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12.08.2019, Jamal Tuschick

In der Rechtfertigungstautologie des Rassisten tauchen stets ausländische Freunde auf, schreibt Marvin Oppong in seiner Bestandsaufnahme „Ewig anders“.

Macht und Vorurteil

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In Pedro Almodóvars jüngstem Film „Leid und Herrlichkeit“ leidet die dem Regisseur aufs Haar nachempfundene Hauptfigur in einer luxuriösen Umgebung unter Depressionen. Versorgt wird Salvador von einer lateinamerikanischen Haushaltshilfe. Der ultraprogressive Hausherr duzt sie und ruft sie beim Vornamen; während sie selbstverständlich sämtliche Höflichkeitsformen walten lässt (während der Hausherr sich selbstverständlich sämtliche Höflichkeitsformen gefallen lässt). Almodóvar ignoriert das dahinterstehende Jahrtausendverbrechen. In Salvadors Küche buckelt eine Missachtete, die ohne Spaniens Kolonialgeschichte, die eine Plünderungs- und Mordgeschichte war, wohl kaum in Madrid niedrige Dienste verrichten würde. Dem Regisseur erscheint jeder Seelenfurz seines verstimmten Helden gravierender als die Exploitation einer Degradierten.

Das ist ein Beispiel für nicht begriffenen Rassismus.

Als Suhrkamp noch in der Frankfurter Lindenstraße residierte, Siegfried Unseld im vierten Stock dem Verlag der Kritischen Theorie vorsaß, und ich im Haus ein und aus ging, beobachtete ich an vielen Nachmittagen die osmotische Entvölkerung der Korridore und Bürowaben. Unselds Schwalben flogen aus. Einkehr hielten u.a. Schwarze, um den Dreck wegzumachen. Das waren Linke ohne Ausnahme, die sich das in ihrer Abwesenheit (oder im verschleppten Aufbruch zwischen Tür und Angel) gefallen ließen, vielleicht nicht, ohne einen Gedanken daran zu verschwenden. Das Schwarzweißschema wurde trotzdem nie Thema.

Das ist ein Beispiel für Egal-Rassismus. Egal ist, wer die Regale auffüllt. Hauptsache, der Feierabendwein hat nicht zu viel Frucht in der Mitte.

Vermutlich erkennen alle Menschen ab einem bestimmten Alter im Phänotyp die Herkunft; im Rahmen einer einfachen Unterscheidung von Eigen & Fremd aka Freund oder Feind. Die längste Zeit hing unser Überleben von Rapid-Entscheidungen ab. Jeder, der nicht von einer Differenz dazu genötigt wird, das segregierende Reduktionsmuster zu begreifen, zeigt sich überrascht, sobald man ihn mit seinem nicht begriffenen Rassismus konfrontiert.

Das ging mir durch den Kopf, als ich für meine Besprechung von Marvin Oppongs Beitrag zur #metoo-Debatte einen Einstieg suchte.

Marvin Oppong, „Ewig anders. Schwarz, deutsch, Journalist“, Dietz Verlag, 236 Seiten, 22,-

Marvin Oppong kommt aus Münster in Westfalen, betreibt investigativen Journalismus und ist FDP-Mitglied.

Oder so:

Marvin Oppong kam 1982 als Sohn eines Ghanaers und einer Deutschen im westfälischen Münster zur Welt. …

Oppong sitzt in einem Dresdner Restaurant: im Revier eines Kellners mit einer asiatischen Differenz (zur Mehrheitsgesellschaft). Er spricht den Gast auf Englisch an. Oppong kritisiert das. Er will keine Sonderbehandlung. Er erkennt in dem Verhalten des Kellners nichts Zuvorkommendes, sondern eine sublime Zurücksetzung.

Die englische Ansprache entspricht einer Aussonderung; einer übergriffigen Feststellung von Fremdheit; einer Übernahme der Deutungshoheit.

Ich sage dir, wer du bist.

Oppong zitiert Noah Sow: Rassismus ist „die Verknüpfung von Vorurteil mit institutioneller Macht“.

Deshalb bleibt es notwendig mit der Waffe des Arguments im Anschlag gegen angeblich freundliche und offen unfreundliche Übernahmen vorzurücken. - Um den Rassist*innen nicht das Feld der Deutungshoheit zu überlassen. Wo immer das passiert, verliert der Diskriminierte den Subjektstatus. Der Verlust führt zur Aushöhlung der sozialen Skulptur, die jeder Mensch darstellt.

Nicht begriffener Rassismus fußt stets auf institutionalisiertem Rassismus. Der Dresdner Kellner hält eine rassistische Dimension in seinem Repertoire vermutlich für ausgeschlossen.  Sein Rassismus ist zweifellos geringfügig im Vergleich mit den toxischen Ladungen, denen er selbst ausgesetzt ist.   

