schnell Erinnerungen akkumulieren können, die an den Orten und Häusern kleben, worauf Dichter und Künstler ihre Aufmerksamkeiten heften können. Manchmal wird die Stadt dann sehr klein, weil eben ganz viele Orte mit solchen Erinnerungen ,,beklebt’’ sind, dann will man eine Weile raus aus Heidelberg. Kleine Städte sind literarisch spannende Städte, ebenso wie die großen, überhaupt wie Städte als Ansammlungen von Menschen und Geschichten sich allgemein gut eignen zur poetischen Suche.

Ab und zu benötigt man dann das Ländliche zum Kontrast, den Ortswechsel – auch im Gedicht ...

 

Im Leben wurzelnde Lyrik

Krokodilrückenblues

„Kometen Kometen“ - Erkundende Umkreisungen der neuen Gedichte von Şafak Sarıçiçek

Was glaubst du denn, was hier schiefläuft, und wer die falschen Schuhe trägt? Wenn schon Mond, dann Blutmond. Deniz Utlu sitzt in der geheimen Gorki-Bar am Tresen, trinkt Maxim auf Eis und liest Şafak Sarıçiçek.

Şafak Sarıçiçek, „Kometen Kometen“, Gedichte, herausgegeben von Jürgen Brôcan, eof, 72 Seiten

Im Titel-Gedicht taucht ein Krokodilrücken mit Froschaugen aus dem Abwasser. Die amphibische Lebensform kehrt zurück, um sich endgültig durchzusetzen. Echsen sind sowieso schöner als Menschen. Ihre Panzerpaarungen haben es in sich.  

Grüne Glut

Kein Gedicht ist bloß ein Spiel, sagt ein Gedicht namens „Spiel“. In Sarıçiçeks lyrischem Kosmos zieht sich Seide aus Gräsern. Ein Abendhimmel „labt sich“; wird Subjekt und bestimmend in der Rolle, die Sarıçiçek ihm zuschreibt. Vielleicht sollte man an dieser Stelle etwas zum Modus operandi sagen, doch lassen Sie uns lieber noch verweilen im Assoziativen.

Mitdenken, Mitdichten … sich einfühlen in etwas Hochgestimmtes ist wie

einem klassischen Konzert beizuwohnen. Die Sprache wird zum Saal so einladend. Rudelgeister tauchen auf. Verschossenes Pulver glüht grün nach.

Der angehende Jurist Sarıçiçek sammelt Indizien, die eine andere Wirklichkeit beweisen sollen.

*

Ein lyrisches Ich folgt der Spur seiner Zweifel über unsere Stellung im Gefüge der Welt. Es entspinnt sich etwas zwischen ignoriertem Dativ und Lupus: „Ist denn der Mensch wirklich dem Menschen Wolf?“

Meer aus verspielter Strenge

Das Monumentale eines Ameisenbaus – Ein lyrisches Ich wird mit jedem Gedicht weniger. In der summarischen Betrachtung suggerieren die Gedichte ein Mehr/Meer aus verspielter Strenge.

Zu Şafak Sarıçiçeks zweitem Gedichtband

Verirrtes Licht

 „Lyrik ist der ungleiche Kampf eines einzelnen … Gedanken mit der trivialen Welt“. Adam Zagajewski

Der Landschaft seiner Ahnen pflanzt Şafak Sarıçiçek seine Gedichte ein und entnimmt sie ihr wie in einem Atemzug. Sie sind an einem Fluss zuhause, der Titel sagt es – das ist eine konkrete Poesie, hermetisch-konkret. Der Fluss heißt wie das Gebirge seines Ursprungs Munzur. Er wird vor der Uzunçayır-Talsperre aufgestaut. Sarıçiçek beklagt den Eingriff des Menschen in die Natur nicht aus einem antitechnischen Affekt. Die Sperre ist ein Monument der türkischen Staatsmacht, und Sarıçiçek ist von Geburt an in der kurdisch-zazaisch-alevitischen Opposition.

Şafak & Deniz Sarıçiçek „der gestaute und der frei fließende fluß“, Gedichte und Zeichnungen, brot & kunst verlag, 136 Seiten, 10,-

Der Dichter beschwört die iranischen Sprachen und Völker in diesem Raum und erinnert an die letzte große Ergebung der Kurden im Dersim-Aufstand von 1938. Şafaks Bruder Deniz schwört auf den Text in der Sprache der Zeichner. 

Das Lächeln der Nachtkatze

Şafak Sarıçiçek entwickelt seine Poesie in Prozessen der Anverwandlung und der Entfremdung. Ihn bewegt die Angst, „die heimat (entschwände) in fatamorganaleere“. Leicht betrübt erzählt er von den „abflussbecken der februartage“. Fast ein Brecht‘sches Lehrgedicht ist „renaissance der weltzuhälter“. Die Rückkehr weiterer Sonnenkönige wird darin vorausgesehen. Einige sollen sogar schon eingetroffen sein.

Im Titelgedicht machen „schwalbenstimmen … bei der tür kehrt“. 

Der Dichter lässt sich nicht in die Karten gucken. Alles ist Material, Melodie und Silbenklang. vom Ich und Wir und Du. Die Transformation vom Ich zum Wir („der Kommunardentraum“ (Heiner Müller) verliert seinen Massencharakter in der Konzentration auf ein Du, das anders Wir wird, wenn die „nachtkatze“ lächelt. 

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