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22.08.2019, Jamal Tuschick

1979 lebt Reza in Westberlin. Er tarnt sich auf seinen Wegen der Auftragserfüllung mit einer habituellen Nähe zu Aktivist*innen im SDS-Spektrum, obwohl ihn die „Berliner Hippies“ mit ihrem Bier- und Gefühlssozialismus in die Sozialaversion treiben. Chomeinis Machtübernahme macht aus ihm einen mittellosen Mann. Reza besinnt sich auf Clara.

Gebärprotestantinnen

Eingebetteter Medieninhalt

Kürschnermeister Willi ist ein Macher, einer von denen, die ihre Lektionen im Kessel von Smolensk gelernt haben. Illusionen wurden ihm mit dem eisernen Besen ausgetrieben. Nach dem Krieg zog Willi den Familienbetrieb aus Trümmern. Er trug einen Schuldenberg ab, den er nicht aufgehäuft hatte.

Willi leistet seinen Teil. Seine Schützenbruderschaft gehört in die Abteilung geschäftsfördernde Geselligkeit. Der Leser lernt Willi 1981 im Ornat der unverbrüchlichen Zugehörigkeit kennen. Es ist Kirmessonntag irgendwo (seit Widukinds Abfall vom alten Glauben anno 786) im katholischen Westfalen zwischen Dortmund und Paderborn.

Marius Hulpe, „Wilde grüne Stadt oder Im Labyrinth des entwurzelten Lebens“, Roman, Dumont, 393 Seiten, 24,-  

Willi pumpt Bier ab und verteilt Haltungsnoten. Er rezensiert den Betrieb der Marschmusikanten und observiert das kerbgenossenschaftliche Spalier. Zu seinem Leidwesen entdeckt er unter lauter vertrauten Gesichtern das Antlitz eines Orientalen.

Parfümierte Widerstandslosigkeit

Die Kapitel sind mit Jahreszahlen beziffert. An einem späteren Anfang der Geschichte rutscht Niklas Ende der Achtzigerjahre über das Treppengeländer. Jahrzehnte zuvor erlebt Reza die Unbequemlichkeit eines Militärarrests im Iran, bevor er als Perspektivagent und Knowhow-Pirat (versorgt mit einem staatlichen Kaperbrief) in Deutschland aufschlägt. In einem aufgekratzten Haufen „unwahrscheinlich zuvorkommender Franzosen und Deutscher“ muss er sein Abitur noch einmal machen. Reza „misstraut … der parfümierten Widerstandslosigkeit“ seiner Mitschüler*innen.

„So kann das Leben nicht sein.“

Aber so ist es. Als Student der Agrarwissenschaften gerät Reza „in eine Art Kornkammer des Stahls“. Das Industriezeitalter ist mit seinen Abstichilluminationen noch nicht zu Ende. Im Ruhrgebiet glühen die Hochöfen. Die Förderbänder rattern. Es regnet Kohlenstaub; das ungenießbare Manna der Malocher. 1972 gibt Clara Kemper Reza als Vater ihrer Tochter Sheva an. Sie reagiert auf ein Gefühl. Sicher ist sie sich nicht. Auch der Rumäne Cosmin kommt in Frage. Clara heiratet Cosmin, 1976 muss sie ihn in Rumänien freikaufen.

Vielleicht gehört Clara zur Riege der Gebärprotestantinnen. Im Krieg oder kurz danach geborene Frauen versetzten ihren Herrenmenschenvätern die härtesten Schläge, indem sie Kinder von Nicht-Weißen bekamen. Der ethnisch differente Nachwuchs war das unpassende Stück im Blut- und Boden-Puzzle.

Clara gibt ihrem angeblich „halbiranischen Kind (einen) jüdischen Vornamen“. Tatsächlich ist das Kind nicht von Reza.

Clara bringt die Willis dieser Welt zum Kochen. Hulpe verschweigt den Hass der Mutter auf das Kind nicht. Zwar beeilt sich der Hass, von der Empfindungsbühne zu verschwinden. Aber er hatte seinen Auftritt.   

Niklas ist Shevas Bruder. 1990 jobbt er in den Herbstferien im pelzverarbeitenden Familienbetrieb, ein Großonkel fällt ihn rassistisch an. Noch werden Tageseinnahmen abends im Beutel zur Bank getragen; noch ist Niklas zu jung, um die Gemeinheit zu kapieren; während Großvater Willi vom Alter an den gesellschaftlichen Narrensaum verbannt wurde.

Ich finde das alles genau getroffen. Mich erinnert der Roman an manches aus der eigenen Familie. Wie die alten Faschisten in der Nachbarschaft mit ihren nie abgegebenen Waffen, sicher aufbewahrten Orden und den exzellenten Kontakten zur Polizei allmählich ihren Verstand (und die ruhige Hand) verloren und sabbernd in die Inkontinenz segelten. Der greise Ex-Ortsbauernführer in Windeln, die Deutschlandhymne krakeelend; Hulpe liefert ähnliche Szenen aus dem Dschungel der Zeit.

1979 lebt Reza in Westberlin. Er tarnt sich auf seinen Wegen der Auftragserfüllung mit einer habituellen Nähe zu Aktivist*innen im SDS-Spektrum, obwohl ihn die „Berliner Hippies“ mit ihrem Bier- und Gefühlssozialismus in die Sozialaversion treiben. Chomeinis Machtübernahme macht aus ihm einen mittellosen Mann. Reza besinnt sich auf Clara.     

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