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07.07.2021, Jamal Tuschick

Kein Gedicht ist bloß ein Spiel, sagt ein Gedicht namens „Spiel“. In Sarıçiçeks lyrischem Kosmos zieht sich Seide aus Gräsern. Ein Abendhimmel „labt sich“; wird Subjekt und bestimmend in der Rolle, die Sarıçiçek ihm zuschreibt. Vielleicht sollte man an dieser Stelle etwas zum Modus operandi sagen, doch lassen Sie uns lieber noch verweilen im Assoziativen.

Deniz Utlu liest Şafak Sarıçiçek © Jamal Tuschick

Das Lächeln der Nachtkatze wird zu einem Heidelberger Ereignis

Ich freue mich für Şafak Sarıçiçek, der heute mit dem Preis der Heidelberger Autorinnen und Autoren ausgezeichnet wird. Ich habe noch nicht mehr Informationen und beschränke mich deshalb auf die Meldung. 

Sehen Sie ferner https://www.facebook.com/quintusverlag

Zum Preis (Offizielle Darstellung)

Seit Heidelberg 2014 zur UNESCO City of Literature ernannt wurde, hat sich über zahlreiche neu gegründete Gremien und Projekte verstärkt gezeigt, welch lebhafte und engagierte Literaturszene die Stadt auszeichnet. 
 
Der Preis würdigt herausragende literarische Leistungen von Autorinnen und Autoren der UNESCO City of Literature Heidelberg und stärkt damit sowohl die gegenseitige Vernetzung und Wertschätzung der Heidelberger Literatur- und Autorenszene als auch deren Sichtbarkeit in der Öffentlichkeit. Der Preis setzt einen nachhaltigen Akzent in der UNESCO City of Literature und erhöht nicht zuletzt ihre Wahrnehmung und Relevanz.

Der Preis besteht aus einem Preisgeld von 1.000 Euro, gestiftet von Sponsor Alnatura (Heidelberg-Weststadt), sowie einem hochwertigen Füllfederhalter der Firma Lamy.

Veranstalter für die Auslobung und Verleihung des Preises ist die Heidelberger Autorinnen- und Autorenversammlung. Kooperationspartner sind die Stadtbücherei und das Kulturamt Heidelberg.

Şafak Sarıçiçeks neuen Gedichte erscheinen im Quintus-Verlag

Im Sandmoor ein Android

Pressetext

Der Kritiker Björn Hayer fragte in einer Rezension von Şafak Sarıçiçeks 2019 erschienenem Lyrikband Kometen, Kometen: „Wer spricht hier? Gewiss ein Poet, der sich vollmundig in die Tradition der hohen Dichterpriester wie Hölderlin, George und Rilke samt deren Hang zu prophetischem Überschwang stellt. […]. Spricht hier ein Nostalgiker? Ja, aber mit Beschwingtheit und kraftvollem Funkenschlag!“
Mit Aplomb treten auch die Gedichte auf, die Im Sandmoor ein Android versammelt. Bemerkenswert ist ein Zyklus, der die Heidelberger Sammlung Prinzhorn – ein Museum für Kunstwerke aus psychiatrischen Kliniken – reflektiert und in kraftvolle Sprachbilder übersetzt. Überhaupt geht es in Sarıçiçeks Lyrik oft um Objekte, um Exponate. Kaum ein Gedicht ohne Auftritt lebender oder fossiler Pflanzen und Tiere. Dies alles gerät jedoch nicht zum Panoptikum, sondern ist immer auf das ambivalente Zusammenspiel mit denen bezogen, die es in der Hand haben, die Erde weiterexistieren oder untergehen zu lassen. Da, wo es um das Agieren der Menschen untereinander geht, wird ein tiefer Humanismus deutlich – und ein verhaltener Optimismus, dass es Homo sapiens gelingen wird, seine selbstzerstörerischen Kräfte ins Positive zu wenden.

Hier noch einmal meine Besprechung von Şafak & Deniz Sarıçiçeks Gedichten und Zeichnungen „der gestaute und der frei fließende fluß“

Verirrtes Licht

Der Landschaft seiner Ahnen pflanzt Şafak Sarıçiçek seine Gedichte ein und entnimmt sie ihr wie in einem Atemzug. Sie sind an einem Fluss zuhause, der Titel sagt es – das ist eine konkrete Poesie,  hermetisch-konkret. Der Fluss heißt wie das Gebirge seines Ursprungs Munzur. Er wird vor der Uzunçayır-Talsperre aufgestaut. Sarıçiçek beklagt den Eingriff des Menschen in die Natur nicht aus einem antitechnischen Affekt. Die Sperre ist ein Monument der türkischen Staatsmacht, und Sarıçiçek ist von Geburt an in der kurdisch-zazaisch-alevitischen Opposition.

Şafak & Deniz Sarıçiçek „der gestaute und der frei fließende fluß“, Gedichte und Zeichnungen, brot & kunst verlag, 136 Seiten, 10,-

Der Dichter beschwört die iranischen Sprachen und Völker in diesem Raum und erinnert an die letzte große Erhebung der Kurden im Dersim-Aufstand von 1938. Şafaks Bruder Deniz schwört auf den Text in der Sprache der Zeichner.  

Das Lächeln der Nachtkatze

Şafak Sarıçiçek entwickelt seine Poesie in Prozessen der Anverwandlung und der Entfremdung. Ihn bewegt die Angst, „die heimat (entschwände) in fatamorganaleere“. Leicht betrübt erzählt er von den „abflussbecken der februartage“. Fast ein Brecht‘sches Lehrgedicht ist „renaissance der weltzuhälter“. Die Rückkehr weiterer Sonnenkönige wird darin vorausgesehen. Einige sollen sogar schon eingetroffen sein.

Im Titelgedicht machen „schwalbenstimmen … bei der tür kehrt“.  

Der Dichter lässt sich nicht in die Karten gucken. Alles ist Material, Melodie und Silbenklang. Die Transformation vom Ich zum Wir („der Kommunardentraum“ (Heiner Müller) verliert seinen Massencharakter in der Konzentration auf ein Du, das anders Wir wird, wenn die „nachtkatze“ lächelt. In den Liebesgedichten konkretisiert sich das lyrische Du und vertreibt die „schwarzen reptile der schattenzeit“.