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14.02.2022, Jamal Tuschick

Wenn der Wunsch die Befürchtung ins Ziel trägt

Nach drei Monaten einer für das Baby offenbar zufriedenstellenden Versorgungssituation mit der Mutterbrust als Zentrale, überlässt die Autorin ihrem Zeugungspartner die vermeintlich undankbare Rolle, Albertines Gegenüber bei der ersten Flaschenmahlzeit zu sein.

„Man hatte uns gesagt, dass der Verrat nicht von der Verräterin selbst durchgeführt werden sollte, sondern von einem angeheuerten Attentäter.“

Das Baby erlebt die Durchbrechung der Hausordnung zunächst als Katastrophe und bestätigt so Rachel Cusks von bangem Narzissmus beflügelten Erwartungen. Jede Verminderung der Intensität in der Mutterkind-Beziehung muss einen schwarzen Sog entfalten.

Der Wunsch trägt die Befürchtung ins Ziel.

„(Albertines) Blick trifft mich. Sie sieht, dass ich dem Verbrechen beiwohne, und fängt zu weinen an.“

Im nächsten Augenblick dreht sich das Rad. Albertine beweist Gefühlspragmatismus. Wes Flasch ich trink, den lieb ich hab. Eine neue Allianz dräut im Schlepp der Aufwertung des Vaters. Plötzlich ist er wer in den Augen seiner Tochter. Er kriegt sie genauso satt wie die sofort eifersüchtige Mutter. Cusk bricht die Observation ab. Nicht länger gewachsen weiß sie sich dem monströsen Zugriff ihrer Tochter auf verfügbare Ressourcen. Hauptsache: kein Hunger.

„Ich eile nach oben, als wäre ich Augenzeugin einer furchtbaren Untreue geworden.“

Gefühlspragmatismus

Viren bilden keine Gattung, obwohl sie das vermutlich könnten. Da sie nicht greifbar sind, kann man sie auch nicht angreifen. Unsere lächerlichen Resistenzen bergen keine Einwände gegen die Feststellung. Die 3,5 Mrd. Jahre zurückreichende Covid-19-Ahnenreihe verweist auf die lange Reise, die wir in all unseren Erscheinungen als Wirt:innen absolviert haben. Alexander Kluge spricht von „evolutionärer Intelligenz“ der Viren. Ihr Reproduktionsschema sticht die menschliche Fortpflanzung einfach aus. Die alten Meister:innen sagten: Was nicht einfach ist, das funktioniert auch nicht.  

Natürlich funktioniert die menschliche Weitergabe von Informationen in den Prozessen zwischen Beischlaf und Niederkunft gut genug, um nicht in die Schmelze einer Generalrevision gezerrt zu werden. Doch gibt es jede Menge Friktionen. Davon berichtet Rachel Cusk in „Über das Mutterwerden“. Im Planetensturm der Mutterschaft stößt sie auf Herausforderungen in einem unerwarteten Kontinuum der Ungewissheit.

Als angehende Mutter wähnte sich Cusk auf dem breitesten Boulevard der Welt, bevor sie erkannte, dass die von ihren Vorgängerinnen ausgetretenen Strecken keinesfalls barrierefrei sind. Auf der Suche nach Orientierung konsultierte Cusk ihre Mutter. Unter dem Druck der töchterlichen Unsicherheit zog sich die Frau unsolidarisch zurück ins Nebulöse. Sie täuschte Gedächtnislücken vor.   

Zwanghafte Vorausschau

„In der Schwangerschaft geben das Leben des Körpers und das des Geistes ihre Anstrengung der Getrenntheit auf und verflechten sich auf fatale und bleibende Weise.“

Kaum ist sie schwanger, meldet sich die Autorin für einen Geburtsvorbereitungskurs an. Das hätte sie früher tun müssen, erklärt man ihr. Cusk erkennt, dass sie gerade in einer Sphäre zwanghafter Vorausschau landet.

Bewährte Routinen kollabieren. Die Marken des Vertrauten fallen wie Kegel. Cusk sucht Orientierung in einem Kosmos, in dem zivilgesellschaftliche Aushandlungsprozesse und Emanzipationsdiskurse mitunter resonanzlos bleiben. 

Rachel Cusk, „Lebenswerk.Über das Mutterwerden“, aus dem Englischen von Eva Bonné, Suhrkamp, 22,-

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Die Mutter verliert ihre Spontanität an die Spontanität des Kindes. Mit diesem, auf James Hillman rekurrierendem Fatum eröffnet Rachel Cusk ihre Aufzeichnungen „über das Mutterwerden“. Ob eigene Kinder oder nicht - „keine Frage fand ich rätselhafter … sie interessierte mich mehr als die Fragen nach Liebe, Arbeit, Länge meines Lebens oder Ausmaß meines Glücks“.

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Ein Vater von drei Kindern bestimmt die Differenz zwischen dem aktuellen Beziehungsstatus und seiner Junggesellenzeit am Beispiel des Wochenendes. „Ausschlafen am Samstagmorgen. Dösen, Sex, Frühstück im Bett.“

Erholungskurzurlaub war früher. Heute lautet die Definition:

„Wenn alle Betreuer und Babysitter frei haben“, dann ist Wochenende.

„Am Samstagmorgen wird man um sechs oder sieben Uhr geweckt, weil Leute ins Bett klettern. Sie schreien oder sie weinen einem sehr laut ins Ohr. Man bekommt Tritte in den Bauch und ins Gesicht.“

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Cusk zitiert aus dem Bericht eines Ernüchterten. Sie selbst zeigt sich entschlossen, „überlieferte Familienstrukturen gänzlich einzureißen“.

Morgen mehr.

Aus der Ankündigung

Mutterschaft ist eine paradoxe Erfahrung, zugleich prosaisch und rätselhaft, monoton und bizarr, komisch und katastrophisch. Mutterschaft bedeutet, die Hauptrolle in einem dramatischen Schauspiel menschlicher Existenz zu spielen, zu dem allerdings kaum Zuschauer erscheinen. Es ist ein Prozess, in dem sich ein gewöhnliches Leben in ein Chaos aus mächtigen Leidenschaften verwandelt.
Rachel Cusk erzählt ein Jahr aus ihrem Leben als Mutter, und ihr Bericht wird zu vielen Geschichten – zu einem Abgesang auf Freiheit, Schlaf und Zeit, zu einer Lektion in Demut und harter Arbeit, zu einer Reise zu den Urgründen der Liebe, zu einer Mediation über Wahnsinn und Sterblichkeit und zu einer éducation sentimentale über Babys, Stillen, schlechte Ratgeberbücher, Krabbelgruppen und Schreiheulen. Und darüber, niemals, niemals einen Moment für sich selbst zu haben.

Mutterschaft ist das banalste und faszinierendste Thema überhaupt. Rachel Cusk seziert es in Lebenswerk am eigenen Leib und erschließt diesen eigentlich unfassbaren Zustand auf eine so ehrliche und unsentimentale Weise, dass sie damit zur »meistgehassten Schriftstellerin Großbritanniens« (The Guardian) geworden ist.

Rachel Cusk, 1967 in Kanada geboren, hat die international gefeierte Outline-Trilogie, die Memoirs Lebenswerk und Danach sowie zahlreiche weitere Romane und Sachbücher geschrieben. Der andere Ort, ihr zuletzt erschienener Roman, stand auf der Longlist des Booker Prize. Sie ist Guggenheim-Stipendiatin und lebt in Paris.