Es ist ein Überlaufen. Etwas in ihm läuft über. Er läuft über zum weißen Mann … und wenn er kommt, dann laufen wir.

Oppong regt einen Bildungsprozess an. Erkenne den Rassisten in dir. Er geht ans Eingemachte, da wo die Selbstverständlichkeiten hausen.

„Viele Weiße sind es gewohnt (mit einer rassistischen Praxis) durchzukommen, denn wer soll schon etwas sagen, wenn die Mehrheit weiß ist und viele davon mit vielem gar kein Problem haben.“

Das jüngste beste Beispiel lieferte Clemens Tönnies in Paderborn. Der Aufsichtsratsvorsitzende des FC Schalke 04 sprach in seiner Eigenschaft als Chef des zweitgrößten Schweineschlachthauskonzerns in Europa am Tag des Handwerks auch über den Klimawandel, dem nach Tönnies‘ Auffassung nicht mit höheren Steuern beizukommen sei. Vielmehr solle man jährlich zwanzig Kraftwerke in Afrika finanzieren.

„Dann würden die Afrikaner aufhören, Bäume zu fällen, und sie hören auf, wenn’s dunkel ist, Kinder zu produzieren.“ 

Besser als Tönnies kann keiner Oppongs Befund bestätigen. In einer weißen Welt berührt Rassismus keinen Schmerzpunkt. Die Handwerker applaudierten dem Redner, Merkels Afrika-Experte sekundierte. Die Kritik der couragierten Zivilgesellschaft nötigte Tönnies zwar zu Relativierungen. Sie zeigte aber auch, dass der Kritisierte nicht vorhat, bei seinem Eiertanz ins Schwitzen zu geraten.

Das ist der nächste Punkt: „die reflexhafte Abwehr“.

„Niemand kriegt gerne den Spiegel vorgehalten“, schreibt Oppong. Die antifaschistische Gleichsetzung von Rassist & Nazi, so Oppong, lädt zumal jene zu besonderer Vorsicht ein, die noch zu ehrgeizig oder sonst wie bedürftig sind, um sich in der sozialen Diaspora der Geächteten kleingärtnerischen Beschäftigungen zu überlassen.

In der Rechtfertigungstautologie des Rassisten tauchen stets die ausländischen Freunde und „Mitarbeiter aus allen möglichen Ländern“ auf. Sie besagen nichts, sagt Oppong, den Döner essenden Neonazi ins Spiel bringend.

Von der reflexhaften Abwehr zum Gegenangriff und zur Täteropferumkehr ist der Weg nicht lang.

Der Rassist nennt seinen Kritiker einen Rassisten.

Oppong erwähnt die Causa Noah Becker/Jens Maier. Maier, der Becker als „kleinen Halbneger“ bezeichnet hat, wehrte sich gegen den Beleidigungsvorwurf mit einer Spitzenleistung: Becker habe Berlin zuerst als „weiße Stadt“ beleidigt. Dagegen sei er eingeschritten. Daran ist nur interessant, dass sich Maier garantiert nicht als Täter erlebt und in Beckers Verhalten die einzigen Fehler der Interaktion entdeckt.

In einem Kommentar las ich: Das N-Wort „altere schlecht“. Das ist zuletzt ein Scherz. In solchen Camouflagen steckt eine Klage. Man befürchtet den Verlust rassistischer Munition, wenn man jetzt schon nicht mal mehr das N-Wort sagen darf. Meines Erachtens setzen sich auch satirische Ver- und Vorstöße gegen das N-Wortverbot dem Rassismusvorwurf aus.

Selbst da, wo gesetzliche Schranken Rassismus erschweren, macht er sich ein Bett, in dem er ebenso ruhig liegen wie sich erregen kann. Er ist so unaufhaltsam wie das Wasser. Gegebenenfalls schließt man die Schwarze Mitarbeiterin von der betrieblichen Grundversorgung auf den Ebenen Information und Emotion aus. Dass in einer weißen Umgebung isolierte Schwarze Kind erlebt die Neuauflage als Erwachsene als konfrontativen Ausschluss. Nur, dass sich keine konfrontiert.

Der Ausschluss erfolgt unter Umgehung der Konfrontation.

Solche Ausschlüsse können „zu psychischen Erkrankungen führen“.

Morgen beschäftige ich mich mit Oppongs These von der „Erniedrigung, die per se“ im Rassismus steckt. Der Rassismus und seine Vorwände sind ein Nachhaltigkeitsprojekt, das von Generation zu Generation in Gang gehalten wird.  

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